35. Art Brussels – Anne Vierstraete im Gespräch

24. Apr. 2017 in Interview, Kunstmarkt, Kunstmesse

Art Brussels 2017, Tour & Taxis

Art Brussels 2017, Tour & Taxis

 

Heuer findet die Art Brussels zum zweiten Mal in der Halle auf dem Tour & Taxis-Gelände im Norden Brüssels statt. 145 Galerien aus 28 Ländern nahmen teil, darunter 26 Galerien aus Belgien, diesmal auch Xavier Hufkens und Nathalie Obadia. 22 stammen aus außereuropäischen Ländern. 25.544 Besucher kamen in den 4 Tagen, die Stimmung war großartig, die Galerien meldeten Rekordumsätze.

Laure Prouvost, RELIQUE n°1, 8 April 2016, 2016. Galerie Nathalie Obadia, Paris / Bruxelles

Laure Prouvost, RELIQUE n°1, 8 April 2016, 2016. Galerie Nathalie Obadia, Paris / Bruxelles

SBV: In Brüssel eröffneten in den letzten Jahren einige französische Galerien wie Nathalie Obadia und Daniel Templon Filialen – hatte das einen Einfluß auf die Art Brussels?
Anne Vierstraete: Nicht nur Galerien, auch einige Sammler und Künstler sind hier hergezogen – und sie lieben das Leben in Brüssel! Man entdeckt den Charme der Stadt erst auf den zweiten Blick, aber Brüssel hat viel zu bieten. In Brüssel sind alle willkommen, man wird rasch zu privaten Anlässen eingeladen, das ist ganz anders als in Paris. Für die Messe sind sie eine Bereicherung. Die Art Brussels ist historisch lange vor allem von belgischen Sammlern getragen worden, jetzt kommen auch immer mehr aus Frankreich und anderen Nachbarländern.

Omar Ba, Alep - Ground Zero, 2016. Courtesy Galerie Daniel Templon, Paris-Brussels

Omar Ba, Alep – Ground Zero, 2016. Courtesy Galerie Daniel Templon, Paris-Brussels

SBV: Die Art Brussels gilt als Entdeckermesse, mit Discovery gibt es eine eigene Sektion, an der heuer 30 Gaerien teilnehmen – warum ist die Betonung auf junge Galerien oder junge Kunst so wichtig?

Art Brussels 2017, Managing Direktorin Anne Vierstraete, Copyright: David Plas

Art Brussels 2017, Managing Direktorin Anne Vierstraete, Copyright: David Plas

Anne Vierstraete: Ein Kennzeichen belgischer Sammler ist ihr großes Interesse an Entdeckungen. Sie wollen möglichst früh Kunst sehen, ankaufen, eine Beziehung zu den Künstlern aufbauen und verfolgen das Werk dann über Jahre. Die Kaufentscheidungen fallen zwar oft etwas langsam, aber die Sammler auf der Art Brussels sind sehr informiert, besuchen die Stände mehrmals und sind sehr offen. Wir haben ein sehr qualitätsvolles Publikum. Darum können wir uns auch erlauben, Galerien aufzunehmen, die hier noch nicht bekannt sind und mit wenig bekannten Künstlern auftreten.
SBV: Letztes Jahr waren die Discovery-Galerien gleich im Eingangsbereich platziert und nahe bei den Prime-Galerien. Heuer ist diese Sektion in einem Seitenflügel untergebracht – warum diese Änderung?
Anne Vierstraete: Wir versuchen, die Messe jedes Jahr zu optimieren. Dieses Jahr haben wir den Eingang mehr in die Mitte verlegt, und die Discovery-Sektion ist ganz nah bei diesem Eingang. Ich finde die Atmosphäre in der Sektion sehr gut und habe von vielen gehört, dass die Verkäufe am Eröffnungstag und überhaupt sehr gut liefen.
SBV: Der Eröffnungstag war ungeheuer gut besucht, waren mehr eingeladen als im Jahr zuvor?
Anne Vierstraete: Nein, es waren sogar rund 400 Besucher weniger. Aber es war ein erstklassiges Publikum, mit belgischen und regionalen Sammlern. Es gab 8979 Besucher, wovon 2973 während der Preview zwischen 10-17 Uhr, und 6006 während der Vernissage von 17-22 Uhr kamen. In 2016 hatten wir insgesamt 9461 Besucher am Eröffnungstag. Insgesamt waren es 25.544 Besucher. Aber die Zahlen sagen wenig aus, die Messe lebt von der Qualität.

Martha Jungwirth, o.T. (aus der Serie Judith and Holofernes), 2015. Galerie Krinzinger Vienna

Martha Jungwirth, o.T. (aus der Serie Judith and Holofernes), 2015. Galerie Krinzinger Vienna

SBV: Ursula Krinzinger aus Wien erzählte mir, dass heuer auffallend viele in der zweiten Generation ankaufen, also die Kinder der Sammler …
Anne Vierstraete: … ja, es gab eine tolle Resonanz, ein Sammler hat mir gerade geschrieben „Bravo, die beste Edition“!
SBV: Die letzten Jahre gab es eine künstlerische Leiterin, letztes Jahr trat Katerina Gregos zurück. Wird diese Stelle nicht mehr neu besetzt?
Anne Vierstraete: Wir hatten eine fantastische Zusammenarbeit, ich fand ihren Rücktritt sehr schade, kann es aber verstehen, weil die Arbeit auf der kommerziellen Seite für sie sehr ungewohnt war. Wir haben alles zusammen entschieden und diese Gruppenstruktur funktioniert auch weiterhin in meinem Team. Wir besprechen alle Ideen, auch die Frage einer Nachbesetzung, wo wir beschlossen haben, es erst einmal ohne eine künstlerische Leitung zu probieren. Für das künstlerische Projekt dieses Jahr wuchs die Idee während eines Gespräch mit einer Mitarbeiterin. Die Idee habe ich anschliessend informel mit Hans Ulrich Obrist diskutiert, der mir den gute Rat gab, Jens Hoffmann einzuladen, der jetzt „Mementos. Artists´ Souvenirs, Artefacts and Other Curiosities“ zusammen mit Piper Marshall kuratiert hat.

