6. Shanghai Biennale 2006

19. Okt. 2006 in Biennalen

6.Shanghai Biennale 2006: Hyperdesign

Pressekonferenz Shanghai Biennale 2006

Gegründet 1996, war die Shanghai Biennale mit den ersten beiden Editionen rein national. Erst zur 3.Biennale unter der Leitung von Hou Hanru – jetzt Kurator der Istanbul Biennale 2007 – begann die internationale Ausrichtung. Mittlerweile hat sich zeitgenössische Kunst in China mehr als etabliert, ist zum internationalen Verkaufsschlager geworden und die Biennale hat ihren festen Platz im internationalen ebenso wie im nationalen Kunstgeschehen.

So reisten zur Eroeffnung der diesjaehrigen 6.Biennale neben den internationalen Kritikern und Kuratoren auch zahlreiche Sammler aus New York an. Und am ersten Ausstellungstag bildete sich sofort eine lange Schlange am Ticketschalter. Shanghai ist der neue „hot spot“, ist „eine kosmopolitische Stadt mit kolonialer Geschichte, orientalischer Tradition und bourgoiser Umgebung“, wie es eine chinesische Tageszeitung perfekt zusammenfasst.

Thema der diesjaehrigen Biennale ist „Hyperdesign“. Es ist ein neuer Begriff, ein Wegweiser Richtung Zukunft mit historischen Wurzeln: Traditionell kennt die chinesische Kultur keine hierarchische Unterscheidung zwischen angewandter und freier Kunst. „Hyperdesign“ als Botschaft von China an die Welt, ein Begriff, ein Konzept, das von zahlreichen parallelen Ausstellungen in der Stadt aufgegriffen wird. So zeigt die „Contrast Gallery“  „Crossover / Beyond art and design“ mit zahlreichen Objekten chinesischer Künstler, die eine eindeutige Zuordnung nicht zulassen – wodurch allerdings leicht alles zu glatten und glänzenden Designwerken gerät. Auch das Privatmuseum „MOCA“, wenige Schritte vom Shanghai Art Museum entfernt, greift das Biennale-Thema auf und variiert es in „Entry Gate: Chinese Aesthetics of Heterogeneity“, eine bemerkenswerte Ausstellung mit 60 Künstlern über das Chinesische in der chinesischen Kunst – inklusiv zweier Westkünstler, Serge Spitzers und Wim Delvoye.

Wim Delvoye, Puppe

Delvoye betreibt seit 2 Jahren eine Schweinefarm in Peking, tätowiert die Schweine, lebende Kunstwerke in einem Land mit großer Tätowierungstradition. In der MOCA-Ausstellung zeigt der Belgier 100 Puppen, Miniaturen seiner selbst mit Tätowierungsgeraet in der Hand – „Hyperdesign“ in Reinformat. 

Serge Spitzer & Ai Weiwei

 Während im MOCA die Vielfalt der chinesischen Kultur Ausgangspunkt der Werke ist, unterteilt das Biennale-Kuratorenteam mit Zhang Qing, Hung Du, Shu-Min Lin, Wonil Rhee, Gianfranco Maraniello, Jonathan Watkinds und Xiao Xiaolan das Thema in drei Kapitel: „Design and Imagination“, „Practice of Everyday Life“ und „Future Constructions of History“. Im Museum, 1930 als Clubhaus des Shanghai Raceclub gebaut, anschließend von der japanischen, dann von der US-Armee genutzt, werden knapp 100 KünstlerInnen aus 25 Ländern ausgestellt, dazu einige Skulpturen rund um das Museum, etwa Shi Jinsongs futuristisch aussehende Motorräder, die tatsächlich umgebaute, funktionstüchtige Traktoren sind. Aus den beiden offenstehenden Garagen schallt Musik, die mit buddhistischen Tempelgesängen beginnt und bei Rock endet. Dieses Aufeinandertreffen von Geschichte und Moderne, von verschiedenen Traditionen spiegelt sich in der Biennale immer wieder in den Werken, etwa wenn Li Lihong die Stufen im Museum mit typischem, chinesischem Keramikmuster beklebt oder Zhang Wang transparente Buddha-Figuren mit Tabletten füllt – medizinische Zutaten treffen auf medizinischen ´spirit´.

