6. Shanghai Biennale 2006

19. Sep. 2006 in Biennalen

Serge Spitzer & Ai Weiwei

Shanghai im Hyperdesignfieber – die 6.Shanghai Biennale 2006

Von Kinderbüchern wie „Wir leben in China“ (Knesebeck Verlg) bis zu Kunstausstellungen wie „China Now“ (Sammlung Essl, Klosterneuburg/Wien): China ist angesagt. Das war auch zur Eröffnung der 6.Shanghai Biennale zu spüren. Anders als zur nahezu zeitgleichen 1.Singapur und 6.Gwangju Biennale reisten hier Museumsdirektoren, Kuratoren, Kritiker und Sammler aus aller Welt an, vor allem aber aus US-Amerika. Anreiz dazu schafft nicht nur die Biennale, sondern die Menge chinesischer Kunst, die während der Eröffnungstage in der Stadt zu sehen ist.

So zeigt das Zhu Qizhan Art Museum in „Lets get real“ junge  chinesische KünstlerInnen, kuratiert vom jungen Kurator Leo Xu, darunter die faszinierenden Comics von Tao Jin und das eindrückliche Video von Lu Ying von einer Frauen- und einer Männerhand, die voller Harmonie gemeinsame Tätigkeiten ausführen. Das Privatmuseum MoCA gleich neben dem Shanghai Art Museum im „People´s Park“ präsentiert in „Entry Gate: Chinese Aesthetics of Heterogeneity“ sechzig KünstlerInnen, darunter zwei westliche, Serge Spitzer in Zusammenarbeit mit Ai Weiwei mit ihrer Vasen-Installation und Wim Delvoye . Der Belgier betreibt seit 2 Jahren eine Schweinefarm in Peking, tätowiert die Schweine, lebende Kunstwerke in einem Land mit großer Tätowierungstradition. In der MOCA-Ausstellung zeigt der Belgier 100 Puppen, Babypuppen-ähnliche Miniaturen seiner selbst mit Tätowierungsgerät in der Hand.

Thema im MoCA ist die Frage nach dem Chinesischen in der chinesischen Kunst, das hier zwar auch nicht beantwortet wird, dafür aber in einem weiten Bogen zur Diskussion gestellt ist. Der Bogen ist gespannt von Rückgriffen auf Traditionen wie in Qiu Jies Blei-Zeichnungen voller historischer West- und Ost-Szenen oder Wang Xiaohuis Video „My last hundred years“, das im Schnelldurchlauf Zeitgeschichte anhand von Frauenmode demonstriert, bis zu Du Zhenjuns interaktiven Videoinstallation, in der bei richtiger Berührung der Sensoren auf dem Boden Blätter durch die Luft fliegen oder Serge Salats bunt-poppig-spacigen Stadtarchitekturen.

Die Shanghai Biennale dagegen wagt sich an eine Antwort heran: „Hyperdesign“, so das diesjährige Thema. Gegründet 1996, war die Shanghai Biennale mit den ersten beiden Editionen rein national. Erst zur 3.Biennale unter der Leitung von Hou Hanru – jetzt Kurator der Istanbul Biennale 2007 – begann die internationale Ausrichtung. Mit „Hyperdesign“ stellt Shanghai einen neuen Begriff zur Diskussion, der zugleich ein Wegweiser sein soll: Traditionell kennt die chinesische Kultur keine hierarchische Unterscheidung zwischen angewandter und freier Kunst. „Hyperdesign“ als Botschaft von China an die Welt, als Inbegriff der Gleichzeitigkeit von Tradition und Gegenwart – auch wenn das im alltäglichen Leben ganz anders aussieht: So befindet sich ein allzu großer Teil antiker Möbel und Schmuckgegenstände im westlichen Ausland, liegen die meisten und wichtigsten Werke aus den ersten Jahrzehnten der chinesischen Gegenwartskunst ab Mitte der 70er Jahre in den Lagern des ehemaligen Schweizer Botschafters Uli Sigg und reißt die Regierung in den chinesischen Städten nach und nach sämtliche historische Stadtviertel ab.