Edith Dekyndt, Mementos exhibition

Edith Dekyndt, Mementos exhibition

Wir wollten mehr die Künstler betonen und fragen, woraus sie Inspiration beziehen. Wir haben 70 Künstler gebeten, uns ein Objekt aus ihrer persönlichen Sammlung zu leihen, das für sie eine besondere Bedeutung hat. Und uns einen kleinen Text dazuzugeben, der die Verbindung zur künstlerischen Praxis beschreibt. Wir haben extrem unterschiedliche Dinge bekommen, aber zwei Mal auch exakt die Gleichen, zwei winzig kleine Bleistiftstumpfe, von Mathieu Mercier und Annaïk Lou Pitteloud, wobei die damit verbundenen Geschichten sehr unterschiedlich sind.
SBV: Gibt es deutliche Änderungen der Messe heuer?
Anne Vierstraete: Eigentlich kaum. Letztes Jahr war der große Schritt von dem Messegelände in die Stadt, auf das Tour & Taxi Gelände, und die damit verbundene Reduktion um 50 Galerien. Das war eine sehr schwierige Entscheidung, aber die richtige! Allein das Tageslicht hier ist fantastisch. Wir haben vier Editions-Galerien dieses Jahr, dazu zwei Design Galerien, die viel mit Künstlern arbeiten. Und wir haben einen neuen Hauptpartner, Belfius Wealth Managment. Die haben eine der ältesten und wichtigsten Corporate Kunstsammlungen der Welt und zeigen auf der Messe Werke belgischer Künstler von 1520 bis 2015.

Waseem Ahmed, o.T. /Cain and Abel), 2016. Copyright: the artist and Gowen Contemporary, Genf

Waseem Ahmed, o.T. /Cain and Abel), 2016. Copyright: the artist and Gowen Contemporary, Genf

SBV: Wie viele Anfragen gab es heuer für die Discovery-Sektion?
Anne Vierstraete: Nur für den Bereich waren es dieses Jahr 156 für 30 Plätze. Das Kommittee für diese Sektion ist ganz wichtig, es sind Galeristen und Kuratoren, Eva Birkenstock vom Kunstverein in Düsseldorf, Zoe Gray von WIELS in Brüssel, der Direktor der Delfina Foundation, London, Aaron Cezar, dazu Michael Callies von dépendance, Brüssel und Nikolaus Oberhuber von KOW Gallery, Berlin.
SBV: Nikolaus Oberhuber ist ja auch in der Jury der neu gegründeten Messe, die im November in Düsseldorf stattfinden wird – ist das nicht eine klare Konkurrenzmesse für die Art Brussels?
Anne Vierstraete: Das könnte sein … ich mache erst einmal die Messe hier und denke dann darüber nach. Die beiden Veranstalter sind hier, vielleicht werde ich sie treffen, wenn ich Zeit habe. Unsere Jury Mitglieder sind für zwei Jahre berufen, Nikolaus ist im zweiten Jahr, sonst könnte es in der Tat ein Interessenskonflikt sein.
SBV: Die Art Cologne ist vor allem eine deutsche Messe, die Art Düsseldorf dagegen soll ähnlich wie die Art Brussels als europäische Messe angelegt werden – mit diesem Konzept kommt die Messe Ihnen doch sehr nahe?

Thomas Zipp, Attempts to quantify Sensation (the Last Supper), 2016 Galerie Albert Baronian, Brüssel © Foto: Isabelle Arthuis

Thomas Zipp, Attempts to quantify Sensation (the Last Supper), 2016
Galerie Albert Baronian, Brüssel © Foto: Isabelle Arthuis

Anne Vierstraete: In der Tat, aber ich bin immer sehr optimistisch. Wir haben in den 50 Jahren unseres Bestehens bewiesen, dass wir einen anerkannten Platz haben. Die New York Times nannte uns letztes Jahr „one of the foremost discovery fairs of Europe“. Wir werden sehen, ich werde es mir im November anschauen. Wir leben in einer sehr konkurrenzbetonten Welt, das merken wir auch bei den Anmeldungen. Dieses Jahr kommen Sammler aus den Vereinigten Staaten erst am Wochenende, da sie auch die Art Cologne besuchen wollen.
SBV: Einige überlegen, ob sie innerhalb so kurzer Zeit zwei Mal nach Europa reisen sollen, da ja Anfang Mai die Biennale Venedig beginnt – würden Sie den Messetermin auf solche Großereignisse hin verlegen?

Giuseppe Penone, Géometrie dans les mains, 2010 Courtesy Galerie 8+4 / Bernard Chauveau

Giuseppe Penone, Géometrie dans les mains, 2010
Courtesy Galerie 8+4 / Bernard Chauveau

Anne Vierstraete: In dieser Welt ist es sehr wichtig, seinen Termin zu behalten. Vor einigen Jahren wollte Frieze New York zeitgleich stattfinden und wir überlegten, wie wir reagieren sollten. Ich habe damals entschieden, unbedingt unseren Termin einzuhalten – und Frieze ist in den Mai ausgewichen. Man darf da kein Ping Pong spielen. Wenn man stark sein will, muss man sich auch stark stellen.
SBV: Herzlichen Dank für das Gespräch.

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