Busan Biennale 2012

19. Nov. 2012 in Biennalen

Busan Biennale

Seit der documenta 2007 hat man nichts mehr von ihm gehört. Damals gehörte Roger Buergel als künstlerischer Leiter der weltbekannten Mega-Ausstellung in Kassel zu den gefragtesten Menschen der Kunstszene. Und danach? Sein Engagement für ein Museum in Miami fiel der Finanzkrise zum Opfer, seine Ai Weiwei-Ausstellung in Duisburg blieb unauffällig, jetzt arbeitet er als Gründungsdirektor des ehemaligen Kaffee-Museums in Zürich an der Neupositionierung des kleinen Hauses. Dazwischen liegt aber noch sein Gastauftritt in Südkorea. Die südliche Hafenstadt Busan lud den prominenten Kurator letztes Jahr ein, die heurige Busan Biennale als erster nicht-asiatischer künstlerischer Leiter zu verantworten. Eigentlich ist Buergel ein Gegner dieses Formats, ärgert sich über zu kurze Vorbereitungszeiten, zu geringe Budgets, die zu einseitige Ausrichtung als Citymarketing. Trotzdem sagte er zu. Er habe in die „Schlachten der kulturellen Übersetzungen ziehen“ wollen. Und ihn interessierte diese Stadt, erzählt er, die sich im Umbruch von der Industrialisierung zum Tertiärsektor befindet. Die große Werft wurde geschlossen und auf die Philipinen verlegt, stattdessen wird auf Kongresse, Strandtourismus und Kultur gesetzt.

Diese Entwicklung spiegelt sich exakt wider auf dem Weg vom Flughafen zum Busan Museum, der entlang eintöniger Mega-Appartmenthäuser, gestriger Industriearchitektur zu immer teureren, Dubai-artigen Glashochhäusern und Riesenbaustellen im Stadtteil Haeundae führt. Noch in den 1950er Jahren arbeitete in Busan 70% der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Heute leben hier knapp 4 Mio. Einwohner, es ist die zweitgrößte Stadt Südkoreas und der Strand in Haeundae das beliebteste Ausflugziel.

Eigentlich aber, musste Buergel feststellte, wusste er gar nichts über Land und Leute. Also initiierte er zunächst ein Treffen. Auf eine Zeitungsanzeige hin sollten sich alle Interessierten melden. Über 150 kamen. Keiner wusste, was nun geschehen sollte, auch Buergel nicht. Also wurde alles gemeinsam in wöchentlichen Treffen erarbeitet, wodurch die Zahl bald auf eine kleine Kerntruppe schrumpfte, die seither Führungen organisieren und dem Deutschen dabei halfen, die koreanische Kultur zu verstehen. „Learning Council“ nennt Buergel das, und die Biennale taufte er in den „Garden of Learning“ um. Es wäre eine wichtige Erfahrung für seine „ästhetische Schulung“ gewesen, erzählt er, denn er habe viel über ein anderes künstlerisches Selbstverständnis, über die Präsentation und Bedeutung von Kunst gelernt.

In der Ausstellung allerdings merkt man von diesen Erfahrungen wenig. Wie schon auf der documenta, so zwingt Buergel auch hier alle Werke in eine dominante Überinszenierung. Das gesamte Museum ist von einem Baugerüst mit schwarzem Tuch verhüllt, unterbrochen von einigen Farbtupfern. Innen verbirgt das Tuch manche der Marmorflächen, breite, Elemente des Baugerüsts zergliedern das weitläufige Stiegenhaus und dienen Fotografien als Hängevorrichtung. „Kleine Frechheiten“ nennt Buergel diese Eingriffe, die aber vor allem von dem eigenwilligen Verständnis des Kurators als Künstler erzählen. Gegen diesen Gestaltungswillen kommen nicht einmal die plakativen Papptafeln von Franz Kapfer an. Er reiste nach Nordkorea, fotografierte die nationalen Denkmäler, überdimensioniert einzelne dekorative Elemente als große schwarz-weiß-Zeichnungen daraus und stellt sie im Museum ab. Gänzlich unbeeinflusst von all den Tüchern und Gerüsten dagegen bleiben die minimalistischen Bilder von Jo Baer und Kim Yong K, die zwei ähnliche und doch höchst unterschiedliche Formensprachen zeigen: aus den USA die akkurate, aus Südkorea eine rebellische Reduktion. Dazwischen zeigt Shen Shaomin die brutalen Erziehungsmethoden von Bonsai-Bäumen, Ai Weiwei drei verbogene Stahlstangen aus dem Erdbeben-Desaster 2008 in der Sichuan Provinz, Guttorm Guttormsgaard sein schräges Sammelsurium-Archiv – alles Werke, die man als zeitgenössische Formen von Monumenten lesen kann, schreibt Buergel im Katalog. Schön, dass dazu auch österreichische KünstlerInnen (Ines Doujak, Simon Wachsmuth, Mathias Poledna) eingeladen wurden – was auf Biennalen dank einer allzu intrinsischen Kulturpolitik im BMUKK leider immer seltener passiert.

Sheela Gowda, Busan Biennale 2012

Gut die Hälfte der vierzig Künstler konnten Werke speziell für die Biennale schaffen. Einer dieser Beitrag leitet uns auch aus dem Museum hinaus: Marie Ellen Carroll mietete ein winziges Appartment für Vorträge und Gespräche in einer minderwertigen Gegend an. Allein der Weg hinauf zu diesem Ort und der dortige Ausblick ist schon ein Ereignis, erzählt die historische Architektur und Struktur dieses Viertels doch weit mehr als jedes brav recherchierte Künstlervideo – und dies nicht nur für auswärtige Gäste, sondern auch für Busaner, die diese Gegend oftmals noch nie betreten hatten. Hier geht die Idee eines ´Garten des Lernens´ dann auch tatsächlich auf, und das ganz ohne brachiale Baugerüste.

Busan Biennale, bis 24.11.2012

veröffentlicht in: Die Presse, 19.11.2012

http://diepresse.com/home/kultur/kunst/1314129/Stahlstangen-von-Ai-Weiwei