53. Biennale Venedig, 9. Sharjah Biennale 2009

06. Nov. 2009 in Biennalen

Weltgemeinschaft aus Regionen

Unter massivem Konkurrenzdruck beginnen sich die Kunstbiennalen neu zu orientieren

Literatur und Kunst
Weltweit gibt es mittlerweile Kunstbiennalen an mehr als 130 verschiedenen Orten. Was für ein Publikum aber ziehen sie an? Und was für Kunst wird gezeigt? Oder geht es ohnehin nur um Repräsentation?

Junge Familien schieben ihre Kinderwagen durch die übervölkerten Wege, fröhlich werden Strandausflüge vereinbart und Restauranttipps ausgetauscht. Die drei Eröffnungstage der 53. Biennale Venedig dienen mehr dem Treffen als dem Schauen, ein Fest der Flaneure, ganz wie zur allerersten Edition vor 113 Jahren. Damals allerdings nahmen nicht annähernd so viele Nationen teil wie heute. In den ersten Jahrzehnten im Schnitt 15, nach dem 2.Weltkrieg präsentierten dann rund 30 Länder ihre Kunst in dem künstlichen Park am östlichen Ende der Lagunenstadt. Seit den 1990er Jahren wollen immer mehr Staaten teilnehmen, 1997 sind es 58, 2005 bereits 70, dieses Jahr 77. Verstreut über die Giardini, das Militärgelände „Arsenale“ und einige Palazzi und Kirchen in der ganzen Stadt, sind dieses Jahr erstmals Andorra, Gabon, Montenegro, Pakistan, Marokko und Südafrika dabei, die Emirate sogar doppelt mit einem ´nationalen Beitrag´ unter der Leitung von Tirdad Zogdhan und der von Catherine David kuratierten Abu Dhabi-Ausstellung, beide prominent im Arsenale. 

Pressekonferenz mit Catherine David

Diese stetige Steigerung hat einen einfachen Grund: Was während der Eröffnungstage wie eine feriale Familienidylle erscheint, ist vor allem hochoffizielle Staatsrepräsentation. Hier wird Weltgemeinschaft demonstriert. Die Biennale Venedig ist der Inbegriff der Gegenwartskunst in Weltperspektive. Seit dem Ende der Moderne und dem Beginn der Globalisierung ist davon kein Staat mehr ausgeschlossen – sobald sie sichtbar werden, also einen Platz in Venedig finden oder selbst eine Biennale veranstalten. Über 130 solcher zweijährlichen Ausstellungen existieren mittlerweile. Aber nur einige erhalten überregionale Aufmerksamkeit. Im Schnitt zieht die Kunstkarawane pro Jahr durch acht solcher Großveranstaltungen, letztes Jahr durch Südostasien, heuer von Sharjah über Havanna, Venedig, Athen, Montreal, Istanbul, Lyon, vielleicht noch nach Bamako.

Diese Menge treibt das Format langsam an den Abgrund: Wenn sich die Ausstellungen zu konkurrieren beginnen und umgekehrt das Publikum wie in Venedig nur noch winkend durch die Gänge schlendern möchte – braucht es dann überhaupt noch die Kunst oder sind Biennalen nur noch reine Staatsrepräsentationen? Für wen werden die Ausstellungen veranstaltet? Während Venedig diese Fragen staatsorientiert mit immer mehr beteiligten Nationen beantwortet, reagieren andere Biennalen mit zunehmender Regionalisierung. Die Shanghai Biennale stellt zu jeder Edition explizit die eigene Kultur, letztes Jahr gleich Shanghai selbst in den thematischen Fokus. Die Singapur Biennale beginnt den Stadtstaat als kulturelles Zentrum der südostasiatischen Region zu platzieren und die Sharjah Biennale behauptet erfolgreich eine führende Position in der MENASA-Region (Middle East, North Africa, South Asia).

Die Strategie dazu ist einfach: Kaum westliche und noch weniger Starkünstler sind gefragt. Stattdessen gab es in dem kleinen Emirat Sharjah zur diesjährigen 9.Edition eine öffentliche Ausschreibung für ortsspezifische Projekte. Aus den 250 Einreichungen wählte Jack Persekian mit seinem Team 29 Konzepte aus, plus weiteren 30 Geladenen ist so eine Künstlerliste von vornehmlich Unbekannten und eine Biennale voller maßgeschneiderter Projekte entstanden.

Jawad Al Malhi, Sharjah Biennale 2009

Kernpunkt ist der regionale Bezug: dokumentarisch wie Jawad Al Malhi´s schmale Fotografien des Shufhat Refugee Camp im besetzten Teil Jerusalems, recherchierend wie Doris Bittar´s ethnische und kulturelle Spurensuche anhand landestypischer Ornamente oder poetisch wie Nida Sinnokrot´s „Westbank Butterfly“: eine als Schmetterling gespiegelte Landkarte der israelisch „verwalteten“, westjordanischen Westbank und zwei aneinander gefügte Baggerschaufeln, die wie zum Beten erhobenene Hände aussehen. Mit solchen Beiträgen prägt sich die Region den Besuchern nachdrücklich als emotionale Bilder und nicht mehr als negative Zeitungsmeldungen ein. Weitergeführt in Performances, Vorträge und Arbeitskreisen zielt Persekian dazu auf einen Austausch innerhalb der Region, unterstützt – arabische – Netzwerke, vermittelt Details rund um den Aufbau von Sammlungen und Institutionen in Workshops und fördert die lokale Infrastruktur. Damit ist Sharjah den Nachbarn Dubai mit der erfolgreichen „Art Dubai“-Kunstmesse und Abu Dhabi mit den gewaltigen Museums-Projekten und dem Venedig-Auftritt wieder einen Schritt voraus: In Sharjah wird nicht am Markt und auch nicht an der Repräsentation gearbeitet, sondern am Wissen – und darüber an der kulturellen Neuordnung der Welt.

N. S. Harsha

Über eine Biennale allein ist das nicht zu schaffen, aber Kunst ist ein höchst effektives, weil bewußtseinsbildendes Mittel. Die bisher deutlichste Botschaft dabei ist die Entscheidung, eine Weltgemeinschaft nicht mehr wie in Venedig aus dem Verbund von Nationen zu bilden, sondern aus Regionen. Deren Mitglieder können überall leben, ihre Dazugehörigkeit ist eine mentale Entscheidung. Vielleicht sollten mehr Biennalen ähnlich reagieren und nicht mehr nach nationalen Grenzen einladen, sondern auf kulturelle Allianzen setzen. Die Zukunft der Biennalen läge dann nicht mehr im belanglosen Dabeisein wie in Venedig, sondern wie in Sharjah im aktiven Mitgestalten am Selbst- und Fremdbild der Region.

Nadia Kaabi-Linke, Sharjah Biennale 2009

publiziert in: NZZ, 6.11.2009, „Weltgemeinschaft aus Regionen“,   http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/weltgemeinschaft-aus-regionen-1.2684047

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