5. Berlin Biennale

09. Apr. 2008 in Biennalen

Wenn Dinge keine Schatten werfen – die 5.Berlin Biennale

Gerade erst war die Neue Nationalgalerie eröffnet und schon lief das Kondenswasser an den verglasten Wänden herunter. Das war 1968, seither versteckt sich die Berliner Sammlung Moderner Kunst in den unterirdischen Räumen und die monumentale Glashalle steht meistens leer. Die zeitgenössische Kunst dagegen findet in umgenutzten Räumen in Berlin Mitte statt. An diese Trennung hielten sich auch die ersten vier Berlin Biennalen. Zur fünften Edition jetzt wagen sich die Kuratoren Adam Szymczyk und Elena Filipovic erstmals in Mies van der Rohes quadratischen Tempel der Moderne.

19 der insgesamt 50, großteils jungen, wenig bekannten KünstlerInnen zeigen hier für den Ort entstandene Beiträge. So räumt Susanne Kriemann die beiden mitten im Raum stehenden Garderoben-Räumchen aus und platziert darin stattdessen ihre Abrechnung mit der Moderne: Kleinformatiges, das an das Wasserproblem erinnert und vor allem an die Designerin und Architektin Eileen Gray. Unsere jetzt also ortlos gewordenen Mäntel und Taschen finden eine unerwartete Bleibe mitten im Raum, auf den grellgelben, abstrakten Formen des mexikanischen Künstlers und Designers Gabriel Kuri. Pamela Rosenkranz baut eine Ecke aus Paravants, in denen sich Zeichnungen aus Stecknadeln verbergen, Aleana Egan hängt ein wellenartiges Band zwischen die mächtigen Onyx-verkleideten Pfeiler, an denen Marc Camille Chaimowicz´ bemalte Marmorplatten lehnen. Zusammen mit den Tapetenmustern soll damit auf eben jene Gemütlichkeit angespielt werden, die hier schon immer fehlte.

All dies sind interessante Beiträge, konzeptuell einleuchtend mit dem Kontext verbunden, formal solide gelöst – und doch alle so verhalten-spannungslos, dass eher der Eindruck eines großen Spielzimmers voller kleiner Ideen entsteht. Diese ambitionierte Mittelmäßigkeit verstärkt sich noch in den anderen drei Ausstellungsorten der diesjährigen Berlin Biennale. Im ´Skulpturenpark´, einer Baulücke im ehemaligen Todesstreifen an der Mauer, bieten die 300 eiskugelähnlichen Löcher im Boden von Killian Rüthemann den Nachbarkindern allerlei Anreiz für neue Hüpf- und Werfspiele, skurril ist Lars Laumanns Video einer Frau, die sich mit der Mauer verheiraten ließ, und Aleana Egans Gestell lotet mutig die Möglichkeiten autonomer Skulpturen im Außenraum aus. Aber ein weiteres Nachdenken, einen zweiten Blick fordern diese Werke nicht heraus. Im Schinkel Pavillon suchen die Spiegelobjekte der 1909 geborenen Designerin Janette Laverriere unter der Regie von Nairy Baghramian gegen den Reiz des Raumes anzutreten und in den ´Kunstwerken´ herrscht nur noch seichte Banalität, wenn Ahmet Ögüt die große Eingangshalle in einer großspurig politisch-kritisch genannten Geste teert, Giulia Piscitellis Ente auf nassem Asphalt uns die „Grausamkeit des Alltäglichen“ und den darin „aufblitzenden Zauber“ nahe bringen will oder Katerina Seda mit ihrem Sammelsurium von Objekten eigentlich über die Streitereien in ihrem Heimatdorf reden will – das meiste hier ist zu kryptisch  formuliert, um verstanden zu werden, zu ambitioniert, um poetisch zu sein, zu steif, um mitreißen zu können.

Sicher, diese 5.Berlin Biennale bietet auch großartige Beiträge, Manon de Boers Video eines stillen Konzerts von John Cage oder Susan Hillers Soundinstallation mit Sprachbeispielen ausgestorbener Dialekte aus Vietnam, Afrika oder Russland. Und vielleicht werden in dem so genannten ´Nacht´-Teil mit all den kommenden Vorträgen, Filmen und Performances noch Höhepunkte folgen. Aber die Ausnahmen machen das brave Mittelmaß kaum wett, verstärken sogar umgekehrt noch einen auffälligen Mangel dieser fünften Edition: Der Ausstellung fehlt ein Zusammenhalt, eine übergreifende Geschichte. Voller großer Worte sprechen die Kuratoren stattdessen von einer „offenen Struktur in fünf Sätzen ohne feste Handlung“. In dieser undefinierten ´Struktur´ allerdings tümmeln sich dann allzu viele Themen, beginnend mit einer Genealogie der Gegenwart, dazu der Versuch, das Politische mit dem Privaten zu verbinden, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu versöhnen und vor allem den eigenen Platz in einer ungewissen Welt zu sichern, und all dies in Orten, die von den Kuratoren ganz gewissenhaft zu gleichen Teilen im ehemaligen Osten und Westen ausgesucht sind. Und über allem steht der Titel „When things cast no shadow“. Wenn die Dinge keine Schatten werfen, kommt entweder das Licht gleichmäßig von oben oder es fehlt die Kontur. An Licht jedenfalls mangelt es nicht.

Kunstwerke, Neue Nationalgalerie, Schinkel Pavillon, Skulpturen Park, 5.4.-15.6.

veröffentlicht in: Die Presse, 9.4.2008

 

 

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