9. Art Dubai 2015

25. Mrz. 2015 in Kunstmesse

Bürgerkrieg in Syrien, die Terrormiliz IS im Irak, Millionen Menschen auf der Flucht: Konflikte und Krisen rundherum – ist das ein guter Moment, um eine Kunstmesse in den Vereinigten Emiraten abzuhalten? Und wieso beginnt die Art Dubai in ihrer neunten Ausgabe heuer ausgerechnet in Kuwait, dem kleinen Staat, der an Saudi-Arabien und Irak grenzt?
Hier wurde zwei Tage lang als Vorprogramm der Art Dubai über den Einfluss technologischer Innovationen auf die arabische Kultur gesprochen – sind Öl und Waffen nicht weitaus einflussreichere Faktoren?

Antonia Carver, Direktorin Art Dubai

Antonia Carver, Direktorin Art Dubai

Antonia Carver, Direktorin der Art Dubai, beantwortet diese Fragen kurz und klar: Die Art Dubai sei mehr als eine Kunstmesse, es sei ein Motor für weitreichende, positive Veränderungen in der Region – und die „können nur durch Bildung und Kultur stattfinden“.
Darum auch beginnt das Programm heuer in Kuwait. Der Staat gilt als Pionierland, hier starteten in den 1920 und ´30er die ersten Radio- und TV-Sender am Golf, 1958 die weithin einflussreiche Zeitschrift Al-Arabia und mit der Sultan Gallery eröffnete 1969 die erste professionelle Galerie für arabische Kunst am Golf.
Durch die irakische Invasion 1990 fand das ein abruptes Ende. Diese Phase der Moderne wird jetzt aufgearbeitet, Kristine Khoury etwa stellte ihre Recherchen der Geschichte der Sultan Gallery vor. Deren Programm ist heute eine der Grundlagen der „Modern“-Abteilung auf der Art Dubai. Diese Sektion mit Kunst von 1940-´80 findet zum zweiten Mal auf der Kunstmesse statt und ist ein enormer Erfolg. Denn der Blick zurück ist ein wesentliches Werkzug zum ´rebranding´ bzw. zur Neupositionierung der Region. Bestandsaufnahmen des Vorangegangen dienen als Ausgangspunkt für eine ´neue arabische Identität´ – ein Stichwort, das in Kuwait häufiger fiel.

Madinat Jumeirah Hotel, Dubai

Madinat Jumeirah Hotel, Dubai

Das unterstützt die Art Dubai heuer einmal mehr, die in ihrer 9. Ausgabe mit 92 Galerien aus 40 Ländern so global wie nie zuvor ist. 30 % der Galerien und 40 % der Künstler stammen aus dem Nahen Osten. Manche sind zwar nur über familiäre Wurzeln verbunden, die aber werden besonders betont. Viele Werke basieren auf Erkundungen und vor allem Neubewertungen arabischer Traditionen, oft sind Arabesken oder arabische Schriftzeichen eingearbeitet. Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Denn als die Art Dubai 2007 gegründet wurde, gab es kaum ein lokales Publikum, kaum regionale Sammler und kaum arabische Künstler. Mittlerweile ist nicht nur die Messe, sondern auch Dubai das Zentrum für eine stolze, arabische Kunst. In atemberaubender Geschwindigkeit löst dies Entwicklungen aus, die niemand für möglich gehalten hätte. So ziehen gerade durch die Konflikte in der Region immer mehr Künstler, Galerien und auch Kunstsammlungen in das sichere Emirat. Das wiederum zieht junge Entrepreneurs aus aller Welt an wie die junge Pariserin, die zur Messe kam, um am Stand der Wiener Galerie Krinzinger mitzuarbeiten. Angeheizt durch die höchst erfolgreichen Verkäufe bereits am Eröffnungsabend – ein Werk des Spaniers Secundino Hernandez etwa ging sofort in eine große Kuwait-Sammlung – hat sie spontan beschlossen, bald nach Dubai zu ziehen, um hier eine Galerie zu eröffnen.

Manal Al Dowayan

Manal Al Dowayan

Aber auch in den Werken werden deutliche Zeichen gesetzt. Zu den Stars der jungen Kunstszene Saudi Arabiens gehört Manal Al Dowayan. Sie wurde von Rolls-Royce eingeladen, im Rahmen der Art Initiative anlässlich der Art Dubai eine neue Arbeit zu schaffen. In Dubais Galerienzentrum AlSerkal Avenue, das vor wenigen Jahren noch hauptsächlich aus Garagen für Autowerkstätten bestand und wo gerade 40 weitere Hallen für Galerien, Design- und Modeshops entstanden, zeigt Dowayan ihre beeindruckende Mehrkanal-Installation „I had no wings“. Frauen dürfen in Saudi-Arabien nicht Autofahren, also filmte sie ihre Sicht von der Rückbank. Das Privileg, das man mit Rolls-Royce inklusiv Chauffeur verbindet, trifft auf die unfreiwillige Situation der Frauen. Unterstützt von einem aggressiven Sound fliegt die Welt am Fenster vorbei – Teilnahme ausgeschlossen.
Ähnlich wie bei Dowayan stehen Regeln und Normen in vielen Werken zur Diskussion.
In Kuwait in der renommierten Dar Al Funoon Gallery zeigt die iranische Künstlerin Shadi Ghadirian ihre Serie „Miss Butterfly“ (ab 4800,- Euro): In den schwarz-weiß-Fotografien weben Frauen feine, weiße Spinnweben, die ihnen den Weg zum Fenster, zur Tür, zum Licht versperren – intensive Bilder für Gefangenschaft, aber auch für die Notwendigkeit, die Situation aktiv zu ändern.
Dies Thema greift auch Mona Hatoum mit ihrem Vogelkäfig auf, den Continua auf der Art Dubai zeigt: In dem Käfig sind zwei kleine Kugeln aus Haaren der Künstlerin eingesperrt (40.000,- Dollar).
Leuchtkästen mit Bilder von Ruinen in syrischen Städten hat Tiffany Chung zu einer Landschaft zusammengestellt: „finding one´s shadow in ruins and rubble“ (45.000,- Dollar) nennt die vietnamesische Künstlerin die traumatische Verarbeitung, wenn eine lebendige Stadt zur zerstörten Welt wird.
Vieles ist plakativ, etwa der sofort verkaufte Blumenstrauß aus Stacheldraht, der aus den Wurzeln eines jener mittlerweile 800.000 von Israel zerstörten, palästinensischen Olivenbäumen wächst (Abdulrahman Katanani, 15.000,- Dollar, Agial Gallery Beirut).
Oder die Silhouette eines Soldaten mit Gewehr im Anschlag, die Omar Bey aus Ziegeln heraushaut (Socrate, 19.000,- Dollar, Elmarsa Gallery).
Es sei ein Tribut an jenen Soldaten namens Socrate, der im Kampf gegen die IS gefallen sei, erklärt der tunesische Künstler. Seine Skulptur ist ein bedrohliches Monument, denn die angekratzten Ziegel sind instabil, die Wand droht einzubrechen. Eine erschreckende Aktualität dieser Instabilität erhielt seine Arbeit durch den Terroranschlag am Donnerstag im Bardo Museum in Tunis. Die Presse befragte Antonia Carver zu dem Ereignis, Carver betonte, dass es jetzt noch wichtiger werde, jener Kunst ein Forum zu geben, die einen Aufbruch in eine tolerante Gesellschaft sucht.

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Art Dubai, 18.-22.3.2015
veröffentlicht in: Die Presse, 22.3.2015