Wie weit die hierarchiefreie Nähe zwischen freier und angewandter Kunst gehen kann, demonstriert die kommerzielle Contrast Galerie mit „Crossover / Beyond art and design“. Künstler machen funktionale Objekte, Designer freie Skulpturen – eine eindeutige Zuordnung ist nicht möglich, denn hier ist alles zu glattem und glänzendem Design geworden. Das Biennale-Kuratorenteam mit Zhang Qing, Hung Du, Shu-Min Lin, Wonil Rhee, Gianfranco Maraniello, Jonathan Watkinds und Xiao Xiaolan dagegen greift das Thema detailierter an und formuliert drei Kapitel: „Design and Imagination“, „Practice of Everyday Life“ und „Future Constructions of History“. Im Museum, 1930 als Clubhaus des Shanghai Raceclub gebaut, anschließend von der japanischen, dann von der US-Armee genutzt, werden knapp 100 KünstlerInnen aus 25 Ländern auf vier Etagen ausgestellt, dazu einige Skulpturen rund um das Museum, etwa Shi Jinsongs futuristisch aussehende Motorräder, die umgebaute, funktionstüchtige Traktoren sind. Aus den beiden offenstehenden Garagen schallt Musik, die mit buddhistischen Tempelgesängen beginnt und bei Rock endet. Dieses Aufeinandertreffen von Geschichte und Moderne, von verschiedenen Traditionen spiegelt sich in der Biennale immer wieder in den Werken, etwa wenn Li Lihong die Stufen im Museum mit Keramikkacheln beklebt oder Zhang Wang transparente Buddha-Figuren mit Tabletten füllt – westliche Medizin trifft auf östliche Medizin, auf spirit.

Rein weltlich greift Liu Jianhua das Thema auf, wenn er aus einem Container Tausende von Alltagsobjekten quillen lässt. Jianhua ist auch auf der zwei Tage zuvor eröffneten 1.Singapur Biennale vertreten und zeigt dort in Scherben zerbrochene Keramikdinge, Schuhe, Puppen, Autoreifen, angeordnet in Form des space shuttle. In der gerade eröffneten Ausstellung „China Now“ in der Sammlung Essl zeigt der in Shanghai lebende Künstler seine Alltagsobjekte unversehrt und von der Decke hängend – der Künstler verfügt offenbar über eine große Keramikproduktion.

Bisweilen ist das Thema etwas schlicht übersetzt mit Ansammlungen von Alltagsobjekten, in den Fotografien von Caro Niederer, die aus Objekten und kleinen Gemälden feine Arrangements inszeniert, oder Kristian Ryokan Bilder von Alltagsobjekten und Logos, mit Thomas Demands „Sportscars“  und Julian Opies Striptease-Tänzerinnen, den futuristischen Rennwagen von Tesuya Nakamura, Jorge Pardos T-Shirts und Plamen Dejanoffs tiefgehängten Holzlampen. Wunderschön poetisch dagegen  greift Massimo Bartolini in den Alltag ein, wenn er einen kleinen Lagerraum verwandelt: „40 cm higher“, wir stehen auf einer eingezogenen Zwischendecke im Raum, der Boden der Dinge ist verborgen.

Zu den bemerkenswertesten Beiträgen gehören Wang Guofengs Fotografien von Macht-Architekturen der 50er Jahre, die er bereinigt. Keine Schrift, keine Menschen, keine Autos stören den frontalen Blick auf die monumentalen Gebäude, die in der Architektur Geschichte, in der Ästhetik Politik, Macht, Repräsentation spiegeln. Hier wird der neue Begriff „Hyperdesign“ fast auf die Spitze getrieben, wenn sich kulturelle und politische Transformation derartig intensiv bildlich spiegeln. Eine höchst suggestive Bildsprache findet auch Qiu Anxiong, dessen Animationsvideo 9/11 zum Ausgangspunkt nimmt: In der Technik traditioneller Tuschemalerei erzählt Anxiong von der Verbindung zwischen Ölförderung, Pipelines und Bomben. Panzer sind Elefanten, Pipelines graben sich wie Würmer durch das Land und aufsteigende Engel werden zu mörderischen Flugzeugen. „The New Sutra of the mountains and the oceans“, so der Titel in Anspielung auf ein historisches Buch chinesischer Mythologie, erzählt von unserer gegenwärtigen Welt. Dinge, Situationen, Weltanschauungen verwandeln sich. Hier erfährt der zentrale Begriff seine umfassendste Ausdehnung, wenn „Hyperdesign“, diese Liason zwischen Kunst und Leben, in eine neue Mythologie mündet.

Ausstellungen:

Zhu Qizhan Art Museum, Shanghai, „This is for real“, 4.9.-25.9.2006

www.zmuseum.org

Contrast Gallery, „Contrasts and Contradictions: Chapter 1, Crossover // Beyond Art and Design“, 6.9.-15.11.2006

www.contrastgallery.com

MoCA Shanghai (Museum of Contemporary Art), 6.9.-22.10.2006 

www.mocashanghai.org

6. Shanghai Biennale,

www.shanghaibiennale.org www.shanghaibiennale.com

Sammlung Essl, Klosterneuburg/Wien, „China Now“, Kurator Feng Boyl, 14.9.2006 -28.1.2007

veröffentlicht in:  www.artnet.de, http://www.artnet.de/magazine/6-shanghai-biennale/, 19.9.2006

 

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