Alte Begriffe, neue Modelle – Akademie, Schule, Universität

06. Sep. 2016 in Ausstellungen

Foto Günter Standl

Foto Günter Standl

In der USA werden rund 100.000 junge Künstler pro Jahr in Hochschulen ausgebildet. Am Ende des Studiums haben einige bis zu 120.000 Dollar Kredit aufgenommen. Auch in England ist die Kunstausbildung hochpreisig kostenpflichtig. Wie aber sieht eine Kunst aus, die unter Schuldenbergen entsteht? Wie sieht das Bildungswesen aus, wenn es eine Finanzfrage ist? Wieviel Experiment, Radikalität, Freiheit ist da noch möglich und was bedeutet das für die zeitgenössische Kunst? Wie innovativ kann ein Studium unter neoliberalen Bedingungen angelegt sein? Wie kann Kunst überhaupt heute noch gelehrt werden?

Vortrag Regina Bittner, Courtesy Sommerakademie Salzburg

Vortrag Regina Bittner, Courtesy Sommerakademie Salzburg. Foto Mira Turba

Diese Frage stellen sich zunehmend Künstler und Kuratoren – und gelangen zu der Überzeugung, am besten eigene Ausbildungsstätten zu gründen. Die einen reagieren damit auf den Kostenwahnsinn, andere wollen Leerstellen füllen, weil eine zeitgemäße Ausbildung in ihrem Land nicht verfügbar ist, manche wie die Anti-University im pakistanischen Karachi widersetzen sich damit politischen Restriktionen oder wollen sogar wie SOMA in Mexiko das Abwandern der lokalen Künstler verhindern. Die meisten dieser neuen Modelle sind kostenlos oder zumindest weitaus günstiger als die etablierten Institute in der angloamerikanischen Welt. Allen gemeinsam ist der hohe Anspruch: Sie nennen sich Schule, Akademie, Universität. Diese Begriffe sind frei verfügbar, kein Bildungskanon geht damit einher, jeder kann seine Wohnzimmertreffen so bezeichnen. Allerdings können die wenigsten alternativen Modelle einen anerkannten Abschluss anbieten – aber ist der überhaupt nötig?
Nun ist die Idee einer Schule als künstlerische Praxis nicht neu. Lange bevor es Akademien gab, lernten angehende Künstler ihr Handwerk im Atelier der Meister – der Name reichte als Zeugnis. Im 20. Jahrhundert gründeten Künstler immer wieder eigene Modelle, um ihre Ideologien zu unterrichten, wohl auch, um als Schule, als Gruppe stärker auftreten zu können. So startete Johannes Itten nach dem Ersten Weltkrieg seine erste Kunstschule in Wien und führte später eine eigene Schule in Berlin, beide auf der Grundlage eines „schöpferischen Automatismus“, wie er es einmal nannte. 1919 rief Walter Gropius in Weimar das Bauhaus als Kunstschule ins Leben, um Kunst und Handwerk zusammenzubringen. Zeitgleich entstand im indischen Kalkutta die berühmte Schule Shantiniketan. Während die Akademie der Stiftung Bauhaus Dessau noch heute Architekten, Designer, dazu Kulturwissenschaftler und Kuratoren ausbildet, ist Shanitniketan nur noch ein Schatten seiner selbst. Immer wieder probierten Künstler radikale pädagogische Konzepte aus oder initiierten einen intensiven Austausch mit Kollegen wie etwa Oskar Kokoschka und der Kunsthändler Friedrich Welz, die 1953 die Sommerakademie Salzburg als „Schule des Sehens“ gründeten, die bis heute im Sommer sechs Wochen lang kostenpflichtige Kunstkurse für Profis und Amateure anbietet. 1973 startete Joseph Beuys seine Free International University in seinem Düsseldorfer Atelier und Tim Rollins „Art & Knowledge Workshop“ mit Kids in der New Yorker Bronx wurde in den 1980er Jahren zu einem kurzen Hype auf dem Kunstmarkt.

