Anish Kapoor in Versailles

23. Jul. 2015 in Ausstellungen

Der Skandal war groß: Von einer „Vagina der Königin“ sprachen die empörten Franzosen, als Anfang Juni Anish Kapoors Skulptur „Dirty Corner“ im Garten des Schloss Versailles enthüllt wurde.

C-Curve // SBV

Seit 2008 stellen zeitgenössische Künstler in dem gut 16 Kilometer südwestlich von Paris gelegenen,  barocke nSchloss und in der Gartenanlage aus. Da war schon allerhand zu sehen, aber noch nie fühlten sich die Franzosen so beleidigt wie durch Kapoor.Als erster Künstlerüberhaupt war Jeff Koons eingeladen, der ein riesiges Hündchen aus Blumen im Garten und glänzende „Ballon Dogs“ in den Prunkräumen zeigte.

Im Jahr drauf stellte Xavier Veilhan eine verzerrte Riesenkutsche vor das Schloss.

Xavier Veilhan, Large Carrier

Takashi Murakami etwarf einen monströsen, goldenen „Buddha“ für den Garten.

Takashi Murakami, Oval Buddha

Bernard Venet platzierte im Eingang und im Garten abstrakte Eisenformen.

Bernar Venet // Bob Edme

Die portugiesiche Künstlerin Joana Vasconcelos irritierte mit  einer überdimensionalen Teekanne

und Guiseppe Penone variierte sein skulpturales Thema der Bäume.

Lee Ufan überaschte mit meditativen Arrangements und  gigantischen Steine

Lee Ufan, The Cance of Titan

Lee ufan, Shadow of the stars

Und jetzt also eine Vagina? Koons hatte zu seinen Beiträgen 2008 gesagt, ein Traum sei für ihn wahr geworden und er glaube, seine Werke für das Schloss seien „die Art von Kunst, die König Ludwig geliebt hätte“. Was mag sich dann der in London lebende, indische Künstler Anish Kapoor gedacht haben?

c Tadzio

Kapoor hat insgesamt sechs Werke für Versailles geschaffen. In einer Seitenstraße außerhalb des Schlosses steht im „Tennis Court Room“ eine seiner auch schon in Wien gezeigten Kanonen, aus denen manchmal blutrote Wachs-Salven in eine Ecke gefeuert werden. In den Gärten sind fünf neue Skulpturen platziert, vier davon in die Mittelachse der streng symmetrisch angelegten Anlage.

c Tadzio

 

Sky Mirror // SBV

 

Dirty Corner // SBV

Von der C-förmigen Spiegelfläche über einen riesigen, zum Himmel ausgerichteten Spiegel gelangt man in die große Allee mit der umstrittenen „Dirty Corner“: Ein weit offener Trichter mit einer langen, Pipeline-ähnlichen Form liegt auf der Erde, ringsum türmt sich Erde und 500 Tonnen Steinbrocken.

Als sei hier etwas herausgebrochen, steht diese knapp 10 Meter hohe Skulptur aus verrostetem Stahl im krassen Kontrast zur strengen Ordnung all der getrimmten Bäume, Büsche und Blumen rundherum – ein Frontalangriff auf die Erwartungen, die die Besucher an den Garten stellen und die durch die offizielle Dauerbeschallung mit klassischer Musik bewusst verstärkt wird. Anders als Koons inszeniert Kapoor hier nicht König Ludwigs Traum, sondern dessen tiefsten Alptraum: die dunkle Seite, die Unordnung, das Sexuelle.

c Tadzio

Liegen die Franzosen mit ihrer Empörung also so falsch? In einem Interview mit der Sonntagszeitung Le Journal du Dimanche sprach Kapoor am 18. Juni selbst von einer „Vagina der Königin, die die Macht ergreift“. Er „wollte das Chaos einladen“, erklärte er weiter. Auch Koons hatte 2008 mit seinen Kinderspielzeug-ähnlichen Skulpturen Proteste ausgelöst. Aber jetzt gingen die Reaktionen einen Schritt weiter: Es hagelte Proteste, einen Boykottaufruf und zuletzt wurde „Dirty Corner“ mit weißer Farbe beschmiert. Daraufhin überlegte Kapoor kurz, den Vandalismus zu akzeptieren, ließ die Farbe dann aber entfernen. In einem Interview für Forbes bezeichnete er die rein weiblich-sexuell aufgeladene Wahrnehmung als „komplett lächerlich“, man könne die Skulptur genauso gut phallisch nennen. Er habe vor allem auf die Situation reagiert, Louis XIV habe die Natur als ein perfektes Objekt inszeniert – was die aber nicht sei. Unter der Oberfläche sei „something darker, more complex, more dangerous“. Darum folgt nach „Dirty Corner“ auch „Descension“ (dt. Abstieg): ein im Boden installierter Wasserstrudel.

Sectional Body preparing for Monadic Singularity, c Tadzio

Ob Vagina oder Phallus, mittlerweile hat sich die ganze Aufregung gelegt. Die Menschen stehen bis zu zwei Stunden in langen Warteschlangen, um das Schloss zu sehen, nur ein Bruchteil davon besucht den Park. Jetzt kann man also wieder die Werke in den Blick nehmen und fragen, ob Kapoors Konzept aufgeht: In der gewölbten „C-Curve“ sehen wir vor der Kulisse des Schlosses die Welt Kopf stehen, im zweiten Werk wird der Himmel gespiegelt bzw. auf die Erde heruntergeholt, mit „Dirty Corner“ bricht etwas von unten hoch, der Strudel ist die endgültige Vermengung von unten und oben, die Öffnungen im roten Kubus etwas entfernt auf der Wiese kann man als lasziv oder als offene Wunden lesen – verbildlicht Kapoor hier die Geschichte Frankreichs? Das wäre ein starkes Konzept. Aber so ganz geht es nicht auf, denn die barocke Ästhetik mit der Vorliebe für Symmetrien entschärft alles – die meisten Werke wirken hier schlicht zu klein, zu dekorativ, zu kulissenhaft. Das passierte auch schon mit den Skulpturen nahezu aller Künstler vor Kapoor.

Bernar Venet

Einzig Venet entging der Deko-Falle mit seinen rostigen Halbkreisen, die wie gigantische Rahmen aussahen. Und „Dirty Corner“ schafft das, zerbricht den barocken Traum dank der dreckigen Materialien und der lauten Form – wohl darum konzentrierte sich der Zorn der Franzosen auf dieses eine Objekt.

c Fabrice Seixas

Schloss Versailles, bis zum 1.11.2015

veröffentlicht in: Die Presse, 20.7.2015