Christian Jankowski „Grosse Geste“

14. Jan. 2015 in Ausstellungen

Christian Jankowski, Wien 2014

Die Kunst hat an dieser Stelle die Aufgabe, zum Verweilen und Entspannen einzuladen.“ Dieser Satz steht völlig unvermittelt auf einer Außenwand der U2-Station Donauspital in Wien. Wieso Verweilen, die Menschen hasten hier doch hinein und wieder hinaus?

Über der Rolltreppe lesen wir „Schwebender Abschied“ und wenig später „ein wichtiger visueller und emotionaler Bezugspunkt“.

Insgesamt 18 solcher kryptischen Schriften sind über die Station verteilt, oft kombiniert mit roten Kreisen oder Rechtecken. Urheber ist der deutsche Künstler Christian Jankowski, der sein Kunst im öffentlichen Raum-Projekt „Die Große Geste“ für die Wiener Linien entwarf. Vor drei Jahren wurde die Umsetzung beschlossen, jetzt ist es montiert.

„Die große Geste“ basiert auf einem Anweisungskatalog, den Jankowski für einen früheren Kunst am Bau-Wettbewerb des Berliner Flughafens erhielt. Eine Marketingagentur hatte auf 100 Seiten akribisch Instruktionen aufgelistet, die genauesten vorgeschrieben, was Künstler wo zu welchem Zweck entwerfen sollten. Jankowski pauste daraus einige Sätze mit einem Butterbrotpapier vom Bildschirm ab, ließ die Zitate aus Aluminiumblech fertigen und verteilte sie über die gesamte Länge der Wiener U-Bahnstation: „Rolle der Kunst – Die Kunst soll an dieser Stelle ein Zeichen setzen“,„Kunst soll das Überschreiten von imaginären und konkreten Grenzen abbilden“ oder „Membran – zwischen Land und Luft, zwischen Heimat und Fremde“.

Herrlich absurd hievt Jankowski „Ort für Kunst“ hoch auf eine Wand und verteilt rundherum kleine rote Kringel. Die hatten die übereifrigen Marketingmenschen in den Plan des Flughafens eingezeichnet – Leerstellen für Kunst.

Die 18 Schriftzüge in der Station lesen sich in Jankowskis Zweckeentfremdung unerwartet humorvoll und anspielungsreich. Der Künstler betont, er habe die „Platzierungen aus einem Bauchgefühl heraus“ entschieden. Sie bieten ein breites Feld von Assoziationen, können direkt auf den Ort oder poetisch auf das Leben bezogen werden. Sie sind aber auch traurig, denn sie zeugen von einem krassen Missverständnis. Gewöhnlich suchen Künstler sich für Kunst im öffentlichen Raum-Projekte die Orte und die Inhalte selbst aus. Wird die Kunst so unverfroren vereinnahmt wie von dieser Flughafen-Marketingagentur, dann rückt das frühe Kunst am Bau-Konzepts wieder in den Blick. 1934 erließ das Goebbels´sche Reichsministerium in Berlin eine „Kunst am Bau“-Verordnung, mit der eine Beteiligung von Künstlern an allen staatlichen Bauaufträgen vorgeschrieben wurde. 1950 übernahm der Deutsche Bundestag diese Verordnung teilweise wortwörtlich, von Künstlern wird noch immer eine “sinnvolle” Tätigkeit im Dienste der Gesellschaft gefordert. Goebbels verstand damals darunter politische Propaganda. Heute ist ´sinnvoll´ in der Sprache des Marketings offenbar gleichbedeutend mit ´vermarkten´, also so gut wie möglich zu verkaufen: kommerzialisierte Kommunikation. Jankowski antwortet darauf mit einer „Gegenposition mit anderen Werten“, wie er sagt.

Konkret bedeutet die Verordnung bis heute, dass bei Staatsbauten in Deutschland mindestens 1 Prozent der Planbaukosten für Kunst ausgegeben werden müssen. In Österreich ist Kunst am Bau je nach Bundesland geregelt, für Wien gilt eine ´Kann-Bestimmung´. Niederösterreich und Wien unterstützen dabei weniger das auf Architektur begrenzte Kunst am Bau-Konzept als die weit offener angelegte Kunst im öffentlichen Raum. Dafür gründete die Wiener Stadtregierung 2004 den „Fonds Kunst im öffentlichen Raum“. 2007 in eine GmbH umgewandelt, steht „KÖR“ ein jährliches Budget von 800.000,- Euro zur Verfügung. Dreimal im Jahr können Projekte eingereicht werden, bis Ende 2013 wurden 118 temporäre, 32 permanenten Werke umgesetzt. 9 entstanden bisher in Kooperation mit den Wiener Linien, die für die Umsetzung und den Erhaltung zuständig sind, Peter Koglers Netzwerk aus Röhren auf den Wänden der U-Bahn-Station Karlsplatz etwa, Franz Grafs Glaspaneelen in der Passage Hauptbahnhof/Südtiroler Platz und jetzt Christian Jankowski „Die Große Geste“ in der Station Donauspital. Der Titel ist natürlich auch ein Zitat aus der Marketingsprache: Eine große Geste in Form von Kunst sollte in der Empfangshalle des Flughafens eine nicht zu übersehende, repräsentativ wirkende Raumdekoration sein.

Linie U2, Station Donauspital

alle Fotos: Iris Ranzinger / KÖR GmbH, 2014

veröffentlicht in: Die Presse, 9.1.2015