Zhang Wang

Rein weltlich greift Liu Jianhua das Thema auf, wenn er aus einem Container Tausende von Alltagsobjekten quillen laesst.

Jian Jianhua

Jianhua ist auch auf der zwei Tage zuvor eroeffnenten 1.Singapur Biennale vertreten und zeigt dort in Scherben zerbrochene Keramikdinge, Schuhe, Puppen, Autoreifen, angeordnet in Form des space shuttle. In Singapur wird das Werk in einer Kirche präsentiert, was merkwürdige Verbindungen entstehen lässt zwischen Raumfahrt und Religion. In Shanghai dagegen steht Konsum und Produktionswahn im Vordergrund: mehr als 1000 Container voller Ramsch werden täglich aus China in die Welt exportiert, lesen wir auf dem ausgelegten Text. Alltagsobjekte sind auch Ausgangspunkt von Joe Scanlan´s Werken, seinen Särgen, die er aus IKEA-Schränken gebaut hat, oder seinem Animationsfilm, in dem sich Telefonhörer irgendwann in Toaster verwandeln, begleitet von lauter Popmusik. Wunderschön poetisch greift Massimo Bartolini in den Alltag ein, wenn er einen kleinen Lagerraum verwandelt: „40 cm higher“, wir stehen auf einer eingezogenen Zwischendecke im Raum, der Boden der Dinge ist verborgen.

Wang Guofeng

Zu den bemerkenswerten Beiträgen gehören auch Wang Guofengs Fotografien von Macht-Architekturen der 50er Jahre, die er bereinigt. Keine Schrift, keine Menschen, keine Autos stören den frontalen Blick auf die monumentalen Gebäude, die in der Architektur Geschichte, in der Ästhetik Politik, Macht, Repräsentation spiegeln. Hier wird der neue Begriff „Hyperdesign“ fast auf die Spitze getrieben, wenn sich kulturelle und politische Transformation derartig intensiv bildlich spiegeln. Eine höchst suggestive Bildsprache findet Qiu Anxiong, dessen Animationsvideo 9/11 zum Ausgangspunkt nimmt: In der Technik traditioneller Tuschemalerei erzählt Anxiong von der Verbindung zwischen Ölförderung, Pipelines und Bomben. Panzer sind Elefanten, Pipelines graben sich wie Würmer durch das Land und aufsteigende Engel werden zu mörderischen Flugzeugen. „The New Sutra of the mountain and the ocean“, so der Titel.

Qiu Anxiong

Über dem Informationsschalter im Museum sind mehrere Monitore angebracht, die an Anzeigetafeln auf Flughäfen erinnern. Nur werden hier keine Ankunftszeiten mitgeteilt, sondern die Zeit bis zum Sonnenaufgang in neun Städten. Paul Ramirez Jonas‘ Beitrag wird im Rahmen der Shanghai Biennale fast zum Wahrzeichen. Sechs Biennalen eröffnen zwischen September und Dezember im pazifisch-asiatischen Raum, Singapur, Shanghai und Gwangju in Südkorea, später Busan ebenfalls in Südkorea, Taipeh in Taiwan und die Asia Pacific Triennale in Australien. Asien ist im Aufbruch – und „Hyperdesign“ könnte sich zum zentralen Begriff eines zukunftsweisenden Konzeptes entwickeln, die Zeit der Moderne, der strengen Differenzierungen in Aktenordnermentalitaet, ist offensichtlich vorbei.

Shi Jinsong

Qiu Jie

publiziert in der Kunstzeitschrift SPIKE, Okt. 2006

 und

http://www.artnet.de/magazine/6-shanghai-biennale/