2. Singapur Biennale 2008

24. Nov. 2008 in Biennalen

singap08Nach einem erfolgreichen Start vor zwei Jahren eröffnet jetzt die 2. Singapur Biennale. Als Rahmenprogramm für das Treffen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank gegründet, stellte der künstlerische Leiter Fumio Nanjo die erste Ausgabe 2006 unter den Titel „Belief“. Für die 2.Singapur Biennale 2008 – diesmal als Rahmenprogramm zum spektakulären Nacht-Formel 1-Rennen – wählt Nanjo den Titel „Wonder“.

Singapur mit 4.5 Mio Einwohnern ist ein multiethnischer und multireligiöser Staat, der durch Landgewinnung enorm expandiert.

Fußballfeld im Wasser

 

 

 

 

 

 

Zur 1.SB wählte Nanjo neunzehn Ausstellungsorte, darunter das ehemalige Gericht, aber auch sieben Kirchen, Moscheen und Tempel. Einige der insgesamt 95 KünstlerInnen konzentrierten sich auf das Thema ´Glauben und Geld´, manche bezogen sich auf das ehemalige Gericht mit ´Glauben´ im Sinne von Rechtsprechung, andere auf den Kontext der religiösen Stätten.

Dinh Q. Le

Dinh Q. Le

Solche direkten Kontextbezüge sind jetzt mit dem Thema ´Wunder´ kaum möglich. Als Wunder gelten gemeinhin all jene Phänomene, die sich gegen die Naturgesetze verhalten. Viel spannender als solche Fragen von Beweisbarkeit und Vernunft ist allerdings die Ebene des Erstaunens, denn erst über Emotionen können Wunder handlungswirksam werden – und sei es nur als Erkenntnis, dass auch andere Wirklichkeiten möglich sind. Genau diese Ebene ist der Kern der 2. Singapur Biennale. „To experience wonder is to open one´s mind,“ schreibt Nanjo und spricht davon, ´neue Wahrheiten zu entdecken´.

Sue-Mei Tse, Swing, Singapur Biennale 2012

Sue-Mei Tse, Swing, Singapur Biennale 2012

Auch die 2. Singapur Biennale leitet uns durch die Stadt, zu historischen Orten (Town Hall, South Beach), auf das Riesenrad und unter Brücken bis zu der temporären Container-Halle an der ´Marina Bay´, einem gerade erst neu gewonnenen Stück Land.

 

Pressekonferenz 2008

 

v.r.n.l.: Joselina Cruz, Fumio Nanjo, Matthew Ngui

 

temporäre Architektur

Zahlreiche der 71 meist südost-asiatischen KünstlerInnen und Künstlergruppen arbeiten mit Licht, dem  Inbegriff des Immateriellen: Von Sue-Mei Tse gespenstische Schaukel aus Neon in dem leeren Raum der ehemaligen Militäranlage bis zu Leonid Tishkovs Fotoserie, für die er seinen „privaten Mond“ mal auf einen Baum, dann auf seinen Rücken drapiert und so eine wundersame Nähe zwischen Himmel und Erde zaubert. Besonders eindringlich werden diese Bilder, wenn traumhafte Erinnerungen beschworen werden, etwa in den großartigen Wandzeichnungen von Ling Nah Tang in Kombination mit Willie Koh´s Videos, die vergessene Räume in dieser ehemaligen Militäranlage beschwören.

 

Ling Nah Tang

Ling Nah Tang

Andere Werke dieser 2. Singapur Biennale erzählen von spukhaften Parallelwelten wie Hans op de Becks raumgroße Holzkonstruktion: ein schneeweißer Teppich im langen Gang und am Ende Sitzsäcke vor einer Schneelandschaft hinter Glas – wir verlieren uns im diffusen Weiß und erleben einen scharfen Kontrast zum subtropischen Klima Singapurs.

 

Hans op de Beck im Gespräch mit Matthew Ngui

Nebenan wagen wir uns tastend in die magischen Lichtkegel von Anthony McCalls, voller Verunsicherung die Materialisierungen von Licht und Luft bewundernd. Licht übrigens spielt auch im Stadtraum eine Rolle, denn für das Formel 1-Nachtrennen sind rund um den Renn-Parcour Schienen mit 1500 Strahler montiert.

Charly Nijensohn

Eines der eindrücklichsten Bilder der 2. Singapur Biennale zeigt Charly Nijensohn in seinem 4-Kanal-Video: Männer, die über einen Salzsee gehen. Als wandern sie über Wasser, als gebe es keinen Unterschied zwischen Himmel und Erde, stehen sie still wie Statuen vor dem dramatischen Wolkenspiel oder wandern wie in einer Prozession über die glatte Oberfläche. In solchen Installationen entfaltet das Thema eine fast spirituelle Intensität. Genau diese Ausrichtung scheint Fumio Nanjo mit dieser 2. Singapur Biennale anzuvisieren und entwirft damit ein Gegenmodell zu den vielen kritisch-dokumentarisch ausgerichteten Biennalen: Hier kommentiert die Kunst nicht die vordergründige Wirklichkeit, sondern erzählt von den vielen Möglichkeiten jenseits des Sichtbaren. ´Wunder´ ist dabei weniger eine magisch-mythische als eine subversive Kategorie, die undogmatische Wege für Veränderungen öffnet – und das wird vielleicht auch bis in das ganz konkrete Leben im repressiven Staat Singapur reichen können.

Ngoe Duong, Singapur 2008

Ki-Bong Rhee (Detail)

Leonid Tishkov, Mond

2.Singapore Biennale, 11.9.-16.11.2008

publiziert in: Kunst und Kirche – Religion im öffentlichen Raum, 04/2008, S. 53f