11. Istanbul Biennale 2009

06. Okt. 2009 in Biennalen

Klassenkampf am Bosperus – 11.Istanbul Biennale

Darinka Pop-Mitic, Pirate Jenny

Biennalen sind außergewöhnliche Veranstaltungen. Anders als herkömmliche Gruppenausstellungen dienen sie nicht nur der Präsentation von Kunst, sondern sind voller Versprechen. Die nationale soll mit der internationalen Kunstszene verbunden, die Stadt in einen positiven Fokus gerückt und die Bevölkerung als Publikum gewonnen werden. Da ist eine gute Balance zwischen elitärem Anspruch und breiter Unterhaltung gefordert – und die wird selten so spannungsvoll erreicht wie auf der Istanbul Biennale. Sie gilt als die politischste all dieser zweijährlichen Veranstaltungen, denn die Stadt als Rahmen ist eine gewaltige Herausforderung: wunderschön mit den prachtvollen historischen Bauten, kontrovers im Spagat zwischen West und Ost, explosiv mit all den daraus entstehenden politischen Problemen.

Seit 1987 kommen alle zwei Jahre neue Kuratoren hierher, erkunden Istanbul auf der Suche nach geeigneten Ausstellungsräumen und beginnen die lokalen  Bedingungen mit globalen Themen zu koppeln. Dieses Jahr haben die Kuratorinnen einen etwas anderen Weg eingeschlagen, was zu einer derartig radikalen Ausstellung geführt hat, dass die Meinungen zwischen euphorischer Begeisterung und irritierter Ablehnung hin und her schwanken. Unbezweifelbar ist die großartige kuratorische Leistung des Kuratorenkollektiv „WHW“ (What, How & For Whom). Die vier Frauen aus Zagreb zeigen 70 großteils wenig bekannte Künstler aus 40 Ländern, davon 26% aus Osteuropa, 14% aus Westeuropa, 39% aus dem Mittleren Osten, 7% aus Zentralasien. Überraschend sind KP Brehmer und Vyacheslav Akhunov als Wiederentdeckungen aus den 1970er Jahren, überzeugend die präzise ausgesuchten, insgesamt 141 Beiträge in der großzügigen Hängung und thematisch dichten Abfolge, die von Unterdrückung, Krieg und Wunsch nach Veränderung erzählt.

Über all dem allerdings schwebt der Politikbegriff des Kollektivs, der getragen ist von einer naiven Kapitalismuskritik und Klassenkampf-Rhetorik marxistischer Schule. Das beginnt mit dem Logo im Stil des Russischen Konstruktivismus der 1920er Jahre und wird verstärkt von den Info-Graphiken im Katalog und in der Ausstellung. Dieser Beitrag der Kuratorinnen bedient sich der Piktogramme des Österreichers Otto Neurath und vermittelt auf großen Tafeln statistische Daten wie etwa die Aufteilung des Budgets: Das Gesamtbudget beträgt 2.050,299 Euro, wovon 14% für die Künstler aufgewendet, 49% für die Ausstellung und 27% für operationale und Marketing-Kosten, je 5% für Kuratoren und Publikationen. Solche Informationen sind zwar interessant, in dieser Ausstellung aber eher ein formales Zahlenspiel, das weniger aufgrund der Fakten als der auf Neurath verweisenden Bildsprache bedeutend ist. Neurath entwickelte seine Bildsprache in den 1920er Jahren, um gesellschaftliche Tatbestände auch für Arbeiter leicht verständlich zu machen. Diese ideologische und zeitliche Zuordnung verstärken die Kuratorinnen noch einmal mit dem Titel. „Was hält die Menschheit am Leben?“ bezieht sich auf die zentrale Frage aus Berthold Brechts Dreigroschenoper: „Wovon lebt der Mensch?“ Brechts politisch engagiertes Theaterstück aus dem Jahr 1928 handelt von Konkurrenz- und Existenzkämpfen. Die Werke der Biennale dagegen erzählen vom Bürgerkrieg im Libanon (Zeina Maasri), von der Besatzung Palästinas (Larissa Sansour), von Indonesiens Kolonialgeschichte (Wendelin van Oldeborgh), dem tristen Leben entlang der Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline (Rena Effendi), den Verfehlungen der Perestroika (Chto delat), von der Unterdrückung von Frauen (Canan Senol) und vom Fremdenhass nationaler Gesellschaften (Igor Grubic). Einer der Höhepunkte ist Artur Zmijewski Videoinstallation „Democracia“, die auf zwölf Monitoren verschiedene Menschenversammlungen zeigt, von Fußballfans über Militär bis zu Jörg Haiders Beerdigung und Grenzkontrollen in Gaza. Zmijewski stellt hier die Frage nach den Grenzen demokratischer Freiheit.

Rena Effendi, “Pipedreams: A Chronicle of Lives along the Pipeline”, 2002-2007

Während die Künstler die Konflikte und Probleme unserer Zeit aufgreifen, konstruiert das Kollektiv eine rückwärtsgewandte Parallele. Den Kontext Istanbul ignorierend, wird über Anspielungen und Zitate eine Brücke zu den 1920ern gebaut. Tatsächlich ist die aktuelle Situation aber absolut nicht mit damals vergleichbar, denn vor allem sind heute nicht nationale sondern globale Lösungen nötig. Unverständlich bleibt, warum die Kuratorinnen versuchen, die vielschichtigen Stimmen und Erzählungen dieser 11.Istanbul Biennale zu einem Chor zusammenzufassen und eine Einigkeit zu behaupten, die so heute weder in der Kunst noch in der Politik stimmt. Aber schafft man es, die eigene Wahrnehmung beim Gang durch diese Biennale frei zu halten von diesem lauten Überbau, löst die Ausstellung überzeugend das vielleicht größte Versprechen von Biennalen ein: Hier sehen wir Kunstwerke, die unbeeindruckt vom westlichen mainstream kraftvolle Bilder für tiefgreifende Veränderungen finden.

11.Istanbul Biennale, bis 8.11.2009; (Artur Zmijewski, Camera Austria, Graz 26.9.2009-17.1.2010)

veröffentlicht in: Die Presse, 6.10.2009

Schlagwörter: , , , , , ,