8. Gwangju Biennale + 6. Media City Seoul 2010

12. Sep. 2010 in Biennalen

8. Gwangju Biennale + 6. Media City Seoul

Noch in den 1960er Jahren schickte die Leitung der Biennale Venedig den internationalen Kommissären eine Ermahnung, unbedingt auf die Verkäuflichkeit aller ausgestellten Werke zu achten. Biennale und Kunstmarkt – diese Verbindung war damals noch selbstverständlich. Im selben Jahrzehnt etablierte sich dann die erste Kunstmesse in Köln und bald wurden die beiden Formate immer schärfer getrennt.

Seit wenigen Jahren ist jetzt eine erneute Annäherung zu beobachten. Ob die nur einmaligen Ausgaben der Cornice Artfair zur 52. Biennale Venedig 2007 und der Showcase Singapore zur 2. Singapur Biennale 2008, oder die erfolgreiche zeitliche Nähe der 3. Art Dubai zur 9. Sharjah Biennale 2009 – die Eröffnungstage der beiden Formate werden immer häufiger aufeinander abgestimmt. Jetzt folgen auch die südkoreanischen Veranstaltungen diesem Modell: Zwei Tage vor Beginn der 8. Gwangju Biennale startete die erst im Mai 2010 gegründete Art Gwangju (1.9.-5.9.), zwei Tage nach Eröffnung der 6. Media City Seoul die international renommierte 9. KIAF (Korean International Art Fair, 9.9.-13.9.). Die formalen Vorteile für die Aussteller und anreisenden Besucher sind nahe liegend. Erstmals greift jetzt aber auch die Kunstmesse direkt ein Biennale-Thema auf, wenn die KIAF die neue Kategorie „Korea Media Art“ in das Programm aufnimmt. Und überraschenderweise spiegelt sich die neue Nähe auch umgekehrt erstmals in der Werkauswahl einer Biennale. Denn während die „Media City Seoul“ dieses Jahr auf technologisch innovative – und damit meist mehr unternehmerisch als ästhetisch orientierte – Beiträge verzichtet, bejaht die Gwangju Biennale die Nähe zur kommerziellen Seite der Kunst ganz unbekümmert.

Media City Seoul: Trust

Bekannt als Biennale für Neue Medien und digitale Kunst, thematisieren die diesjährigen Kuratoren (Sunjung Kim, Clara Kim, Nicolaus Schafhausen, Fumihiko Sumitomo) unter dem Titel „Trust“ Aspekte von sozialem Verhalten. Vorherrschendes und damit unsere Aufmerksamkeit bisweilen strapazierendes Medium der Media City Seoul 2010 sind Videos. Zentrale Themen sind politische und gesellschaftliche Problemzonen und Missstände. ´Vertrauen´ wird in diesen Beiträgen nicht nur gespiegelt, sondern auch befragt – und dies bis hin in die Auswahlstruktur. Denn bei vier Kuratoren aus vier kulturellen Kontexten gehören unterschiedliche Beurteilungen zum Berufsalltag – und werden nicht zuletzt durch Vertrauen überwunden. Genau dieser Prozess spiegelt sich in manchen Werken. So erscheinen die Projekte der Gruppe „Xijing Men“ rund um die Erfindung einer bisher fehlenden „Westhauptstadt“ (Xijing) mit westlichen Augen kindisch bis kitschig. Im auf Harmonie basierenden, asiatischen Kontext dagegen ist diese Ausdrucksformen für eine neue, gemeinsame Stadt aber der einzig mögliche Weg. Denn bereits die Herkunft der drei Künstler aus Japan, Korea und China ist aufgrund der brutalen, japanischen Besatzung von Korea Anfang des 20. Jahrhunderts politisch höchst brisant.

Umgekehrt ist ´Vertrauen´ aber auch ein reichlich unkonkreter  und offener Begriff. So sind manche Beiträge der insgesamt 45 Künstler bzw. Künstlergruppen humorvoll wie Erik van Lieshouts tagebuchähnliches Video über seine Liebe zu seiner Assistentin, beunruhigend wie die Fotografien des israelischen Künstlers Miki Kratsman, der beliebige Straßenszenen mittels eines Scharfschützenblicks in Bedrohungen verwandelt, oder exzessiv wie Tarek Atouis radikale Performance, in der er seine Folter-Erlebnisse während des Krieges 2006 in Beirut in elektroakustischen Sound verwandelt. Ein starkes Bild für Misstrauen findet Shilpa Gupta mit ihrer überdimensionalen, bedrohlichen, schwarzen Wolke aus Mikrophonen.

Tarek Atoui, Seoul 2010

Vertrauen, das machen die spannungsvoll ausgewählten Werke von Media City Seoul deutlich, ist eine aktive Handlung, die wir nicht passiv finden, sondern selber erzeugen müssen. „Trust“ ist damit nicht nur ein Thema, sondern vor allem eine Aufforderung zur geschärften Aufmerksamkeit – nicht zuletzt anderen kulturellen Kontexten gegenüber.

