1. Singapur Biennale 2006

10. Dez. 2006 in Biennalen

 

Tsai Charwei, Singapur 2006

1.Singapur Biennale 2006: Belief

 Über 150 Biennalen und Triennalen gibt es weltweit, aber keine hat sich bisher schon zu Beginn an das gewagt, was die Welt im Innersten zusammenhält: „Belief“ ist der Titel der diesjährigen ersten Singapur Biennale. Woran glauben wir noch bzw. „sind wir schon jenseits des Glaubens angekommen oder befinden wir uns an der Schwelle seines Wiederauflebens?“ Welches sind die „Aspekte des Glaubens im Kunstsystem und Wertvorstellungen in der heutigen Kunst?“

N. S. Harsha, Singapur 2006

Mit diesem Thema reagiert Chefkurator Fumio Nanjo und sein Team auf den speziellen Kontext in Singapur, auf die Eckpunkte Geld und Glauben, Freiheit und Religion. Eine Woche nach der Eröffnung trafen sich hier die Vorstände des umstrittenen Internationalen Währungsfond und der Weltbank. Und Singapur ist ein prosperierender, kleiner  Stadtstaat mit einer multiethnischen und ebenso multireligiösen Bevölkerung.

Sieben der insgesamt neunzehn Ausstellungsorte sind religiöse Häuser. Oft stehen Tempel, Kirche und Moschee nur wenige Schritte voneinander entfernt und bilden einen  unübersehbares Gegengewicht zur Skyline der gläsernen Banken-Hochhäuser. Auch in den Beiträgen der 95 Biennale-Künstler bleiben die beiden Glaubensinhalte Religion und Geld streng voneinander getrennt, ebenso wie die Glaubensbekenntnisse. Die intendierte interreligiöse Durchmischung findet erst dann statt, wenn die Besucher durch die Biennale gehen, wenn Katholiken in Moscheen und Buddhisten in Synagogen die Kunstwerke aufsuchen. So stellt der Inder Alwar Balasubramaniam vor der Church of Saints Peter & Paul Vitrinen auf, in denen weiße Quader stehen. Im Laufe der Zeit zersetzt sich das Material und es kommen kleine Engel zum Vorschein. Bekenntniskonform reagiert auch der Japaner Hiroshi Sugimoto, wenn er schwarz-weiße Fotografien von Kerzenflammen gleich unter die einfachen Holzreliefs hängt, die in dieser Kirche von der Kreuzigung Jesu erzählen.

Hiroshi Sugimoto, In Praise of Shadows, c: Singapur Biennale

Manche Beiträge kann man bereits vor den Toren sehen: Betätigt jemand den Türöffner der Armenian Church of St Gregory the Illuminator, erleuchtet die Kirche. Ähnlich wie hier Ashok Sukumaran (Indien), spielt auch Jaume Plensa mit der vielleicht allzu offensichtlichen Erleuchtungs-Metapher, wenn er vor die Maghain Aboth Synagoge einen künstlichen Stein legt, aus dem in der Nacht ein Laserstrahl gen Himmel fliegt.

Überhaupt geben sich die Künstler harmlos und zurückhaltend in ihren Beiträgen an den heiligen Orten. Zwar ist bei der detallierten Auflistung im Pressetext genau die Herkunft (61 Künstler aus Asien, 12 aus Singapur), die Menge der ortsspezifischen Werke (58) und der jeweils jüngste (Nuha Asad, 23 Jahre alt) und älteste Teilnehmer (Yayoi Kusama, 77 Jahre alt)

Y. Kusama, Singapur 2006

vermerkt, die Religionszugehörigkeit allerdings wird verschwiegen. Sicherlich aber stammen viele aus dem Riesenreich des Bilderverbots. So ist die Kunst der islamischen Welt voller kalligraphischer Zeichen, geometrischer Muster und Pflanzenornamenten. Und genau das spiegelt sich deutlich auf der Biennale: Auf dem Dach der Sultan Moschee malt Imran Qureshi (Pakistan)

Imran Qureshi

feine Blumenmuster auf Boden und Wände, die vom Regen langsam verwaschen werden, eine Etage tiefer reagiert Ebtisam Abdul Azizs (Vereinigte Emirate) mit ihren Zeichnungen aus mathematischen Mustern auf die geometrischen Bodenplatten.

