Mayen Beckmann zum Nachlass von Max Beckmann

29. Sep. 2016 in Interview

Mayan Beckmann // SBV

Mayen Beckmann // SBV

Sabine B. Vogel: Sie betreuen den Nachlass ihres Großvaters Max Beckmann – stehen Sie im Austausch mit anderen Nachlassverwaltern?
Mayen Beckmann: Wenig. Wir wollten das mal etablieren, mit Klee und den Jungs, die so alt sind wie ich. Aber die Temperamente der Erben sind so anders, jeder Nachlass ist so anders gelagert – und die technischen Probleme, die wir alle haben, lösen wir ja ohnehin mit rechts oder links. Die großen Nachlässe von den berühmten Künstlern haben ja gar kein Problem. Sinn macht das eher für die kleinen Nachlässe, die sollten sich zusammenschließen. Aber bring mal fünf davon zusammen …
SBV: Gibt es gar keine gemeinsamen Themen im Umgang der Museen mit den Werken beispielsweise?
Mayen Beckmann: Es gibt ja sehr viele Nachlässe, man ist erstaunt, was alles die beiden Weltkriege überlebt hat. Ich war gerade in einer kleinen Stadt, in der eine reizende Person ein Museum geschaffen für ihre Eltern, die beide Künstler waren, dazu ihre Großmutter und ihren Großvater, die ebenfalls Künstler waren. Vier Nachlässe und sie selbst auch eine aktive Künstlerin! Das ist super, aber das ist zum Verhungern, wenn es nicht in den Kontext eines großen Museum kommt, die die mitschleppen.
SBV: Und bei den berühmten Künstlern?
Mayen Beckmann: Auch da gibt es große Unterschiede. Picasso etwa hat ein Riesenwerk hinterlassen, das zum Großteil in staatlichen, zum kleinen Teil noch in privaten Händen ist. Bei dem Nachlass geht es viel um Copyright, viel ist noch zu verkaufen. Das sind völlig andere Aufgaben als bei Klee, wo das meiste in einer Stiftung und nicht mehr frei verfügbar ist.
SBV: Sind die Werke von Beckmann auch in einer Stiftung?
Mayen Beckmann: Wir haben keine Stiftung, ich verweigere mich dem. Ich bin ja die einzige Erbin und habe meine Bilder zum großen Teil in Museen als Dauerleihgaben, in Hamburg und Leipzig. Auch sehr viele meiner Zeichnungen sind dort, vieles habe ich in das Beckmann-Archiv gegeben.
SBV: Ist alles weg?
Mayen Beckmann: Nicht alles, manches ist noch bei mir an den Wänden. Aber ich sammle ja auch Kunst, aus meiner Generation und jünger. Ich denke schon genau darüber nach, mit welchen Bildern ich welchen Museumsbestand erweitern und abrunden kann. Insofern sind meine Bilder da als zehnjährige Leihgabe mit automatischer Verlängerung, wenn es nicht gekündigt wird, gut aufgehoben. Das bringt mir viel mehr als eine Stiftung, zumal unser deutsches Erbrecht völlig anders gelagert ist als das US-amerikanische. Wenn man Dinge zwanzig Jahre in einer Sammlung hat, ist es um 60 Prozent von der Erbschaftssteuer befreit. Wenn es dann noch in irgendeiner Weise von öffentlichem Interesse ist, ist es zu 100 Prozent befreit. Die Stiftungen sind ja alle ein Instrument, um Steuern zu sparen. Das die am Ende so viel Geld fressen, wie Steuern vorher gespart werden, ist eine andere Sache.
SBV: Lukrieren nicht viele Stiftungen auch Geld?
Mayen Beckmann: Ja, wenn es Copyright-Einnahmen und anderen Besitz gibt oder Verkäufe möglich sind…
SBV: … oder posthume Produktionen – das ist ja bei Beckmann kaum möglich, oder?
Mayan Beckmann: Mein Vater hat Graphikplatten in den 1970er Jahren nachdrucken lassen, die wie durch ein Wunder erhalten geblieben waren. Damals gab es auch noch den alten Drucker, da konnte eine Edition als preiswertere Werke für jüngere Sammler gemacht werden. Aber sonst nichts. Bei Hans Arp geht das, bei Robert Rauschenberg gibt es vielleicht noch ungedruckte Graphiken und halbverkaufte Auflagen. Aber die meisten Nachlässe haben das ja nicht.
SBV: Sie erwähnen Ihre eigene Sammlung – was kaufen Sie?
Mayen Beckmann: Ich habe in den 1970ern mit Georg Baselitz angefangen, jetzt kaufen meine Freundin und ich viel ganz junge Künstler.
SBV: Ist es für Sie in dem aufgeheizten Markt gerade nicht reizvoll, einige Bilder Ihres Großvaters aus den Museen zu holen und zu verkaufen?
Mayen Beckmann: Was soll ich mit dem Geld? Können Sie mir sagen, was man heutzutage mit viel Geld macht? Ich arbeite ja auch, wir haben alle immer unser eigenes Geld verdient.
SBV: Sie verkaufen gar nicht?
Mayen Beckmann: Manchmal. Wenn mein Sohn ein Haus erwerben will, dann verkaufen wir ein Bild – klar. Aber nicht, weil der Markt gerade gut ist.

Flavin Judd, Magda Salvesen, Hélène Vandenberghe, Mary Moore and Mayen Beckmann at Keeping the Legacy Alive, the Institute for Artists' Estates' inaugural conference in Berlin, 2016. Photo OTB Media. Courtesy the Institute for Artists' Estates

Flavin Judd, Magda Salvesen, Hélène Vandenberghe, Mary Moore and Mayen Beckmann at Keeping the Legacy Alive, the Institute for Artists‘ Estates‘ inaugural conference in Berlin, 2016. Photo OTB Media. Courtesy the Institute for Artists‘ Estates

Das Gespräch fand anlässlich der Tagung „Keeping The Legacy Alive“ statt, organisiert von Artists‘ Estates‘, am 14./15. September 2016 in Berlin.