Gwangju Biennale 2010

M Gioni, Gwangju 2010

Geradezu konträr konzipiert Massimiliano Gioni die drei Zugstunden südlich von Seoul stattfindende 8. Gwangju Biennale. Gioni, Direktor der Mailänder Trussardi Foundation und  „Direktor für Spezialausstellungen“ am New Museum New York, entschied sich gegen die übliche, installative „Biennalekunst“ und stattdessen für die Form eines „temporären Museums“, wie er es nennt. Mit Werken von 134 Künstlern aus 28 Nationen stellt er einen Parcours zusammen, der von den Beziehungen der Menschen zu Bildern handelt. Ein weites Feld. Raum für Raum schreitet man die verschiedenen Aspekt des Themas ab: Historische und zeitgenössische Bilder, die Erinnerungen festhalten, die ein perfektes Selbst oder virtuelle Gemeinschaften schaffen, die Menschen zu Heroen stilisieren und Definitionsmacht über Ereignisse behaupten, para-wissenschaftliche und religiöse Ansichten, aber auch Bildarchive und optische Illusionen. Hier treffen Christopher Williams Produkt-Fotografien auf Konrad Klaphecks Malerei von Alltagsobjekten, Jean Fautriers „Hostage“-Serie auf Thomas Hirschhorns Installation „Embedded Fetish“ über Selbstmordattentäter, Thomas Bayrles serielle Portraits auf Ataru Satos surrealistische Zeichnungen im Tattoo-Stil. Obwohl diese Räume überzeugend recherchiert und inszeniert sind, irritiert deren sachliche, weniger museums- als messeähnliche Neutralität. Von einer Biennale, noch dazu in Südkorea, erwartet man mehr als eine Abfolge von marktrelevanten Werken.

Carl Andre, Gu Dexin, Gwangju Biennale 2010

Anders als eine Kunstmesse funktioniert eine Biennale als Brücke zwischen Globalem und Lokalem (Besuchern, Themen, Künstlern, Kontexten) und verlangt dafür einen kuratorischen Standpunkt, der über eine Addition hinausgeht. Einer der wenigen solcher Momente findet sich in dem Raum mit Carl Andre´s minimalistischer Holz-Spirale „War & Rumors of War“ und der Wandschrift von Gu Dexin rundum. „We Killed Humans We Killed Men We Killed Women We Smashed People´s Faces“ steht dort auf Chinesisch geschrieben – ein Statement über die Brutalität menschlicher Gesellschaften. Seit diesem Werk hat Gu Dexin mit seiner Kunst aufgehört, weil er der Welt keine neuen Bilder mehr hinzufügen will. Diesen beiden Bildverweigerungen folgen erst die tief bewegenden Fotografien eines 16jährigen Mädchens, das von 1975-79 alle neu eintreffenden Gefangenen der Roten Khmer in Kambodscha fotografieren musste, und anschließend Gustav Metzgers Fotografien von traumatischen, historischen Situationen.

Gustav Metzger, Gwangju 2010

Dies ist nicht nur eine emotional und auch ästhetisch intensive Passage, sondern endlich auch wird die Dominanz all der ´Flachware´ auf den Wänden mit Skulpturen und Installationen durchbrochen. Hier wird kurz erlebbar, worin die Qualität einer Biennale im Unterschied zu Kunstmessen und Museen besteht. Denn anders als Museumsausstellungen sind Biennalen keine Schaufenster für kunsthistorische Forschungen. Durch die zweijährlich wechselnden Kuratoren zeigen Biennalen stattdessen das Fremdbild einer Stadt oder Region und reagieren auf Veränderungen politischer und kultureller Ordnungen. Anders als auf Kunstmessen dienen dazu meist eigens für die Biennale geschaffene Werke, die nicht in Format und Inhalt Wohnzimmertauglich sein müssen, sondern im Zusammenhang mit vorgefundenen Kontexten stehen. Mit der diesjährigen „Media City Seoul“ wird die Selbstwahrnehmung Südkoreas als Hochburg für Medientechnologien aufgegriffen und von der technischen auf eine inhaltliche Ebene verschoben: ´Vertrauen´ – und damit auch Wahrheit – als Anspruch an und Grundlage von Medien. Gioni dagegen hat offensichtlich kein Interesse, einen Bezug zwischen der 8.Biennale und dem regionalen Kontext herzustellen.

Indem sich Gioni gegen „Biennalekunst“ entscheidet und statt dessen ein perfekt inszeniertes, aber allgemein gehaltenes Thema mit einem Parcours von Kleinformaten an den Wänden abhandelt, erscheint die diesjährige Gwangju Biennale als an ein ´temporäres Museum´ und eine Kunstmesse zugleich – und kommt damit den gegenseitigen Annäherungen einen großen Schritt näher. Das ist natürlich auch ein Weg, aber eine eindrückliche, spannende Biennale sieht anders aus.

publiziert in: FAZ 12.9.2010