55. October Salon Belgrad

13. Okt. 2014 in Ausstellungen

David Pujado, Gems from OUr Past, 2012-14. 10 Fotografien

Es ist nur eine Flugstunde von Wien entfernt und trotzdem ein unbekanntes Terrain: die Kunstszene Serbiens. Zwar gab es nach der Jahrtausendwende einige ´Balkan´-Ausstellungen in Graz und Wien, die nach Jahren der kulturellen Isolation erstmals ein grenzüberschreitendes Publikum erreichten. Aber im Land selbst führten politische Unwägbarkeiten, wirtschaftliche Destabilisierung und in Folge fehlende Subventionen zum schnellen Ende der optimistischen Phase in Serbiens Kunstszene.

Ausblick aus der Ausstellung. Foto SBV

2007 schlossen in Belgrad das Museum für Zeitgenössische Kunst, 2011 das National Museum, beide wegen Renovierungen, die bis heute anhalten. Eine der wenigen stabilen Einrichtungen dagegen ist der Oktober Salon. 1960 gegründet, war es bis 2000 eine regionale, unkuratierte Überblicksausstellung. Seit 2004 ist der Salon auch für internationale KünstlerInnen geöffnet. Jedes zweite Jahr wird ein internationaler Kurator eingeladen – wodurch der Oktober Salon heute die wichtigste Ausstellung dieser Region ist, wie Mia David, Leiterin des Kulturinstituts Belgrad betont.

Allerdings hat die Veranstaltung weder einen festen Raum noch ein fixes Budget, jedes Jahr werde eine neue „Ruine“ gesucht, erzählt sie – und davon gibt es einige in Belgrad, darunter auch die 1999 von NATO-Bomben zerstörte TV-Station und das ehemalige Polizeihauptquartier. Die stehen noch heute wie ein Mahnmal in der Stadt, noch fehlt das Geld für Abriss oder Renovierung. Auch der heurige 55. Oktober Salon findet in einem desolaten, ehemals wohl prächtigen Gebäude statt: in der zentral gelegenen, ehemaligen Militärakademie, die irgendwann einmal das Stadtmuseum werden soll.

Ein Drittel des Budgets gingen für die Adaptierung der Räume weg. Insgesamt standen nur 150.000,- Euro zur Verfügung – das ist auch in Serbien ein sehr niedriges Budget. Zumal heuer 17 der insgesamt 31 KünstlerInnen neue Werke für den Salon schufen.

Gastkuratoren dieses 55. Salons sind Vanessa Müller (Dramaturgin Kunsthalle Wien) und Nicolaus Schafhausen (Direktor Kunsthalle Wien), die zugleich auch eine Kooperation planen: Ende November wird in der Kunsthalle Wien das den Salon begleitende Filmprogramm „Reappearing Things“ laufen. Fünfeinhalb Monate hatten sie Vorbereitungszeit, denn erst im April waren die beiden eingeladen worden. Zugleich wurde erstmals ein open call ausgeschickt, auf den hin 250 KünstlerInnen ihre Bewerbung einreichten. In der strengen Auswahl durch das Kuratorenduo sind 17 KünstlerInnen aus der Region, wenige aus Wien wie Marko Lulic, wenige wurden direkt eingeladen wie Liam Gillick oder der 1985 in Berlin geborene Leon Kahane.

Leon Kahane, Fotografien aus der Serie FRONTEX, Warschau, 2009. Foto SBV

Kahane arbeitet mit Film und Fotografie und zeigt in Serbien Werke seiner Serie „Frontex“. Das ist der Name einer privaten Firma, die für illegale Immigration an den EU-Außengrenzen zuständig ist. Die im Hauptquartier in Warschau fotografierten Aufnahmen vermitteln eine beklemmend-anonyme Atmosphäre. Überhaupt sind auffallend viele Fotografien und Filme ausgestellt – das ist etwas schade, da die hohen Räume mit den rohen Ziegelwänden mehr Skulpturen gut vertragen hätten.

Jelena Bokic

Aber auch so ist dieser Salon eine über seine regionale Bedeutung hinaus bemerkenswerte Ausstellung, in der einmal mehr die Stimmung unserer Zeit in einem irritierenden Gesamtbild auftritt. „Disappearing Things“ lautet der Titel, den Schafhausen im Gespräch konkretisiert: Das Verschwinden von Erinnerung und unser Umgang damit interessiere ihn. Viele arbeiten dafür mit Archivmaterial, melancholische Blicke zurück in die Familien- oder Kulturgeschichte. So ist in den letzten Jahren zu beobachten, dass in vielen Staaten wie in der Türkei, Kuwait oder auch in Serbien die Moderne aus dem Stadtbild entfernt wird.

Dusica Drazic, New City, 2013, Model

Darauf bezieht sich Dusica Drazic mit ihrem Projekt „New City“: Sie baut aus jenen weltweiten Bauten der Moderne ein fiktive neue Modellstadt, die als ökonomisch gescheiterte oder ästhetisch nicht mehr tragbare Stadtelemente abgerissen wurden. Ein verlorener Traum liegt auch dem Video „Resist: Disappearing Happiness“ zugrunde. Die 1959 geborene Videokünstlerin Dragana Zarevac kombiniert auf zwölf Monitoren gleichzeitig im Internet gefundenes Bildmaterial. Es beginnt mit tanzenden Menschen und endet mit brutalen Polizei-Einsätzen – und allem ist Pharrell Williams Welthit „Happy“ unterlegt. Ein poetisches Schlussbild für die Ausstellungen fanden die Kuratoren mit Edit Dekyndts „One Second of Silence“: In ihrem Video flattert eine weiße, nahezu transparente Fahne vor einem dichten Wolkenhimmel – Kapitulation oder Verlust sämtlicher Erinnerungen an die Idee bzw. Symbole von Nationalstaaten? Das Verschwinden der Dinge als Reinigung!

Edith Dekyndt, One Second of Silence (Part. 02, Rotterdam), 2009. HD Video Projektin o.T., Loop, 20´28

 

Dusan Dordevic, Time Capsule – SIV – Palace of Federal Executive Council, 2013. 15 Fotografien

 

Milorad Mladenovic, Untitled (classroom chairs), 2014. 12 Fotografien

 

55. Oktober Salon, Belgrade City Museum, Resavska Street 40b, 19.9.-2.11.2014

veröffentlicht in: Die Presse, 29.9.2014
http://diepresse.com/home/kultur/kunst/3878094/Serbien_Wenn-die-Erinnerung-verschwimmt