Adel Abdessemed im Mathaf, Doha

03. Jan. 2014 in Ausstellungen

 

Im WM-Endspiel Frankreich gegen Italien 2006 ließ sich Zidane provozieren und reagierte mit einem Kopfstoß gegen Materazzi. Es war das letzte Spiel des Weltklassefußballers und ein berührendes Ende seiner Karriere. Diese sehr emotionale Pose griff der algerisch-französische Künstler Adel Abdessemed auf. Als fünf Meter große Bronze verewigt, wurde „Coup de tete“ am Corniche in Doha aufgestellt – in dem Land, in dem 2022 der FIFA-Worldcup stattfinden wird. Nach wenigen Tagen schon beschwerten sich einige Qataris über die darin transportierte „anti-islamic idolisation“, wie es ein lokales newspaper berichtete. Die Skulptur wurde schnell wieder abgebaut.

 

Möglicherweise intervenierte aber auch der Fussballer selbst, der seine Tat nicht im öffentlichen Raum manifestiert sehen möchte. Aber noch eine weitere Arbeit Abdessemeds löste einen Empörungssturm aus: die brennenden Hühner in seinem Video „Spring“. Den auf einer Mauer an den Beinen aufgehängten Hühnern passiert zwar nichts, denn es handelt sich um einen Filmeffekt. Aber es ist ein eindringliches Bild, das einen starken Abwehrreflex auslöst – und zudem eine unbequeme und politisch brisante Anspielung auf die als „arabischer Frühling“ bezeichneten Unruhen in der Region, wobei Abdesssemd offen lässt, wem die Position der Hühner zukommt.

Adel Abdessemed, Mathaf / Doha

Während die Skulptur permanent hätte stehen sollen, ist das Video Teil von Abdessemeds großen Ausstellung „The Golden Age“ im Mathaf, der 2010 eröffneten Kunsthalle im westlichen Doha. Der Künstler wählte einen deutlich ironischen Titel. Denn im Altgriechischen bezeichnet der Begriff einen Idealzustand, eine friedliche Phase der Menschheitsgeschichte. Abdessemed jedoch zeigt uns eine von Gewalt geprägte Welt: Im Eingang des Museums thront eine Vase in historischer Idealform auf einem Podest aus Bomben, dahinter ein 1.80 großes Autowrack aus schwarzem Terrakotta gebrannt, darüber ein Video, in dem in Nahaufnahme ununterbrochen eine Rose zertreten wird.

Ayaï, 2013, Video projection, color, sound, 0 min 2 sec (loop), Video still, Courtesy the artist and David Zwirner, New York/London, © Adel Abdessemed, ADAGP, Paris 2013

Und durch die Ausstellung begleiten uns 31 großartige, lebensgroße Zeichnungen von Soldaten – als Schutz oder als Bedrohung?

Soldaten, 2013, Series of drawings, Charcoal on paper 184x 130 cm each, Photograph: Marc Domage, Courtesy the artist and David Zwirner, New York/London, © Adel Abdessemed, ADAGP, Paris 201

Abdessemed schickt uns hier durch ein Wechselbad der Gefühle, dessen Höhepunkt die reliefartige Installation „Shams“ (arabic for sun) ist: An vier Wänden sehen wir aus 30 Tonnen lokalem Terrakotta geformte Arbeiter, die Leitern hinaufklettern, Säcke tragen, schaufeln. Bis zum Ausstellungsende hin werden sämtliche Figuren langsam von der Wand abgefallen sein, denn der Ton ist nicht gebrannt.

 

Adel Abdessemed, Shams, Mathaf 2014

Die Lehmfiguren sind keiner konkreten Kultur zugeordnet. Aber der Zusammenhang mit den miserablen Arbeitsbedingungen beim Bau der Fußballstadien in Qatar kommt sofort in den Sinn. Wir stehen mittendrin in dieser Szene und können nicht wegschauen – und genau dieser Effekt durchzieht die gesamte Ausstellung. Es ist eine Aufforderung, die wirkt. Denn diese emotional sehr berührenden Werke brennen sich tief in das Gedächtnis ein. „Art is a fire that cannot be put out“, sagte Abdessemed einmal.

 veröffentlicht in: Artforum, Critic´s Pick

Adel Abdessemed, Mathaf (Arab Museum of Modern Art), Doha, Qatar, 5.October 2013 – 5. January 2014

skyline von Doha bei bewölktem Himmel, Doha, Nov. 2013