Carsten Höller: Luxushotel Augarten

14. Jul. 2014 in Ausstellungen

Carsten Höller, Y, 2003. Photo: Photo: Jen Fong Photography / TBA21. © Carsten Höller / Bildrecht Wien 2014

Mücken, Schweine, Mäuse, Kanarienvögel und zuletzt sogar 12 Rentiere – bisher experimentierte Carsten Höller vor allem mit Tieren. In Wien lädt er jetzt die Menschen zum Schlafen, Zähneputzen und Baden ein. Man kann es anschauen – oder sich für eine Nacht teuer einkaufen.

Carsten Höller, Aufzugbett, 2010. Photo: Attilio Maranzano, © Carsten Höller / Bildrecht Wien 2014

Den eurasischen Hirschen in Berlin gab er psychoaktive Fliegenpilze zu fressen und ließ das Urin sammeln. Seine Annahme: Vielleicht sei diese Ausscheidung die Grundsubstanz von Soma gewesen, des mythenumwobenen Rauschtrank der Götter. Der Laborversuch fand im Hamburger Bahnhof, der Kunsthalle in Berlin, statt. Denn Carsten Höller ist nicht Wissenschaftler, sondern Künstler. Zwar studierte er die Lehre der Pflanzenkrankheiten und habilitierte sogar über die ´Geruchskommunikation zwischen Insekten´. Aber in erster Linie sind seine Tierversuche Kunstausstellungen – und daher auch nicht auf Forschung angelegt. Welches Rentier wann die Pilze fraß und welches Urin die Spuren enthielt, konnte und sollte auch gar nicht eruiert werden. Stattdessen interessieren Höller elementare Bewusstseinszustände. Darum auch installierte er in der Tate Gallery Doppel-Helix-Rutschen (2006) und zwei Jahre später baute er im Kunsthaus Bregenz das glatte Gegenteil: ein riesiges Karussell, das sich im Schneckentempo drehte. 15 Minuten dauerte eine Runde.

Carsten Höller, Soma, Hamburger Bahnhof, 2010

Ob wir rutschen, uns drehen, über einen mit 950 Lichtern erleuchteten, als Y geformten Laufsteg schreiten – immer lädt Höller die Ausstellungsbesucher zu ungewöhnlichen Erlebnissen ein. Im Berliner Rentiergehege konnte man sogar nächtigen – ein exklusives Vergnügen allerdings, 1000,- Euro kostete die Nacht, inklusiv Minibar mit Urin. Eine ähnliche Situation hat er jetzt auch in Wien aufgebaut, allerdings ohne Tiergehege und stattdessen als Puzzle vieler Einzelobjekte. „Räumen mit verschiedenen Temperaturen, die man körperlich fühlen kann“, beschreibt Höller die Ausstellung bei TBA 21 im Gespräch: Videos zu einem von ihm geplanten kongolesischen „Songbattle“, zwei Gimpelpaare in zwei riesigen Volieren, ein „Psychotank“ und vor allem das „Aufzugbett“: 390,- Euro kostet die Nacht während der Woche, 490,- am Wochenende. Wer sich diesen Luxus leistet, genießt die Ausstellung, den Park und sogar das benachbarte Ambrosi-Museum ganz für sich allein. Vor allem aber kann man mittels Knopfdruck das Bett auf 3,50 Meter Höhe fahren und rotieren lassen. Und am besten vorher die Zähne putzen. Die eigens gemischte Zahnpasta ist mit pflanzlichen Substanzen vermischt, die unsere Träume manipulieren. Man könne männliche, weibliche und kindliche Bereiche darüber aktivieren, erklärt Höller. Und am nächsten Morgen dann in den „Psychotank“ steigen: 35,5 Grad hat das Salzwasser, exakt unsere Körpertemperatur. Es sei eine Abkoppelung von äußeren Informationen, ein „daseinsentrückter Schwebezustand“. Diese Erfahrung steht auch dem gemeinen Besucher ohne Extrakosten zu.

Carsten Höller, Hoher Psychotank, 2014. Photo: Attilio Maranzano, © Carsten Höller / Bildrecht Wien 2014

„Leben“, wie Höller seine Ausstellung betitelt, versammelt einige Experimente, die diesmal vor allem den Menschen betreffen. Psychotank und Bett versprechen dabei einen hohen Erlebniswert – und da beginnt auch die Herausforderung. Erlebnisorientierung ist eine Form der Suche nach dem Glück – ein Thema, das Höller immer wieder aufgreift. Anders als Ereignisse, die sich in Dingen oder Situationen manifestieren, kann das Erlebnis nur im Subjekt stattfinden. Es ist ein Jetztmoment, unmittelbar und durch seinen Inhalt bestimmt, eine psychophysische Konstruktion, die sich nicht durch Dinge oder Situationen kaufen lässt. Die Erlebnisabsicht, der Erlebniswunsch, ist allerdings schwierig zu konkretisieren, wodurch das Enttäuschungsrisiko (zu langweilig) steigt. Im Augarten ist das zentrale Erlebnis an den Kauf einer Übernächtigung gebunden und kann durch den Bettmotor und psychoaktive Substanzen gesteigert werden. Ohne diesen Konsum bleibt es beim üblichen Durchschreiten der Ausstellung. Aber ist eine derartig mit Spektakel inszenierte Nacht nicht ein falsches Glücksversprechen? Ist nicht ein intensives Erlebnis gerade ohne Konsum und Zusatzstoffe eines der zentralen Versprechen von Kunst? Das „Haus für Schweine und Menschen“ auf der documenta X 1997 war darauf angelegt, unser Verhältnis zu den Tieren wahrzunehmen. Die Tiere hatten ein fein ausstaffiertes Gehege, wir einen kargen Randbereich, die Rollen schienen vertauscht, die Schweine nicht mehr nur Menschenfutter. In den meisten seiner Tier-Inszenierungen konnten wir uns die Art des Erlebnisses aussuchen, unser Verhältnis zu den Tieren, die Wahrnehmung unserer Welt inklusive der Frage von Opfer und Täter bis hin zu unserer Vorstellung von Glück erkunden. Im Luxushotel Augarten sind die Menschen das Objekt des Experiments, in einem groß angelegten Musik-Kampf in einem Stadium und vor Ort im physisch und psychischen Rotieren. Allerdings erscheint unsere Position dabei der jener Vögel in den Volieren zu gleichen: Die Gimpel sollen eine spezielle Melodie lernen, die sie ihrem Nachwuchs vererben. Unsere Melodie ist die des Erlebnisses durch Konsum?

Carsten Höller, LEBEN, TBA 21, Scherzergasse 1A, 1020 Wien, Eintritt frei, Di-So ab 12 Uhr.

 

P.S.: TBA21 bittet darum, auf ein „Kontingent für 120,-“ pro Nacht hinzweisen – was allerdings an der Kritik nicht wirklich etwas ändert!