54. Biennale Venedig 2011: Österreich, Deutschland, Schweiz, USA

01. Jun. 2011 in Biennalen

54. Biennale Venedig – Markus Schinwald für Österreich

Nachdem die letzten Biennalen mit viel zu vielen allzu kommerziell ausgrichteten Pavillons enttäuschten, dominieren dieses Jahr wieder die kritischen und erlebnisreichen Inszenierungen.

Der österreichische Pavillon sei in ein Labyrinth verwandelt, das den Boden nicht berührt – mit dieser Beschreibung wurde Markus Schinwalds Beitrag für die Biennale Venedig angekündigt. Das klingt wie eine endlos verwinkelte Badekabine, klaustrophobisch, assoziationsreich, irritierend. Sein „schwebendes Labyrinth“ würde uns auf eine Gedankenreise mit Fußfreiheit schicken, die, wurde vermutet, ja möglicherweise auch in die Tiefen österreichischer Keller führen könnte. Nach verspäteter Landung, streikenden Vaporetti und einer teuren Wassertaxifahrt endlich angekommen am hinteren Ende des Giardini-Gelände, meint man zunächst, der österreichische Pavillon sei geschlossen. Der Eingang ist mit einer Wand zugestellt. Dahinter folgen dann weiße, leere, ein wenig verschachtelt angeordnete Wände, zwischen denen die Schinwald-typischen Werke hängen: überarbeitete historische Portraits, denen der Künstler Prothesen hinzufügt, ein Kinnpolster oder ein Draht. Solche verschachtelten Gänge verführen nicht zur gezielten Betrachtung, sondern zum schnellen Weitergehen. Man erwartet irgendwas am Ende. Also landen wir ziemlich schnell im letzten Raum mit dem Film. Wie in dem gar nicht labyrinthischen Labyrinth geht es auch im Film um unsere Wahrnehmung von Körpern, von besessenen Situationen, von Unbehagen und Ungewissheit – nur das sich diese Gefühle gar nicht einstellen. Viel zu elegant und modernistisch ist die gesamte Inszenierung des Pavillons, als das sich ein Gefühl von Unzulänglichkeit und Zwanghaftem einstellen kann. Einzig die komischen, an Stuhlbeine erinnernden Skulpturen, die wie Kraken an den Wänden hängen, sind skulptural und assoziativ spannend.

Was im österreichischen Pavillon zu vorsichtig eingebracht ist, wird im deutschen Pavillon überstrapaziert. Seit den 1960er Jahren arbeiteten sich hier die eingeladenen Künstler ab, den 1938 von den Nationalsozialisten umgebauten und in „Germania“ umbenannten deutschen Pavillon kritisch-innovativ zu bespielen. Schon der Eingang ist eine Herausforderung, denn hier dominieren massige, rechteckige Pfeiler, die im Auftrag der Nazis die zierlichen dorischen Säulen ersetzten. Dieses Jahr sollte eigentlich Christoph Schlingensief einen deutschlandkritischen Blick entwickelt. Aber er starb im August 2010 an Lungenkrebs. Eigentlich wollte er den Pavillon in ein ,Wellness-Zentrum Afrika‘ oder ,Deutsches Zentrum für Wellness und Vorsorge‘ verwandeln – mit Sauna, Schwimmbad und afrikanischer Ayurveda. Die Fassade hätte er am liebsten in ,Das total verrückte Wirtshaus‘, ein Kirmes-Schaugeschäft, verwandelt. Aber seine Pläne waren zu skizzenhaft für eine posthume Umsetzung und man entschied, im deutschen Pavillon keine Ausstellung von, sondern über Schlingensief zu zeigen. Auch hier ist der Eingang zugebaut. Im Inneren dann ist seine Installation der Ruhrfestspiele originalgetreu aufgebaut: ein Altar mit Hase, Krankenbett und Röntgenbildern, Vitrinen, davor zehn Betbänke, auf die sich die Besucher gleich ganz brav-andächtig setzen. Das Problem ist hier nicht nur die enorm pathetische Inszenierung. Es ist vor allem eine künstlerisch mehr als bekannte Formensprache: Beuys plus Fluxus plus provokantem Theater. Wirklich innovativ dagegen war Schlingensief in seinen frühen Filmen, die als Retrospektive im rechten Seitenaltar zu sehen sind.

