12. Istanbul Biennale 2011

21. Sep. 2011 in Biennalen

 12. Istanbul Biennale eröffnet – Füllhorn ohne Aufschrift

Kaum eine Ausstellung ist in letzter Zeit mit derartiger Spannung erwartet worden, wie die am 16. September gestartete Istanbul Biennale. Gegründet 1987, galt ihr zu Anfang das charmante Motto zeitgenössische Kunst in historischen Orten. Was aus Mangel an geeigneten Räumen begann, entwickelte sich bald zum Dilemma: Einerseits verzauberten die wunderschönen Bauten, andererseits spiegelten sie eine rückwärtsgewandte, durch den Tourismus klischeehafte gewordene Welt wieder. Schon zur dritten Ausgabe erstmals kritisiert, wurde das Raumkonzept von den folgenden Kuratoren bald abgelehnt. Also schickte die Instanbul Biennale uns immer häufiger in „the reality of the city“, wie es Vasif Kortun, Chefkurator von 1992, formulierte.

Die Metropole war aber stets nicht nur Austragungsort, sondern auch Thema der Ausstellungen. Die geopolitische Lage am Bosporus als Brücke zwischen Europa und Asien wurde von den Kuratoren als Metapher aufgegriffen, um die Kontraste und Probleme der türkischen Gesellschaft zu thematisieren. In der Mischung aus vielsagenden Räumen und aktuellen Bezügen hat sich die Istanbul Biennale so zur politischsten aller Biennalen entwickelt.

2007 entledigte sich Hou Hanru als Kurator des Stadtbezugs und stellte die Ausstellung in den Kontext von Globalisierungschancen und –gefahren. Vor zwei Jahren konfrontierte uns das Kuratorenteam WHW (What, How & For Whom) mit einer eher naiven Kapitalismuskritik und Klassenkampfrhetorik im lokalen Kontext Istanbuls.

Was kann darauf folgen? Wie sieht die politischste aller Biennalen in Zeiten des gravierenden Umbruchs der arabischen Welt, des drohenden Zusammenbruchs Europas und des bedrohlichen Machtvakuums aus, das durch den Verlust der hegemonialen Stellung der USA herrscht? Die Antwort des Kuratorenteams Jens Hoffmann und Adriano Pedrosa darauf ist unerwartet: Auf der 12. Istanbul Biennale kreist die Kunst um sich selbst – und entwickelt genau darin ihr politisches Potenzial.

Gabriel Sierra

Zunächst veröffentlichte das Duo keine Künstlerliste vorab – nicht als Marketingtrick, sondern um die Diskussionen nicht vorab zu limitieren. Dann reduzierte es die Ausstellungsorte radikal auf die beiden Antrepo-Lagergebäude im ehemaligen Hafen. Entdeckungstouren durch die Stadt gehören damit der Vergangenheit an. Aber nicht nur der räumliche Bezug zur Stadt ist aufgegeben. Auch inhaltlich ist die einzige Referenz der Auswahl aller Werke die des Gesamtwerkes eines einzelnen Künstlers: Félix González-Torres. Entsprechend seines Œuvres trägt die 12. Ausgabe der Biennale den Titel „Untitled“, denn „Bedeutungen verändern sich mit der Zeit“ – so jedenfalls zitiert man den 1996 verstorbenen kubanischen Künstler.

Die großzügige Hallenatmosphäre des Ausstellungsgebäudes ist durchbrochen von einer Stahl-Architektur, die aus lauter kleineren und größeren Kuben besteht. Darin sind fünf mit grauen Wänden gekennzeichneten Gruppenausstellungen, und darum herum 56 Einzelpräsentationen angeordnet. Abstraction, Ross, Passport, History, Death by Gun – das sind die Leitthemen der Hauptausstellung, wobei „Ross“ der Name von Gonzalez-Torres vor ihm verstorbenen Partner war und in diesem Zusammenhang für das Themengebiet „Sex“ stehen soll.

