7. Berlin Biennale 2012

27. Apr. 2012 in Biennalen

Artur Zmijewski (r)

7. Berlin Biennale 2012

Keine Ausstellung hat bereits im Vorfeld soviel Diskussionen erzeugt wie die diesjährige 7. Berlin Biennale: die Büchervernichtungs-Aktion, die allzu sehr an den Nationalsozialismus erinnert (Martin Zet), das pathetische Verpflanzen von Birken aus dem KZ Auschwitz-Birkenau nach Berlin (Lukasz Surowiec), der vom Goethe-Institut mitfinanzierte und von Israel heftig kritisierte Transport des neun Meter langen „Key of Return“ (Schlüssel der Rückkehr) von Palästina nach Berlin (Khaled Jarrar) – immer wieder geriet Artur Zmijewski als Biennale-Kurator in die Schlagzeilen.

Auch als Künstler stand er in der Kritik, als sein Video der Nackten, die in einer Gaskammer eines ehemaligen KZs Fangen spielen, letztes Jahr während einer Ausstellung im Martin Gropius Bau zensiert wurde, aus „Respekt vor den Opfern der Konzentrationslager und deren Nachfahren,“ wie es hieß.

Jetzt ist die Schau also eröffnet – und provoziert weiteren Wirbel. Die einen finden es endlich mal was wirklich Radikales, die anderen sprechen entsetzt von der Abschaffung der Kunst. Das erstaunliche: beides stimmt. Es sollte eine sehr politische Biennale werden, hatte Zmijewski immer wieder betont. „Forget Fear“ wählte er als Titel – eine Aufforderung, unsere Furcht vor den Folgen konträrer politischer Standpunkte „in Form von künstlerischem Handeln“ zu vergessen. Politisierte Kunst a la Hans Haacke ist damit allerdings nicht gemeint, sondern tatsächliche Aktionen. Darum auch lud er die russische, im Untergrund lebende Gruppe VOINA als Ko-Kuratoren ein, die aus mehreren Gründen den Weg nach Berlin keineswegs suchten. „Ausstellungen schaden der zeitgenössischen Kunst“, schreiben sie in ihrem Statement und erklären „passiven Protest und symbolische Aktionen“ für „unmoralisch“.

Aber welche Aktionen setzt die Biennale? Zunächst einmal gibt es nahezu keine Kunst. Das hat zur Folge, dass man die fünf Orte der 7. Berlin Biennale in einer knappen Stunde anschauen kann: Fensterscheiben in der Auguststraße sind aktivistisch vollgeschrieben, das Deutschlandhaus beherbergt die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, in der St. Elisabeth Kirche darf mitgezeichnet werden. Im Hauptort, der Institution „Kunstwerke“ (KW), campiert im unteren Raum ein kleines Grüppchen der „Occupy“-Bewegung. Mit diesen Aktivisten will es Zmijewski wohl schaffen, dass die Kunst aus dem „Teufelskreis der Ohnmacht“ ausbrechen kann. Allerdings ist Occupy keine künstlerische Aktion und darum erreicht die Biennale damit leider das genaue Gegenteil.

Denn statt dass die „Kunst die Macht der Politik erlangt“, wird der politische Aktivismus ästhetisiert und damit verharmlost: wie schön die Werkstatt ausschaut, wie malerisch die Schlafsäcke herumliegen, wie bunt das Lager ist! Dieses Missverständnis setzt sich in den oberen Etagen fort, wo auf den Bau eines riesenhaften Jesus an der polnischen Grenze verwiesen wird, hübsche Flaggen terroristischer Vereinigungen eng nebeneinander hängen, Videos von Demonstrationen und Straßenschlachten laufen, kleine Birkenbäumchen im Kunstlicht verdörren und sich Zmijewskis einst zensiertes Video in einer dunklen Ecke versteckt. All dies betrachten wir nicht als eine widerständige Gestaltung der Realität, sondern unter formalen, kunstimmanenten Aspekten.

Aber das ist dem Kurator bewusst und daher hat Zmijewski im zweiten Schritt die eigentliche Biennale komplett ausgelagert. Das Ausgestellte hat nur Verweisfunktion, die – illegalen – Fahnen etwa sind Platzhalter für das „New World Summit“, ein „alternative Parlament“ politischer und rechtlicher Repräsentanten der Terror-Organisationen. Die entscheidenden Aktivitäten der Biennale finden anderswo und später statt, vor allem Mengen von Diskussionen. Daher braucht man die Ausstellungsorte der Biennale auch gar nicht besuchen, hier werden keine Aussagen generiert. Im Gegenteil: Hier findet radikale Verweigerung statt. Und darum kann diese Biennale gar nicht scheitern: Hier wird uns keine herkömmliche Kunst gezeigt, weil mit Waren die Welt nicht verändert werden kann. Diese Biennale will gar keine Ausstellung sein – und das ist eine Entscheidung, die zunehmend häufiger wird. Auch Roger Buergel, Leiter der documenta 2007, versucht gerade eine Verweigerung, wenn er die Busan Biennale in Südkorea in einen „Garten of Learning“ umbenennt und öffentliche „Learning Councils“ abhält. Oder wenn Yuko Hasegawa auf der japanischen Insel Inujima mit dem „Art House Project“ Häuser für Begegnungen initiiert. In all diesen Projekten suchen die Kuratoren Wege, Ausstellungen nicht mehr nur als Ansammlungen neuer Waren für die Treffen und Geschäfte der „art industry“ zu arrangieren, sondern selbstverantwortliche Veränderungsprozesse in Gang zu setzen. Und genau das will auch Zmijewski mit der Berlin Biennale: „reale Taten in einer realen Welt“ – und ob das gelingt oder scheitert, liegt nicht in der Verantwortung des Kurators oder der Künstler, sondern bei uns.

Berlin Biennale, 27.4.-1.7.2012

Veröffentlicht in: Die Presse, 27.4.2012

 

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