Alberto Venzago, Voodoo in Wien

10. Mrz. 2005 in Ausstellungen

Alberto Venzago – Die Farbe des Voodoo
Vor achtzehn Jahren reiste der Schweizer Dokumentarfotograf und -filmer Alberto Venzago mit seiner Vespa durch Westafrika. In Ouidah, einer Küstenstadt Benins, zwang ihn eine Panne zu einer unerwarteten Rast. Ein Mann bot an, ein Orakel für die Fremden zu legen – damit begann seine langjährige Freundschaft mit dem Voodoo-Priester Mahounon. Seither reist Venzago immer wieder in die kleine Republik, die 1975 von „Dahomey“ in „Benin“ umbenannt und erst 1980 von Frankreich unabhängig wurde. In Ouidah, wie Venzago später erfuhr, entstand der Voodoo-Kult. In diese Welt führte Mahounon den Fotografen ein – denn er habe Venzago geholt, um seine Geschichte zu dokumentieren.
So kam es zu 12 Jahren Dokumentation, die uns die Welt des Voodoo rund um Mahounons Suche nach seinem Nachfolger zeigt. Erster Teil ist der von Wim Wenders mitproduzierte Film Voodoo. Mounted by the Gods. In Schwarz-Weiß-Bildern, sparsam kommentiert, erfahren wir hier, dass Mahounon zehn kleine Kinder entführen ließ, um sie im Kloster ein Jahr lang in geheime Voodoo-Sprachen und Rituale einzuweisen. Wir sehen die völlig erschöpften Kinder während der dreitägigen Abschlussrituale, sehen, wie Mahounon das Orakel befragt – keines der Zehn kommt als Nachfolger in Frage. Erst ein Elfjähriger wird vom alles bestimmenden Orakel angenommen und kann dann bald zusammen mit einer dreijährigen Novizin in Weiß eingekleidet werden – in die Farbe des Voodoo. Die dokumentarischen Bilder sind intensiv und zeigen eine uns völlig fremde Welt. Zusammen mit den mal poetischen, mal sachlichen, auch auf die wechselvolle Kolonialgeschichte eingehenden Kommentaren erhalten wir einen sehr atmosphärischen Eindruck.
Für den zweiten Teil, die im Buch publizierten und in der Wiener Ausstellung gezeigten Fotografien, wählte Venzago Standbilder aus dem Film. Wir sehen Momente, in denen die Männer in höchster Trance sind, die Augen nach innen gerichtet. Manche sehen aus wie Totenköpfe. Hier verschwimmt die Grenze zwischen Dokumentation und Mystik. Dem stellt Venzago die kleineren Hasselblatt-Fotografien gegenüber, auf welchen die Menschen für die Kamera posieren. Erklärungstafeln informieren uns: Der Junge mit der Schlange ist ein Nachkomme der Hüter des heiligen Pythonschlangen-Tempels, der Kopfschmuck des Königs von Ouidah schützt Besucher vor der Kraft der Blicke und auch der König von Yoruba sorgt sich um die Besucher, für die parallel zu seinem Thron ein Stuhl bereitsteht, mit Blick auf die gegenüberliegende Wand statt in die gefährlichen Königsaugen.
Letztere sind zweifelsohne die im traditionellen Sinn qualitätvolleren Fotografien, aber die dunklen, großformatigen Filmstills sind die Bilder, die sich extrem nachhaltig einprägen und uns entgegen für einen kurzen Moment tief in eine spirituelle Welt entführen.

veröffentlicht in: www.artnet.de, 10.3.2005

10.2.- 8. April bei WestLicht, Schauplatz für Fotografie, Westbahnstr. 40, 1070 Wien.