Andy Coolquitt im 21er Raum, Belvedere, Wien

04. Jul. 2013 in Ausstellungen

Andy Coolquitt, Installationsansicht, Belvedere, Wien 2013

Vor fünf Jahren war der US-Amerikaner Andy Coolquitt schon einmal Gast in Wien und zeigte seine selbstgebauten Lampen in einer Gruppenausstellung in den Krinzinger Projekten – großartige Skulpturen und zugleich funktionierende Lichtquellen. War es damals nur ein kleiner Ausschnitt seines entropischen Kunstbegriffs, ist jetzt im „21er Raum“ im „21er Haus“ des Belvedere eine raumgreifende Installation zu sehen.

Wir sehen ein überwältigendes, aber durchaus geordnetes Chaos von Mengen an Zeugs – und das in einem verspiegelten, schnicken Kubus. Dieser Ort ist reichlich kurios und umso mehr beeindruckt Cookquitts Präsentation. Denn dieser „Raum“ ist ein außen verspiegelter, kleiner Einbau im großen Ausstellungshaus, das früher 20er Haus, jetzt 21er Haus heißt – denn wir sind ja im 21. Jahrhundert. Ehemals ein Pavillon der Weltausstellung, ist es jetzt Teil des Belvedere.

Gelatin, Loch, Ausstellungsansicht, Belvedere 2013

Gerade läuft im Erdgeschoß eine Schau von Gelatin. Unten also ein riesiger Styropor-Berg und verstreute, bisweilen scharf an Franz West erinnernde Skulpturen.

Gelatin, Installationsansicht, Belvedere 2013

In der oberen Etage dann Teile der Sammlung und dazwischen eben der kleine Spiegelraum. Keine optimale Lösung, schafft das Nebeneinander eher Verwirrung als Überblick – aber nu ja: so kommen mehr Ausstellungen zusammen.

Aber erstaunlicherweise finden sich dann doch allerhand tragende Verbindungen zwischen Gelatin und Coolquitt, basieren diese Werke doch auf künstlerisch umgestalteten, alltäglichen Fundstücken, erzählen von einem spielerischen Zusammenkommen von Kunst & Leben und haben sich vor allem weitestmöglich vom glatten Schein vieler zeitgenössischer Raumkunst entfernt.

Coolquitt allerdings folgt dabei einer eigenen, nämlich alles umfassenden, entropischen Methode, die er zunächst in Großen erprobte: Vor vielen Jahren begann er mit dem Bau eines Hauses in Texas – an dem er noch immer weiterbaut, obwohl es seit langem schon als – wohl eine der allerletzten – Kommune geführt wird. Das Haus ist ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk. Die Ausstellung in Wien scheint wie ein Teil davon, denn Coolquitts Werk kennt keine Grenzen: nicht in der Wahl der Materialien, nicht in der Verwendung, nicht in den Kombinationen und auch nicht in den Dimensionen. „Bau haus in the middle of our street, Bau haus, in the middle of our …“ nennt er seine Ausstellung: ein Spiel mit Ästhetik und Kontrasten, denn tatsächlich spielt die reduzierte Sprache des Bauhauses in sein Werk hinein, wenn auch meist nicht auf den ersten Blick; mit der Herkunft der Fundstücke; mit unserem popkulturellen Gedächtnis; mit seinem Arbeitsprozess, denn der Kurator Severin Dünser war aktiv in den Aufbauprozeß einbezogen – oder hat die Anordnung alleine übernommen? Dann wäre eine interpretierende Betrachtung, die Schlüsse aus den Kombinationen zieht, problematisch, weil es aus der Rezipienten- und nicht der Produzentenperspektive geschehen wäre. Diese Übertragung des Aufbais sei eine „exercise in loosing control“, schreibt der Künstler, „of confusing the roles of producer and consumer, and of creating a possibility for a new perception.“ Vielleicht ist es auch nur die Konsequenz aus dem kuriosen Raum, der an ein Spielzimmer erinnert: mehr zum Experimentieren, Austoben und weniger für präzise geplante Entscheidungen. So oder so: ein hoch spannender Künstler, der der zunehmend aalglatten Collagen-Ästhetik unserer Zeit ein Wunderkabinett-artiges Ausufern entgegensetzt.

Andy Coolquitt, Ausstellungsansicht, Belvedere 2013

(Andy Coolquitt war Artist in Residence des Belvedere.)

21er Raum im 21er Haus, Wien, 3.7.-3.8.2013