2. Kochi-Muziris Biennale 2015

25. Jan. 2015 in Biennalen

NS Harsha, Punarapi Jananam Punarapi Maranam, 2013, c BMW AG

Vor wenigen Wochen erlebte der Auktionshandel in Indien einen neuen Höhenflug. Kurz später eröffnete die 2. Kochi-Muziris Biennale und rückt damit auch die zeitgenössischen Kunst wieder in den Fokus – und dies in einem ganz besonderen, atmosphärisch und historisch faszinierend Kontext: in Fort Kochi, dem ältesten, wunderbar chaotischen Teil Cochins.

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Vor der Wirtschaftskrise 2008 war der Kunstmarkt auf einem nie zuvor dagewesenen Hoch. Dann brachen die Verkaufszahlen massiv ein. In Indien fielen die Umsätze im Handel mit Kunst der Moderne von zuvor rund 25 Millionen Dollar auf 5 Millionen Dollar. Jetzt hat sich der Kunstmarkt in Indien im Dezember überraschend erholt. Das ist sicherlich eng mit dem Regierungswechsel im Mai verbunden. Denn der neuen Regierungschef Narendra Modi verspricht massive Verbesserung: neue Straßen, bessere Wasserversorgung, mehr Jobs und die Säuberung des wichtigen Flusses Ganges sind nur einige Punkte daraus.

Die politischen Entwicklungen wirken sich sofort auf den Kunsthandel aus. In ihrem zweiten Christie´s India-Sale am 11. Dezember gingen 90% der Lose weg, insgesamt kamen 12 Mio. Dollar zusammen. Auch Sotheby´s und das indische Online-Auktionshaus Saffron Art schlossen so erfolgreich ab, dass von einer Wachstumsquote verglichen mit dem Vorjahr von 63 Prozent die Rede ist. Allerdings trifft das bisher vor allem auf die Modern Masters zu. Das mag damit zusammenhängen, dass es in Indien zwar eine spannende Galerie-Szene, mit der India Art Fair  (29.1.-2.2.) auch eine etablierte Kunstmesse, aber keine staatlichen Museen gibt. Kunstförderung ist reine Privatsache, wodurch sich Vertrauen offenbar langsamer entwickelt, da eine Überprüfungsinstanz fehlt.

Aber auch in den Markt für zeitgenössische Kunst kommt mehr Bewegung, Kunstinvestoren vertrauen zunehmend auch jüngeren Künstlern, allen voran Bharti Kher (geb. 1969) und Jitish Kallat (1974). Beide sind gerade häufig im Gespräch. Denn Kallat hat die 2. Kochi Muziris Biennale kuratiert, auf der Kher eine außergewöhnliche Installation zeigt.

 

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Aber der Reihe nach: Diese indische Biennale findet in Kochi statt, der Hauptstadt des südindischen Bundesstaates Kerala. Kochi ist eine alte Handelsstadt, hier gründeten die Portugiesen 1502 ihre erste Niederlassung in Indien und begannen den Handel mit Gewürzen. 1663 eroberten die Niederländer die Stadt, noch heute werden die Mitteilungen im Flugzeug hierher auch auf Holländisch durchgesagt. 1790 kamen die Briten. Zudem erzählt die Geschichte, dass an dieser Küste einst die sagenumwobene, antike Stadt Muziris war. Die Biennale findet in dem ältesten Teil der Stadt statt, in Fort Kochi.

Hier ist es wunderbar und chaotisch, in den engen Straßen drängeln sich die Tuktuks zwischen den Bussen durch, zwischen den historischen Häuser stehen Ruinen und in dem natürlichen Seehafen treffen Fischerboote auf Ozeanriesen.

c SBV

Hier findet jetzt also zum zweiten Mal die Biennale statt. Thematisierte die 1. Kochi Muziris Biennale Fiktion und Wirklichkeit, Erinnern und Vergessen, so hat Kurator Jitish Kallat heuer die 94 Künstler aus 30 Ländern unter dem Titel „Whorled Explorations“ zu Ideen über Raum und Zeit, über die Erde und unsere Reise im Weltall angeregt.

 

Kallat ist einer der erfolgreichsten Künstler Indiens.

