4. Prag Biennale 2009 + Städtische Galerie Prag

11. Jun. 2009 in Biennalen

Monument to Transformation in der Städtischen Galerie Prag und 4.Prag Biennale

Irgendwer hatte blitzschnell die Idee, jene selbstgebastelten Flaggen und Banner zu sammeln, die in der turbulenten Zeit Ende der 1980er Jahre durch Prags Strassen getragen wurden. Manche sind deutlich staatstragend gemalt, andere dilletantisch-idealistisch, manche völlig verschmutzt und andere wie neu. 16 dieser Zeitzeugnisse kombiniert mit zehn Monitoren bilden jetzt einen lauten Eingangsparcour zu „Monument to Transformation“. Hier in der Stadtgalerie Prag, auf 1200 qm im obersten Stock über der öffentlichen Bibliothek, stehen Gesellschaften im Wandel zur Diskussion.

Es ist die erste internationale Gruppenausstellung mit deutlich politischem Anliegen in Prag. Die beiden Kuratoren Vit Havranek (Direktor von Tranzit Prag) und Zbynek Baladran (Künstler und Kurator), die auch im „Tranzit“-Team der Manifesta 2010 im Südosten Spaniens sein werden, recherchierten über zwei Jahre für diese umfassende Ausstellung. Schnell kamen sie zu der Überzeugung, dass ihr Blick nicht ausschließlich auf Kunst aus Osteuropa gerichtet sein darf. Praktisch der gesamte Balkan wurde im Februar 1945 auf der Konferenz von Jalta der UdSSR zugesprochen. Seither ist Europa in Ost und West geteilt – eine geopolitische Kategorie, die auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wie selbstverständlich beibehalten wird. Aber ersten lehnen die Kuratoren die Fortschreibung dieser hegemonialen Welteinteilung ab und zweitens könne man die seither stattfindenden, umwälzenden gesellschaftliche Veränderungen keineswegs unter dem einen, vereinheitlichenden Begriff ´Osteuropa´ betrachten und verstehen. Also zeigen sie Werke von 69 KünstlerInnen aus all jenen Ländern, die einen vergleichbaren Wandlungsprozess durchmachen: Griechenland, Spanien, Portugal, Südkorea, Philippinen, China, Mexiko und Argentinien.

Auf den Monitoren im Eingangsraum sind Videos über die Studentenunruhen in Indonesien als zeitgleiche, parallele Geschehnisse zur Prager Geschichte gesehen. In den weiteren Räumen der Ausstellung verzichten die Kuratoren dann auf dokumentarisches Material und zeigen stattdessen persönliche Momente und kurze Erzählungen: Lida Abduls Video, in dem Männer in Afghanistan mit Seilen eine Ruine einreißen; Anri Salas frühes Video, in dem er mit seiner Mutter über ihre früheren politischen Aktivitäten spricht; Vahram Aghasyans Fotografien von der Geisterstadt Gyurmy, die 1988 von einem Erdbeben zerstört und seither vergessen ist. In all diesen Werken erfahren wir den politischen Wandel als tief in den Alltag einschneidenden Prozess, in dem die Künstler nicht nach Gründen suchen, sondern Bilder für  Empfindungen finden, für Hoffnung bis Hoffnungslosigkeit.

Manche allerdings reagieren auch mit Taten auf die neuen Verhältnisse, wenn Anibal Lopez´ eine LKW-Ladung Bücher mitten auf die stark befahrene „Reform Avenue“ kippen lässt. Kaum ein Buch bleibt liegen. Die Passanten gehen glücklich von dannen. Oder Mircea Cantor, der Demonstranten mit Spiegeln statt Transparenten durch die Strassen in Tirana gehen lässt – deutlicher kann es kaum formuliert werden: Hier wird nichts gefordert, sondern das Bestehende reflektiert.

 

4. Prag Biennale

Parallel zu dieser hervorragenden Ausstellung läuft die 4.Prag Biennale in der notdürftig renovierten Karlin Halle. Schon die ersten drei Ausgaben hier waren sehr Malerei-orientiert und erinnerten eher an eine Kunstmesse als an eine Biennale, war der inhaltliche Zusammenhang doch mehr als lose und die Formate vor allem in Kofferraumgröße. Aber die osteuropäischen Länderschwerpunkte konnten überraschen, dieses Jahr etwa die Künstler aus Georgien. Doch gerade im Kontrast zu „Monument for Transformation“ wird hier auch unübersehbar, wie konzeptlos der italienische Zeitschriftenherausgeber und Initiator Giancarlo Politi die Prag Biennale anlegt – und wie unbedacht er mit den Länderschwerpunkten umgeht.

Denn dies ist eine der zentralen Diskussionen gerade von Biennalen: Warum sollen Künstler Nationalstaaten repräsentieren? Warum sollen sie wie im Sport unter einer Flagge auftreten und politisch festgelegte Weltordnungen bestätigen? Sollen Ordnungen nicht gerade aufgebrochen werden? Wie radikal das verbildlicht werden kann, zeigt Dan Perjovschis Werk in „Monument to Transformation“: „Erasing Romania“. „Manchmal sage ich scherzhaft, dass ich in jenem Moment, als ich das Wort ´Rumänien´ von meiner Schulter entfernen ließ, zum internationalen Künstler wurde.“

Monument to Transformation 1989-2009

Stadtgalerie Prag, 28.5.-30.8.2009, 10-20 Uhr

www.monumenttotransformation.org

4.Prag Biennale, Karlin Hall

14.5.-26.7.2009, 11-19 Uhr

veröffentlicht in: Die Presse, 11.6.2009