3. Berlin Biennale 2004

28. Okt. 2004 in Biennalen

3. Berlin Biennale 2004, KunstWerke und Martin Gropius Bau, Berlin

Vor sechs Jahren gegründet, begann die Berlin Biennale frech und chaotisch. Drei Jahre später wurden die BesucherInnen mit Erlebnis-Kunst in den Bann gezogen. Die dritte Biennale, jetzt statt im Postfuhramt im steifen Martin Gropius-Bau, präsentiert sich überwiegend dokumentarisch.

Die Finnin Fanni Niemi-Junkolas filmt ein detailreiches Portrait eines Trabrennfahrers. Der Franzose Melik Ohanians führt uns auf einer langsamen Kamerafahrt durch verlassene Docks in Liverpool oder die Norwegerin Maria Bustnes spult eine kurze, dafür pausenlos wiederholte Filmaufnahme einer steifen Girl-Band aus Schweden ab. Die Mädel leiern den Rolling Stones-Song „Paint it black“ runter und können im ausführlichen Video über sich und ihre Ambitionen plaudern. Es sind brave  Aufarbeitungen, die hier und da einen gewissen Charme haben mögen. Aber in der Dominanz solcher Beiträge stellt sich eine ungeheure Abstumpfung der Aufmerksamkeit ein – und so ist der Gesamteindruck der Berlin Biennale höchst enttäuschend.

 Die deutschsprachige Tageszeitungskritik ist sich denn auch einig: die diesjährige, von Ute Meta-Bauer und einigen Co-Kuratoren inszenierte Berlin Biennale ist „brav“ und „ein wenig langweilig“ (Die Presse), „trist“ (SZ) und  „oberseminarhaft“ (NZZ). Wieso wird auf die Berlin Biennale mit derartig harten Worten reagiert, wo doch auch so hervorragende Beiträge wie Judith Barys „Voice off“, Constanze Ruhms „X Characters/RE: (hers)AL“ und Isaac Juliens „Baltimore“ zu sehen sind?

 Einen Berlin-Bezug versprach die Kuratorin Ute Meta-Bauer. Der läßt sich in den Besten gar nicht, in einigen Werken explizit, bei anderen über thematische Brücken finden. Aber eigentlich lautet die Frage ja: Wieso überhaupt ein Berlin-Bezug? Die erste Biennale wählte hauptsächlich in Berlin lebende KünstlerInnen aus, was sinnvoll schien, wirkt die Stadt doch bis heute wie ein Magnet auf internationale KünstlerInnen. Aber Meta-Bauer sucht den Bezug „mit der aktuellen Topographie“. Spiegelt sich dieser Anspruch in den frühen Fotografien Thomas Struths mit den menschenleeren Strassen wieder? Oder in Stephen Willats früher Fotogeschichte „In Isolation leben“, in Willi Dohertys schwarz-weiß-Fotografien, entstanden während seines DAAD-Stipendiums, die Momentaufnahmen von Berlin als einsamer, dunkler Großstadt voller Trennlinien zeigen? Dann kommt der Berlin-Bezug skeptisch, distanziert und trist rüber. Und darin besteht auch eine der Gefahren dieser Ausstellung: die Banalität und die Tristesse vieler dokumentierter Motive legt sich über die gesamte Show.

Der formulierte Berlin-Bezug enthält aber noch eine zweite Gefahr, die sich aus den damit verbundenen Erwartungen ergibt. Zeitgleich mit der Eröffnung der Berlin Biennale wurde auf der Berlinale Faith Akins Film „Gegen die Wand“ zum Sieger des Goldenen Bären gekürt. Damit entschied sich die Jury für ein junges, stürmisches Kino und gegen gutgemachtes Handwerk, routinierte Geschichten und solide Ausgewogenheit. Eine solche Entscheidung wird auch von der Berlin Biennale erwartet, sowohl als junge Biennale als auch gerade im Berlin-Bezug. Tatsächlich aber läßt die Ausstellung sowohl Qualität als auch die improvisiert-freche Atmosphäre der Anfangsjahre vermissen. Gerade darin aber wird das Potential Berlins gesehen. Diese Erwartung widerspricht auch keineswegs der konzeptuellen Entscheidung Meta-Bauers, thematische Knotenpunkte zu komplexen Subthemen zu initiieren (Migration, Sonische Landschaften, Urbane Konditionen, Moden und Szenen). Leider aber sind gerade diese Aspekte, als Erweiterung gemeint, zu Minimalvarianten geraten – und erinnern eher an schlechte Referate denn an kuratierte „Hubs“, wie diese Dinger begrifflich aufgebläht sind. In der Kombination von mittelmäßigen Dokumentationen und studentischen Themeneckchen entweicht so jegliche Dynamik aus der Biennale wie aus einem kaputten Luftballon.

publiziert in: Frame, 5/2004

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