Farid Rakun, Courtesy Sommerakademie Salzburg

Farid Rakun, Courtesy Sommerakademie Salzburg. Foto Mira Turba

Diese Schulen sind nur eine kleine Auswahl aus einer langen Geschichte, die heute aktueller ist denn je. Ähnlich wie die historischen Modelle sind auch die heutigen Initiativen so unterschiedlich angelegt wie es die kulturellen Kontexte erfordern. Im August 2016 lud die Sommerakademie Salzburg 10 Vertreter einiger Schulen unter dem Titel „Global Academy?“ zu einem gemeinsamen Austausch aus, dem Eingangsreferate von Regina Bittner, Direktorin Bauhaus Akademie, zu „Schools of innovation: Bauhaus and Shantiniketan“ und Sam Thornes „Art School Confidential“ vorausgingen und moderierte Arbeitsgruppen folgten (Moderatoren: Hildegund Amanshauser, Direktorin Sommerakademie Salzburg; Simone Wille, Kunsthistorikerin; Sabine B. Vogel, Kunstkritikerin). Die Bandbreite der folgenden Kurzpräsentationen war beeindruckend: Während die Anti-University in Karachi als lose, aktivistische Gruppe durch die Stadt zieht und mit bestehenden Initiativen kooperiert, stellte Carla Herrera Prats SOMA in Mexiko als eine zweijährige Schule mit Curriculum und Abschlusszeugnis vor. Die Open School East in London spricht ähnlich wie die Samdani Seminars in Bangladesch vor allem die lokale Bevölkerung an. Die von Tony Evanko gegründete Casa Tres Patios in Kolumbien vereint eine offene Ausbildung für lokale Künstler mit Aufenthaltsstipendien für internationale Gäste, und Spring Sessions in Jordanien ist von Toleen Touq konzipiert als ein Ort für Werkstattkurse, Vorträge, Exkursionen und Ausstellungen. Spring Seccions akzeptiert 15-20 Studenten pro Jahr, die 70 Dollar zahlen, bei Casa Tres Patios variieren Zahl und Kosten je nach Kurs, das Angebot „Creative Communal Laboratories“ etwa besuchen 700-800 Menschen pro Jahr. Für SOMA müssen über die Dauer von zwei Jahren 1.500 Dollar gezahlt werden.

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Koyo Kouoh, Ahmet Ögüt. Foto Mira Turba

Die workshops der Open School East wie auch der Sommerakademie Salzburg kann jeder besuchen, allerdings ist eine Bewerbung erforderlich. Als Kunstprojekt gründete Ahmet Ögüt 2012 die „Silent University“, die nicht auf Kunst spezialisiert ist, daher auch ohne Auswahlverfahren auskommt und nur über eine Anmeldung online funktioniert. Es ist eine „autonome Wissensplattform von Flüchtlingen, Asylsuchenden und Migranten“, auf der sich bisher 900 Teilnehmer registrierten und auf der Flüchtlinge ihr Wissen online, bisweilen notgedrungen sogar anonym vermitteln. Als tatsächliche Ausbildungsstätte überzeugte am meisten die von Gabrielle Schleijpen vorgestellte DAI Roaming Academy im niederländischen Arnheim, die bestehende Strukturen nutzt, die Potentiale von Akademien und Museen einbaut und auch einen Abschluss bietet.
160806_GA_Day2_Kunstlerhaus-45 KopieDie meisten dieser Schulen suchen nach alternativen Lehrformaten, wenn Tony Evanko die Kurse für Casa Tres Patios „Laboratories for Un-Learning“ oder „Open Source Territories“ nennt, oder Koyo Kouoh von RAW Academy in Dakar, Senegal, nicht von Studenten, sondern von Kollegen spricht – sie hat erst kürzlich den Schwerpunkt von Ausstellungen auf Ausbildung verlegt. Nahezu jede Schule ist zugleich ein Nachbarschaftsprojekt, einige sind nomadisch ohne festes Haus. Manche erinnern an die Guru-Modelle der 1960er Jahre, allerdings beeindrucken die Kleinschulen nicht durch Weisheit und Charisma, sondern durch flexible und demokratische Strukturen: Die Teilnehmer bestimmen die Ausrichtung der Kurse und Lernziele mit.
160806_GA_Day2_Kunstlerhaus-40 KopieErstaunlicherweise setzen die wenigsten Modelle explizit auf Wissensvermittlung, sondern zielen vor allem auf Gemeinschaftsbildung. Damit beginnt auch eine gesellschaftliche Brisanz dieser Formen. Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn Ausbildungsorte auf der Grundlage von Privatentscheidungen oder bunten, kollektiven Vorlieben organisiert sind? Welches Wissen wird unter welchen ideologischen Vorgaben weitergegeben, ist dabei überhaupt ein gesellschaftlicher Konsens angestrebt oder ist es die ultimative Form der Individualisierung? Welchen Wert haben solche Ausbildungen für die Gesellschaft, welche Art von Gemeinschaft wird dort gebildet mit welcher Nachhaltigkeit? Interessanterweise ist keines der vorgestellten Modelle explizit in Abgrenzung zu Bestehendem entstanden, wie es vor allem im 20. Jahrhundert üblich war. Stattdessen sind es eher Selbstverwirklichungsstätten, für die es aber offenbar einen wachsenden Bedarf gibt. Welche Konsequenzen die staatlichen Akademien daraus wohl ziehen werden?

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