44. Art Basel

18. Jun. 2013 in Kunstmesse

44. Art Basel

Improvisation & Perfektion – mit diesem Kontrast empfängt uns heuer die Art Basel: Vor dem silbern glänzenden Neubau von Herzog & de Meuron stehen Tadashi Kawamatas zusammengenagelte Hütten aus Wellblech und Holz. Das ist ein starkes Bild für unsere globale Welt. Und betont gleichzeitig die besondere Qualität dieser Mutter aller Kunstmessen:  Denn teuer, größer und breiter angelegt ist keine andere Kunstmesse.  

Eija-Liisa Ahtila

Und kontrastreicher auch kaum, das zeigt sich in der Auswahl der 306 Galerien aus 39 Ländern, darunter die noch ausbaufähige Sektion Feature, die unbedingt verbesserungswürdige Sektion Statements, vor allem aber in den Werken der über 4000 Künstler und am eindrücklichsten in der kuratierten Sektion „Unlimited“. Die Mega-Skulpturen und begehbaren Installationen sind in dem 35 Meter hohen, mit effektvoller Stahlgeflechtfassade ausgestatteten Messeneubau untergebracht. Um 30% ist die Fläche für Unlimited vergrößert, erklärt Kurator Giani Jetzer. Wurden letztes Jahr 62, so sind heuer 79 Künstler aus fast 200 Einreichungen ausgewählt, hier ein Werk zu zeigen. 16.000,- Schweizer Franken (13.000,- Euro) zahlen die Galerien für die Grundausstattung eines 4 Meter hohen Kubus, zusätzlich zu ihrer Standmiete natürlich.

Mechac Gaba

Aber die Investition lohnt sich, denn gerade diese Sektion gehört zu den Höhepunkten der Messe, kommt hier doch eine Ausstellung mit Biennale-Charakter zusammen – und dies nicht aufgrund der bisweilen zu groß geratenen Dimensionen (Mechac Gabas riesiger Ballon im Muster von ineinander verschmolzener Nationalflaggen), sondern der Qualität: Zu sehen sind hochkarätige Werke, die sich mit der Welt beschäftigen, dem Vergessen etwas entgegensetzen wie Huang Yong Ping mit seinem Terrakotta-Nachbau von Osama bin Ladens Grundstück in Pakistan, oder kritisch wie Alfredo Jarrs „Sound of Silence“: Hauptsächlich im Medium Schrift kreist dieses Video um das weltberühmte Foto eines verhungernden Kindes mit Geier im Hintergrund, aufgenommen von Kevin Carter 1994 im Sudan.

Die Macht von Bildern ist selten so drastisch zu erleben wie in dieser Installation. Ähnlich intensiv packt es uns auch in Johan Grimonprez´ neuem Film „The Shadow World“: Auf Grundlage von Andrew Feinsteins Buch wird die völlige Unkontrollierbarkeit bewaffneter Konflikte bis hin in persönliche Schicksale vorgeführt.

Huang Yong Ping, Abbotabad

Weniger kritisch, dafür umso globaler geht es bei den Galerien in Halle 1 weiter. Hier treffen sich die Blue Chips, Picasso auf Jeff Koons, de Kooning auf Joan Miro, und natürlich Richter, Baselitz und all die übrigen, hochpreisigen Investoren-Objekte. In der oberen Halle findet man dann immer wieder Werke von Künstlern der heurigen Biennale Venedig, eine Mini-Version von Ai Weiweis Hocker-Skulptur (Neugerriemschneider) oder von jenem „Krüppelholz“, das Berlinde de Bruyckere im belgischen Pavillon wie ein verletztes Wesen dramatisch inszeniert hat (250.000,- Euro, Continua).

Munteas / Rosenblum

Andere Galerien laden ihre Künstler zu Stand-Inszenierungen ein wie Bob von Orsouw: Das für ihre Bilder von jungen Menschen bekannte Wiener Künstlerpaar Muntean / Rosenblum staffiert den Stand derartig mit Styroporteilen aus, dass man eine Bauruine zu sehen meint – ein erstaunlicher Schritt, vielleicht eine Kunstmarktkritik? Der britisch-afrikanische Künstler Yinka Shonibare dagegen zielt mit seinen lebensgroßen, hedonistischen „Champagne Kids“ auf unsere Gesellschaft: die Köpfe sind Erdkugeln, versehen mit Begriffen der globalen Finanzwelt (5 verschiedene Skulpturen, je 95.000,- Pfund, Stephan Friedmann Gallery, London).

Yinka Shonibare, MBE, Champagne Kid (Perching), 2013

Manches allerdings lässt uns ratlos zurück wie Katharina Fritschs grüne Muschel (16.000,- Euro bei White Cube, London)  oder die orange Schlange von Carsten Höller, die auf dem Boden liegt und offenbar gerade etwas Großes geschluckt hat (90.000,- Euro, 5er Edition, Air de Paris, Paris) – pure Dekoration oder subtile Konzeptkunst?

 

Carsten Höller, With Yves Gaumetou Snake

Je globaler der Kunstmarkt wird, das zeigt die heurige Art Basel, desto facettenreicher wird das Angebot: Handwerklichkeit (Liu Weis „Library“ aus Papierstapeln) und materialintensive Improvisationen (Karla Black) sind im Kommen, immer mehr Kunst wird immer größer, Skulpturen immer gefragter; Kritisches und Konzeptuelles wird von Kitschigem flankiert (Farhad Moshiri), kulturelle Grenzen immer unbedeutender, Radikales und Reduziertes immer seltener. Diese Entwicklung hat den Vorteil, dass die Freude an Kunst zunehmend auf Vorwissen verzichten kann und damit die Menge der Kunden – von Sammlern spricht hier kaum noch jemand – enorm wächst. Mehr als 65.000 Besucher kommen jährlich zur Art Basel, die meisten als Käufer, die heuer schon in der Früh ungeduldig in Kawamatas Hütten auf den Einlass warteten.

Karla Black, Art Basel 2013

 

Piotr Uklanski

 Art Basel, 11.-16.6.2013, Tagesticket 40 CHF

veröffentlicht in: Die Presse, 16.6.2013

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