1. Athen Biennale 2007

03. Dez. 2007 in Biennalen

1.Athen Biennale: Destroy Athen (10.9.-18.11.2007)

Hier ist die Wiege der Demokratie, der Ursprung unserer Kultur, das Maß unserer Vorstellungen von Schönheit: Athen, die Akropolis, das Panthenon. Hier ist Smog vom ewigen Stau im Autoverkehr, hier bröckeln die Fassaden der modernistischen Billig-Architekturen und die wenigen Altbauten rund um den Tempelberg mitten in der Stadt verfallen still vor sich hin. Athen ist eine Stadt im Spagat zwischen Klischee und Wirklichkeit, zwischen Antike und Alltag Jetzt hängen in diesen Strassen überall Plakate mit der Aufforderung „Destroy Athen“.

Es ist der Titel der 1.Athen Biennale, den das junge, unabhängige Team höchst provokant wählte. Xenia Kalpaktsoglou (Direktorin der DESTE Foundation), Poka-Yio (Künstler und Kurator), Augustine Zenakos (Kunstkritiker) wollen natürlich nicht zur Zerstörung Athens aufrufen. Sie wollen Stereotypen zertrümmern, im Besonderen und Speziellen, kollektive und individuelle. Im Vorfeld fand eine zweitägige Konferenz unter dem Titel „Prayer for (passive?) resistance“ statt (mit u.a. Yiannis Stavrakakis & Kostis Stafylakis, Catherine David, Evelyne Jouanno, Viktor Misiano), die zur Analyse der verschiedensten lokalen und globalen Klischees diente. Mit diesem Vorlauf ist die Theorie-Seite also abgedeckt und die Biennale kann sich ganz auf die Ausstellung konzentrieren – die als unerwartet strenge Erzählung angelegt ist. Knapp sechzig KünstlerInnen sind in sechs Einheiten vom „1.Tag“ bis zum „6.Tag“ eingeteilt, präsentiert in einer unausweichliche Einbahnstrasse mit engen Verbindungstunneln, offenen Innenhöfen und in den  teilweise spektakulären Räumen dieses ehemaligen Gaswerkes, das unter dem Namen „Technopolis“ als bekanntes Veranstaltungsgelände in Athen dient.

Gleich zu Beginn dröhnen die Explosionen in Julian Rosefeldt & Piero Steinles Video „Detonation Deutschland“, bevor wir auf einem offenen Platz mit aktivistischen Zeugnissen über die Welt und ihre Probleme in Kenntnis gesetzt werden. Der „zweite Tag“ führt uns zu den Identitäten Griechenlands, mit Nikos Kessanlis Skulptur von 1963, ein Ölfass mit dreckigem Fetzen darunter, „Proposition for a New Greek Sculpture“, dazu die ehemals zensierte Interview-Serie der Otholith Group über Klischee und Wirklichkeit in Griechenland bis zur humorvollen Paraphrase des kuriosen Stechschritts der griechischen Nationalgarde im Video von Bernhard Willhelm und Eva Stefanis Video, in dem sie der Akropolis einen weiblichen Körper, eine Stimme zuschreibt. Folkert de Jongs eigens für Athen geschaffene, morbide Gauklergruppe und Jannos Varelas´ dionysische Zeichnungen leiten dann zum dritten Kapitel über. Unter Thanassis Totiskas ewig speibenden Mann hindurch gehen wir jetzt in die eigenartige Räume mit Rohren und Löchern, die den ab jetzt dominierenden Charakter einer Vorhölle massiv unterstützen. Nach Gregor Schneiders „Weisse Folter“ und Mark Manders großartigen, schwarzen Skulpturen gaukelt uns dann am 4.Tag ein open-air-Park kurz Erholung vor, bevor der 5.Tag mit voller Gewalt über uns bricht, laut, aggressiv, unausweichlich, Aidas Bareikis´ Gruselkabinett, Kimberly Clarks Müllhaufen, John Bocks Folter-Video, Vassilis Patmios Karouks apokalyptische Bilder. Der letzte Tag wartet dann mit Momenten auf, die wir nicht mehr vergessen werden, der Nachbau von Angelo´s 4 qm kleiner Gefängniszelle und die akribischen Anleitungen für im Gefängnisalltag erfundene Hilfsmittel wie Bügel aus Zeitungen oder Stecker aus Büroklammern, danach Christian Marclays Telefonhörer in Knochenform als dead-end-Kommunikation und als Abschlussbild Elini Mylonas´ Video eines toten Schafs, das mit jeder Welle an Land und wieder zurückgespült wird – selbst im Tod liegt keine Ruhe.

 Soviel Unausweichlichkeit leistet sich selten ein Ausstellungsteam. Möglicherweise ist es die Rückwärtsgewandtheit der griechischen Kultur, die Stagnation in Sachen Förderung für zeitgenössische Kunst, die das Team zu einer derartig deutlichen Sprache anheizte. Jedenfalls hat es gewirkt: Das Kulturministerium kam spät, aber doch als Förderer hinzu und das Viertel rund um das Gaswerk prosperiert unübersehbar zum neuen Szenetreff. Zwischen den nur an der Lampe über dem Eingang erkenntlichen Bordellen, den verfallenen Häusern und den stetig zunehmenden Szenelokalen etablieren sich hier jetzt mehr und mehr Galerien, unterstützt von den Parallelausstellungen der Biennale und von „ReMap“, dem temporären Programm der lokalen Galerien in leerstehenden Räumen.

 Der 7.Tag fehlt im Technopolis-Parcour. Vielleicht findet die Erzählung hier im Viertel dann im Anschluss an die Biennale wieder zum Leben. Und die Biennale hoffentlich in zwei Jahren eine Fortführung.

 publiziert in: SPIKE 14, Dez. 2007

 

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