1. Art International Istanbul

23. Sep. 2013 in Kunstmesse

1.Art International Istanbul, 16.-18.9. 2013

„In Istanbul wächst das Interesse an zeitgenössischer Kunst in den letzten Jahren enorm, die Zahl der Galerien und auch der Sammler steigt stetig. Die Stadt ist bereit für eine gute, internationale Messe“, sagte Sandy Angus stolz Anfang des Jahres. Bald aber begannen die Schwierigkeiten. Eigentlich sollte die neue Kunstmesse „Art International Istanbul“ (AII) zeitnah und in Gehdistanz zur Istanbul Biennale in der Haskoy Yam Factory eröffnen. Aber erstens musste der Termin auf Wunsch der Biennale verschoben werden, zweitens musste im März schnell ein neuer Standort und drittens ein neuer Name gefunden werden.

 

Denn die 2006 gegründete Kunstmesse „Contemporary Istanbul“ kämpfte mit allen Mitteln gegen die neue Konkurrenz. Eine Woche vor Beginn mussten sämtliche Drucksorten eingestampft werden.

Angus ist erfahrener Messebetreiber, gründete 2008 die Art Hongkong, kaufte 2011 zusammen mit Will Ramsay 49% Anteile an der India Art Fair in Delhi und startete heuer zusammen mit Tim Etchell die Art13 in London. Kopfschüttelnd erzählt er von den Problemen, die nicht endeten. Zwar wurde ein neues Quartier gefunden: das Halic Congress Centre, das mit einem Boot nahe von Istanbul Modern in einer halbstündigen Fahrt oder per Taxi im ewigen Stau zu erreichen ist. Auch das Namensproblem wurde gelöst: „Art International“. Angus rechnet fest damit, den Prozess gegen den Konkurrenten zu gewinnen.

Aber während des Aufbaus tagte dann Premierminister Erdogan in dem Kongresszentrum – und ihn störte die schattenspendende Verspannung auf der Terrasse unten am Wasser, die für den Empfang der VIP-Geste errichtet war. Zwei Tage vor Eröffnung musste also auch die Konstruktion ab-, nachts flugs wieder aufgebaut werden. Außerdem störte den Premierminister der Aufbaulärm. So fanden einige Transporteure für die anzuliefernden Kunstwerke am Samstag eine komplett leere Halle vor, erzählt Waltraud Mauroner (MAM Galerie, Wien, Salzburg).

 

Pace Gallery

Sonntag war dann endlich Eröffnung – und von all den Hindernissen nichts mehr zu spüren. Das kuriose, eingeschossige Tagungszentrum mit den tageslichtdurchfluteten Räumen und glänzenden, mit Ornamenten geschmückten Steinböden war perfekt in eine Kunstmesse verwandelt. 62 internationale Galerien präsentierten ihre Werke in professionellen Ständen auf grauem Teppich.

Rampa, Istanbul, mit Nevin Aladag

 

Einige setzten auf Blueships wie die Lisson Gallery (London) mit Anish Kapoors Marmorskulptur (850.000,- Euro), die sofort verkauft war. Da war offenbar die bombastische Einzelausstellung des indisch-britischen Starkünstlers im privaten Sabanci Museum (Istanbul) hilfreich. 220 Tonnen Steinskulpturen auf drei Etagen ließ Lisson dort aufstellen.

 

Halil Altindere, No Man´s Land, Durtrans, Lichtbox, 100x170cm

Andere Galerien zeigten Einzelpositionen wie Pilot (Istanbul) mit Halil Altindere, dessen Roma-Rapper-Video „Wonderland“ zu den besten Beiträgen der heurigen Istanbul Biennale gehört. Auf der AII sehen wir Altinderes 1:1-Nachbildung eines Afrikaners, der gefälschte Handtaschen verkauft (100.000,- Euro). Besonders erfreulich: Trotz des hohen Quadratmeterpreises von 500,- Euro war immer wieder hervorragende, junge Kunst zu entdecken wie bei DIX9 (Paris) die Werke von Sophia Pompery. Die junge Berlinerin filmte im Wind wehende Fahnen von Kemal Atatürk: eine pausenlose Deformierung des Staatsgründers der Türkei (3.500,-).

Sophie Pompery, Atatürk, Gaerlie DIX9

 

Halle 1, Art International Istanbul

 

Viele Galerien entschieden sich für politische Werke, Santiago Sierras Fotografie „No Policia“ bei Lisson (35.000,-) oder auch der Beton-Fußball von Khaled Jarrar bei Polaris (Paris, 9000,-).

Khaled Jarrar

Jarrar lebt in Palästina, die israelische Mauer verlaufe dort mitten durch ein Fußballfeld, berichtete der Galerist. Jarrar hämmerte einige Betonteile daraus, zerstieß sie, vermischte sie mit Wasser, füllte es in einen Ball und schuf so dieses intensive Bild einer absurden Welt. Ein beachtlicher Teil der Sammler hier kommen aus dem Nahen Osten und schätzen gerade solche zeitaktuellen Werke. Nur gut 4000 Besucher sahen die Messe, aber verkauft wurden laut Messe Werke für 21 Mio. Euro.

Art International Istanbul 2013

 

Off Spaces, Art International Istanbul 2013

 

Einzelstand Wim Delvoye, Arndt Berlin / Peking, Art International Istanbul 2013

 Art International, 16.-18.9.2013

 veröffentlicht in: Die Welt, 21.9.2013