11. Art Dubai

20. Mrz. 2017 in Kunstmarkt

Kunstmessen sind weitgehend veränderungsresistene Ereignisse in meist neutraler Umgebung. Anders in Dubai. Die Stadt rings um die Art Dubai wächst in einem atemberaubenden Tempo, das Galerieviertel Alserkal Avenenue entwickelt sich immer mehr zum Kunstzentrum des Nahen Ostens und die Kunstmesse überrascht mit immer neuen Galerien. Zwar ist der Länderschwerpunkt aufgegeben, dafür die Mischung umso globaler. 94 Galerien aus 43 Ländern nehmen an dieser 11. Ausgabe teil. Und noch immer residiert die Messe in dem Madinat Jumeirah Hotel, wo die neobarocke Ausstattung mit den goldenen Kronleuchtern, der großen Terrasse am Wasser, der Nähe zum Meer und zum Burj al Arab dieser Kunstmesse einen einzigartigen Charakter verleihen: Hier erzählt alles von einem entspannten Umgang mit Luxus. Umso kontrastreicher ist der Rundgang durch die Messe. Zwar sieht man immer wieder harmlose Deko-Ware, aber vor allem ist diese Messe ein Seismograph für die Region. Die sozipolitische Situation spiegelt sich in den ausgestellten Werken und im Publikum wider. So kamen heuer auffallend viele Sammler aus dem Iran, Tunesien und Ägypten, immer wieder hört man von neuen Privatmuseen, die in Kairo, Beirut, Ramallah geplant sind. Viele Galerien vor allem aus dem Nahen Osten zeigen Werke, die starke Bilder finden für Gewalt, Migration, Ängste, Hoffnung.
Erstmals nehmen heuer acht Galerien aus Teheran teil. „Als wir letztes Jahr im Komitee zusammensaßen, waren die Sanktionen gegen den Iran gerade gelockert“, erzählt die Wiener Galeristin Ursula Krinzinger. Ein Jahr später hat die USA zwar wieder verschärfte Sanktionen angekündigt, aber die iranischen Galeristen auf der Art Dubai sind trotzdem zuversichtlich. Die Ag Galerie spricht von rund 300 Galerien in Teheran, viele suchen den Schritt in eine internationale Öffentlichkeit, die sie in Dubai finden. Doch auch hier wirken sich die Sanktionen aus, denn noch immer ist der Finanztransfer in den Iran ein Hürdenlauf. Manche Galeristen verfügen über Konten im Ausland, andere können nur hoffen. So erzählt die Direktorin der Mohsen-Galerie von einem Werk, das sie auf der San Francisco Artfair an eine US-amerikanische Universität verkaufte. Die zahlten zwar prompt, aber der Betrag durfte noch immer nicht weitergeleitet werden.
Mohsen Gallery wurde von 2010 von Ehsan Rasoulof, Sohn eines iranischen Bankers und ehemaligen stellvertretenden Ministers gegründet. Für die Art Dubai beauftragte seine Galerie zwei Künstler mit neuen Werken. Beide besuchten ihre Heimatdörfer in der iranischen Provinz, Mehdi Abdolkarimi zeigt einen bedrohlich zugespitzten Kronleuchter aus Tierhaut und Mojtaba Aminis „Halab! Halab!“ erinnert an einen zerfallenen, überdachten Ganges. Der Titel benennt eine Stadt in Syrien und bedeutet zugleich ´Milch´, ein Symbol für Hoffnung. Am Stand der Agial Art Gallery steht ein kleiner Käfig aus Bronze auf dem Tisch, darin eine Figur in Handschellen. Ähnliche Skulpturen zeigte die 70jährige Ginane Makki Bachos in einer riesigen Installation in der Galerie in Beirut, die um die dunkle Seite der Zivilisation kreiste. Allein der kleine Bronzekäfig auf der Messe gibt schon einen Eindruck der bedrückenden Intensität dieses Werks. Dahinter hängt Abdul Rahman Katananis aus Stacheldraht geformter „Tornado“ – ein Bild für die Gewalt, die über Länder dieser Region fegt, wie Galerist Saleh Barak erklärt. In der Deutung weit offener, doch ähnlich bedrohlich sind die Zeichnungen der indischen Künstlerin Anju Dodiya (Daniel Templon): In biblische Darstellungen des Mittelalters malt sie dunkle Wolken, lodernde Feuer und gespenstische Masken – eine Invasion der christlichen Welt durch fremde Wesen, eine Anspielung auf Trumps Ängste?
Das Interesse der Sammler an solchen Werken ist groß, schon am Eröffnungstag war vieles verkauft. Frank Stellas farbenfrohe 3D-gedruckte Plastikskulpturen bei Marianne Boesky dagegen lockten nur wenige Besucher an, der Preis von 250.000 Dollar liegt allerdings auch weit über dem Schnitt auf dieser Messe. Die Berliner Galerie Carlier-Gebauer konnte eine der „Wave machines“ des jungen palästinensisch-schwedischen Künstlers Tarik Kiswanson an eine der namhaftesten Sammlerinnen der Emirate für 30.000 Euro verkaufen. Ähnlich ist auch das Preisniveau in der Modern-Sektion, wo 15 Galerien Meister der nichtwestlichen Moderne zeigen. Die heuer erstmals eingeflogenen einhundert Sammler aus aller Welt interessierten sich besonders für Ahmed Nawashs Malerei, die bei Preisen ab 30.000 Dollar bei Wadi Finan Art Gallery aus Amman schnell verkauft war. Gerade in dieser Sektion ist zu merken, wie rasant die Offenheit für die Kunst dieser Region wächst und wie viel Kapital dafür bereit steht. Die neue, in Dubai geborene Messedirektorin Myrna Ayad nennt die Art Dubai einen „Katalysator, der die kulturelle Landschaft der Region verändert“ – eine treffende Beschreibung, die auf keine andere Kunstmesse zutrifft.

Art Dubai, 15.-18.3.2017