Wie spannend, vielseitig, unerwartet, verwirrend, voller Anspielungen und Gedankenflügen ein zugebauter, überbordender Pavillon sein kann, zeigt Thomas Hirschhorn im Schweizer Pavillon – fantastisch allein seine Stühle mit Mengen von Handys! Zugebaut ist auch der englische Pavillon, den Mike Nelson vom Eingang an in eine Bruchbude umgebaut hat – und die ist tatsächlich labyrinthisch. Dieser Pavillon wurde einst als Restaurant geplant und kurzerhand dann für England mit minimalen Änderungen gebaut. Daran erinnern noch die großen Terrassen. Nelsen hat das Haus beeindruckend in lauter Rümpelkammern verwandelt – allerdings ist sein inhaltliches Konzept nicht ganz nachvollziehbar: Dieser Umbau sei orientiert an einem Gebäude des 17. Jahrhunderts in Istanbul – wieso denn bloß Istanbul? Trotzdem ist es ein Ereignis, hier durchzuwandern – wie auch der österreichische und der deutsche Pavillon durchaus ereignishaft wahrgenommen werden können. Die Gedankenreisen, die kann man dann ja auch in den anderen Pavillon finden, allen voran in dem großartigen Beitrag vom Künstlerduo Jennifer Allora & Guillermo Calzadilla. Schon von weitem hört man das bedrohliche Geräusch, dass die Raupenbänder des Panzers machen. Der liegt wie ein toter Käfer auf dem Rücken vor dem USA-Pavillon. Oben drauf trainiert ein Athlet auf einem Laufband – wodurch Sportwettkämpfe in Verbindung mit militärischen Kämpfen und natürlich dem Länderwettbewerb in Venedig treten. Im Eingang dann eine Sonnenbank, in der die Freiheitsstatue von Thomas Crawford liegt, die seit 1863 auf dem Kapitol in Washington steht. Innen ist eine riesige Orgel in einen Bankomaten verwandelt – so führt uns das Duo Raum für Raum durch eine USA-kritische Vorstellung von „Gloria“. Nicht zuletzt nach der Enttäuschung der letzten Biennale über Bruce Naumans Beitrag, der allzu sehr an eine Galerien-Verkaufsschau erinnerte, kann die USA dieses Jahr mit „Gloria“ enorm punkten.

Absolut überzeugend, das sei noch ganz kurz angesprochen, kann heuer auch die zentrale Gruppenausstellung ILLUMInazioni. Der erste schnelle Überblick reichte bisher nur für einen kurzen Gang durch das ehemalige Marinegelände namens Arsenale – aber Bice Curigers Auswahl der 83 KünstlerInnen sind kontrastreich angeordnet, poetische, stille Beiträge wechseln mit lauten, großen Installationen, fügen sich perfekt in die sparsam adaptierten Räume ein und schaffen es sogar, den Übergang zu den sich anschließenden Länderpavillons nicht allzu abrupt werden zu lassen. Hier dann kommt mein bisheriger Lieblingspavillon: Ayse Erkman für die Türkei. Sie hat eine Wasseraufbereitungsanlage installiert, die sechs Monate lang das schmutzige Wasser der Kanäle in Trinkwasser verwandelt. Klingt nüchtern, ist aber wunderschön. Allein die Farbenwahl für die Rohre zeigt, wie wenig Eingriffe nötig sind, um die Welt umzudeuten.

 veröffentlicht in: Die Presse, 1.6.2011