6. Berlin Biennale 2010

14. Jun. 2010 in Biennalen

6. Berlin Biennale 2010

Um es gleich vorweg zu sagen: Diese 6.Berlin Biennale macht etwas ratlos. Die Auswahl der Werke ist gelungen, vieles ist von hoher Qualität, großzügig präsentiert, feinfühlig kombiniert, die sechs Ausstellungsorte bedeutsam gewählt – und trotzdem kommt kaum Begeisterung auf. Das ist verblüffend, denn eigentlich ist ja alles richtig gemacht.

Bewusst führt uns die Kuratorin Kathrin Rhomberg diesmal nicht durch den ehemaligen Osten Berlins, sondern in die Hausbesetzerhochburg Kreuzberg. Zentraler Ausstellungsort in ein 1913 erbautes Geschäftshaus. Zehn Jahre stand der Großteil leer, vorher war hier ein Cafe, dann ein Möbelhaus, zuletzt ein Supermarkt. Jetzt empfängt uns eine überdimensionale Garderobe im Erdgeschoß (Roman Ondak), weiter oben liegen zusammengesuchte Teppiche auf dem Boden (Hans Schabus), jemand reibt mit Gasmaske und Gummihandschuhen die bunten Seiten aus Lifestyle-Magazinen (Andrey Kuzkin) leer und ein Journalist will in „Episode 3“ den Menschen im Kongo helfen (Renzo Martens) – all diese Werke erzählen von der Wirklichkeit, in der wir leben. Das genau ist auch das Thema. „Was draußen wartet“ betitelt die gebürtige Österreicherin ihre Ausstellung. Aber wo ist dieses ´draußen´? In der Fremde, vor der Tür, im Anderen oder im eigenen Kopf?

´Draußen´ hier in Kreuzberg heißt zunächst ´Gentrifizierung´, denn genau hier beginnt gerade der Verteuerungsprozeß der Immobilien. ´Draußen´ heißt aber auch Widerstand und Demonstration, 1.Mai-Krawalle und eine große türkische Gemeinschaft. All diese Elemente integriert Rhomberg in die vier Stockwerke der Ausstellung, in den Werken der 30 (von insgesamt 43) KünstlerInnen. Das beginnt mit der zurückhaltenden Renovierung, für die Marcus Geiger nur wenige Wände einziehen, manche Türen zumauern und kaum Mauern verputzen ließ. Das kulminiert in Videos von Demonstrationen in Mexiko und verpufft in wunderschönen, formalistischen Skulpturen (Gedi Sibony), die hier ihre Einzigartigkeit verlieren, weil der Umraum zu ähnlich ist. Das ist eine verdammt breite Bandbreite, die hier in den Blick gerückt wird.

Mit ähnlichem Anspruch auf Vollständigkeit schickt uns die Kuratorin dann auch durch die Stadt, in eine ehemalige Kneipe, in die Gemeindebauwohnung von Danh Vo, in einen Autohändler-Hinterhof und dann ins andere Extrem, nämlich auf die Museumsinsel in die Alte Nationalgalerie und zuletzt ins ´Mutterhaus´ der Biennale, in die Kunstwerke in Berlin-Mitte. Hier im ´KW´ dann schafft es Rhomberg, die Ausstellung zu konzentrieren, führt uns von der Holzverschalung eines Hauses samt freilaufenden Hühnern (Petrit Halilaj) in den ulitmativen ´white cube´, den gleißend weißen, leeren Raum, zu wunderschönen Fotografien und zuletzt in eine Videoinstallation, die das hektische Handeln in der New Yorker Rohstoff-Börse mit den Nöten und Bedrohungen der Fischer im Nigertal konfrontiert (Mark Bolous). Im KW erleben wir die verschiedenen Vorstellungen von Wirklichkeit, denn die präzise gewählten Werke lenken uns von einem weitgehend offen gelassenen ´Draußen´ in ein ´Drinnen´, in unsere Wahrnehmung, in unsere Verantwortung.

Aber warum müssen wir dafür das Haus durch den Kellereingang betreten? Warum bedarf es dieses Kontrastprogramms vom Hinterhof mit den netten Keramiksäulen und Masken im dunklen Raum (Cameron Jamie) bis zu den Zeichnungen von Adolph Menzel in der Nationalgalerie, die vom US-amerikanischen Kunsthistoriker Michael Fried für die Biennale ausgesucht wurden? Menzel ist der bedeutendste deutsche Realisten des 19. Jahrhunderts, dessen Malerei von historisierenden Darstellungen Friedrich des Großen bis zu dramatischen Bildern von Stahlarbeitern reicht. Sicherlich, es sind faszinierende Darstellungen der Wirklichkeit, detailgenau und enorm körperlich, aber im Biennale-Parcour fast eine Facette zuviel. Mit diesem bunten Kaleidoskop von dringlichen Wirklichkeiten, von gestern bis heute, von Mexiko über Israel bis Kreuzberg, verspielt diese Biennale die Möglichkeit, dass das Draußen vertieft und verinnerlicht wird. Und ohne Verinnerlichung kommt keine Begeisterung auf.

Die 6. Berlin Biennale beginnt am 11. 6. in den Kunst-Werken (Auguststr. 69), am Oranienplatz 17, Dresdner Str. 19, Kohlfurter Str. 1, Mehringdamm 28 und Alte Nationalgalerie, Museumsinsel. Bis 8. 8.; Di.–Do. 10–19, Do. bis 22 Uhr.

Veröffentlicht in: Die Presse, 14.6.2010

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