Ebtisam Abdul Aziz, Ten Triangles, c: Singapur Biennale

Im chinesischen Kwan Im Thong Hood Cho Tempel bemalt Federico Herrero (Costa Rica) die Säulen mit bunten Farbflächen, Charwei Tsai (China) beschriftet Lotusblättern in winzig kleiner Schrift mit dem „Lotus Mantra“ und Bing Xu(China) ließ an diesem buddhistischen Ort den abgewetzten, roten Teppich durch einen neuen ersetzen. Beschrieben mit einem religiösen Text in chinesischen Schriftzeichen, weigerten sich die Gläubigen sofort, ihn zu betreten.

Federico Herrero, c: Singapur Biennale

Jetzt liegt der Beitrag völlig verloren in der oberen Etage des National Museums, seines Zusammenhangs beraubt und leider auch der Sichtbarkeit entzogen. Der besondere Clou von Bing Xus Teppich liegt nicht im Inhalt der Schrift, sondern in der Kalligraphie, die in jeder Richtung gelesen werden kann, darin der Wirklichkeit vergleichbar, die in vielen Lesarten viele Bedeutungen entfalten kann. Das ist ein entscheidender Punkt, denn heute verstehen wir unter ´wirklich´ die sinnliche Wahrnehmung von Dingen und das ist eine Sicht, die auf dem Glauben an ein kollektiv verbindliches, objektiv gegebenes Sein von Dingen und Zuständen basiert. Aber ehemals war Wirklichkeit nichts Gegebenes, sondern Handelnd zu erfahren. Vielleicht ist es diese frühere, manchmal noch mitschwingende Bedeutung von ´wirklich´, an die die Künstler in den religiösen Häusern denken, wenn sie ganz vorsichtig hier mit Kunstwerken intervenieren und den religiösen Glaubensbekenntnissen ein weiteres zur Seite stellen: Den Glauben an ein Wirksamwerden der Kunst.

Amal Kenawy, stop- you will be killed, 2006

Donna Ong, Secret, c: Singapur Biennale

Denn das wird in Singapur deutlich: In diesem auf das Schärfste reglementierten und kontrollierten Staat fordert die Biennale mit und durch die künstlerischen Beiträge subtil, aber unüberhörbar mehr Freiheit und Flexibilität. Das zeigt sich auch in den vielen Positionen in den beiden Hauptorten, der City Hall, dem ehemaligen Sitz des Obersten Gerichtshofes, und im „Tanglin Camp“, einem ehemaligen militärischen Übungsgelände. Hier reflektiert man – anders als in den heiligen Häusern – kritisch die Zustände oder beleuchtet sehr humorvoll die allgegenwärtige Geldwirtschaft in dieser asiatischen Schweiz. Wie weit der Mut reicht, wird in dem großartigen Film von Birger & Bergström deutlich: „The Last Supper“ recherchiert Tradition und Fakten der Henkersmahlzeit. So erzählen ein texanischer und ein thailändischer Gefängniskoch von all den letzten Essen, die sie für Todeskandidaten zubereiteten. Unterbrochen werden diese Passagen von Exkursen zu mittelalterlichen Gebräuchen und historischen Darstellungen. Singapur ist der Staat mit der höchsten Exekutionsrate im Vergleich zur Einwohnerzahl, 400 pro Jahr bei vier Millionen Einwohnern – ein Anlass zur Zensur war dieser Beitrag trotzdem nicht.

So können die eingangs zitierten Fragen nach „Glauben im Kunstsystem“ und „Wertvorstellungen“ in Singapur eindeutig beantwortet werden: Die Biennale wird getragen von einem Glauben an die Macht der Kunst, und dem Versuch, einem gesellschaftspolitischen Wandel den Boden zu bereiten. Denn alles ist ohne politische Offenheit nichts. Und ohne Glauben geht auch nichts. Der Katalog imitiert übrigens in Format und Papierwahl die Bibel.

veröffentlicht in: Monopol Dez. 6/2006

COPYRIGHT Sabine B Vogel