Eine ungewöhnliche, eine strenge Präsentation, die jedoch ein Feuerwerk an Bezügen und Verweisen birgt. Sie ist gefüllt mit durchgehend großartigen Werken, die inhaltlich und formal präzise platziert sind – und legt damit ein neues Niveau für Biennalen. Denn hier entfallen die für Biennalen sonst so typischen Aspekte von lokalem Exotismus und aktuellen Kontexten. Stattdessen hat sich das Team für einen musealen Blick entschieden: Viel Flachware, wenig monumentale Installationen, keine „Biennale-Kunst“ also. Stattdessen werden immer wieder Werke jüngerer mit denen älterer Künstler kombiniert, wodurch spannende inhaltliche Differenzen und formale Ähnlichkeiten studiert werden können.

Am gelungensten sind solche Kombinationen beim Thema „Abstraktion“, wenn beispielsweise Lygia Clark, Mona Hatoum, Johanna Calle und Annette Kelm aufeinander treffen, flankiert von Edward Krasinskis blauem Klebeband, mit dem der polnische Konzeptkünstler Ende der 1960er-Jahre die Wirklichkeit markierte. Solch eine Zusammenstellung wünschte man sich für unsere Museen, die noch immer kaum über ihren Westkunst-Tellerrand hinauszuschauen bereit sind. Rund um den Themenraum herum werden zudem einzelne Positionen vertieft, bzw. noch ergänzt. Dora Maurers spielerischen Abstraktionen aus den 1970er-Jahren, die subtilen Skulpturen Füsun Onurs oder Nazgol Ansarinias Werke, in denen sie in abstrakten Ornamenten brisante Beobachtungen verarbeitet hat wie die Häufigkeit des Wortes „Iran“ in den US-amerikanischen National Strategy-Dokumenten seit 9/11, treffen hier aufeinander.

Während sich beim Thema Abstraktion die formalen Nähen und Referenzen der Werke gegenseitig bestärken, funktioniert dieses System in der Sektion „Untitled (Death by Gun)“ kaum. Allzu redundant sind die Motive: Gewehre, Gewehre, Munition, Gewehre. Ein inhaltlicher Mehrwert entsteht dabei nicht. Aber das ist schnell verziehen, denn gleich nebenan geht es weiter zum zweiten Höhepunkt der Biennale, zum Thema „Untitled (History)“, mit Cevdet Ereks Sammlung von Linealen, die mit unterschiedlichsten Informationen bedruckt sind, oder Dani Gals Schnelldurchgang durch die Weltgeschichte des 20. Jahrhundert anhand aufgereihter Plattencover – unglaublich, dass sogar eine akustische Aufnahme des israelischen Sechs-Tages-Krieges existiert.

Taysir Batniji, Watchtowers, 2008, photographies noir et blanc (50×40 cm), Courtesy galerie la B.A.N.K, Paris; Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut

Hier wird ein Postulat der gesamten Biennale deutlich: Jedes Werk birgt einen politischen Gehalt, der allerdings nicht mehr das Richtig oder Falsch der Moderne vertritt, sondern als Angebot zur Reflexion dient. Und genau darin kann man auch die Antwort der Biennale-Macher auf die Herausforderung unserer Zeit lesen: Das Duo vermeidet konsequent jeglichen geopolitischen oder zeitlichen Schwerpunkt, gleicht jedes Ungleichgewicht in Themen und Herkunft der Künstler mit Ergänzungen wieder aus und verstärkt den Bezug zu lebensrelevanten Fragen. Zwar vermisst man zwischendurch die sonst auf Biennalen üblichen radikalen, risikoreichen und experimentellen Beiträge, die eigentlich den Reiz dieses Ausstellungsformats ausmachen, aber Verunsicherungen und Risiken finden in unserer Zeit eben in der Realität statt. In der Kunst, das demonstriert die 12. Istanbul Biennale eindrücklich, sehen wir uns offenbar in einer Phase der Bestandsaufnahme, der Neubewertung und des Ineinanderflechtens von Vorhandenem – und das ist hier überzeugend inszeniert.

12. Istanbul Biennale. Vom 17. September bis 13. November 2011

veröffentlicht in: www.artnet.de, 21. September 2011

http://www.artnet.de/magazine/12-istanbul-biennale-eroffnet/

http://www.artnet.de/content/DesktopModules/PackFlashPublish/ArticleDetail/ArticleDetailPrint.aspx?ArticleID=4095&Template=Article_Print.ascx&siteID=0

 

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