Jitish Kallat, Baggage Claim, 2010. c Arndt Berlin

Für diesen Auftrag legte er seine eigene Arbeit komplett still und widmete sich ausschließlich der Aufgabe, aus dem Nichts mit nahezu keinem Budget eine internationale Ausstellung zusammenzubringen – was ihm bravourös gelungen ist. Dabei gab es Probleme reichlich: Die Regierung sagte zwar Gelder zu, zahlte jedoch nur einen Minimalbetrag aus – was durch Crowdfunding, die Hilfe der Galerien und der teilnehmenden Künstler ausgeglichen wurde. Vor Ort mussten Mengen von Elektrokabel verlegt und Generatoren gefunden werden, um den Strom zu sichern. Nach dem heftigen Regen am Eröffnungsabend brannten nahezu alle Glühbirnen der Projektoren durch und der zentrale Pavillon für Performances und Talks ist auch nicht fertig geworden.

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Aber all das schadet der Biennale nicht, Perfektionismus wäre in Kochi ohnehin irritierend. Hauptort ist die ehemalige Warenlager-Anlage Aspinwall House, dazu führt uns der Kunstparcours in sieben weitere Häuser, darunter das ehemalige Pfefferhaus und einstige Privathäuser.

Aspinwall House, c SBV

 

David Hall, c SBV

Die meisten Werke basieren auf direkten Bezügen zum Kontext der traditionsreichen Stadt, wenn etwa Pushpamala ein Gemälde der „Ankunft von Vasco da Gama“ nachinszeniert – der portugiesische Entdecker und Seefahrer starb 1524 in Kochi. Auf die vielen, durch die Besatzungen importierten Religionen spielt Gigi Scaria mit seiner riesigen, durchlöcherten Glocke an, aus der überall Wasser rinnt – ein starkes Bild für Vergänglichkeit.

Gigi Scaria, Chronicle of the Shores Foretold, 2014, c KMB

Und NS Harsha verbindet verschiedene Weltanschauungen in seiner Skulptur eines Affen, der eine Weltkugel im Arm hält und in den Himmel deutet: ein Bild für „die Tiefe der Sprachlosigkeit“, wie er es erklärt.

NS Harsha, Matter, 2014, c KMB

Eindrücklich ist auch Anish Kapoors Wasserstrudel, der voller Lärm in einem kleinen Becken bedrohlich und wunderschön ein Bild für eine stetige Bewegung in eine tiefe Ungewissheit ist.

Anish Kapoor, Descension, 2014, c SBV

Auf den Zusammenhang zwischen postkolonialer Unabhängigkeit und gescheiterter Moderne weist uns Kader Attia hin: Er malte Briefmarken aus dem Kongo, Tschad oder Burundi ab, auf denen die Idee der neuen Freiheit mit Bildern von Mondlandungen und Raumfahrt verbildlicht wird – heute ist klar: verlorene Utopien.

Kader Attia, Independence Disillusionment, 2014

Und Bharti Kher, die den Spitzenplatz im Marktranking innehält, baut aus Holzlatten und Steinen eine beeindruckende „quasi-philosophische Meditation über Geometrie, Zeit, Materialität, Kartographie“ auf – losgelöst vom Kunstmarkt und damit vom Zwang zu immer mehr glitzernden Bindi-Bildern zeigt sie endlich wieder, warum ihr Werk so hoch geschätzt wird.

Bharti Kher, Three Decimal Points/Of a Minute/Of a Second/Of a Degree, 2014. c BMW AG

Diese Biennale (bis 29. März 2015) ist ein nicht zu unterschätzender Anlass dafür, dass zunehmend Vertrauen in den Kunstmarkt für Zeitgenossen gelegt wird. Denn hier wird die reichhaltige Geschichte des Landes in spannenden Werken aufgegriffen und reaktiviert.

veröffentlicht in: Die Presse, 4.1.2015

Mithu Sen, I have only one language; it is not mine, 2014

Installationsfoto Mithu Sen, c SBV

Bose Krishnamachari (Gründer der KMB) und Mithu Sen. c SBV

Gulammohammed Sheikh, Balacing Act, 2014, c BMW AG

Unnikrishnan C, Untitled, 2014. c KMB

 

Hema Upadhyay, Silence and its Reflections, 2014. c artist

Hema Upadhyay, Detail: Schrift auf Reiskörnern

Sissel Tolaas, Fear, 2014. c KMB



Francesco Clemente, Pepper Tent, 2014. c SBV



Nikhil Chopra, La Perle Noire: Le Marais, Performance, 2014. c BMW AG



Julian Charriere, We Are All Astronauts, 2013. c KMB