Chto Delat in der Wiener Secession

22. Nov. 2014 in Ausstellungen

Chto Delat, Wiener Secession

Über Nacht brannte der sechs Meter große ´Unbekannte Soldat´ vollständig ab. Die Skulptur hatte ein Schild mit der Aufschrift „Antifaschistische Aktion“ getragen und war Teil von Chto Delats Projekt für die Berliner Festspiele heuer im Sommer. Unbekannte hatten es vernichtet. Sie waren fassungslos, erzählt Dmitry Vilensky.

Er ist eines der vier Mitglieder der russischen Künstlergruppe Chto Delat, die gerade in der Wiener Secession ausstellen. Der Name bedeutet soviel wie ´Was tun?´ – was zugleich auch Programm ist. Denn Chto Delat möchte sich nicht mit dem Gefühl einer Ohnmacht angesichts katastrophaler Entwicklungen abfinden. Eigentlich auf Politisches bezogen, traf es da plötzlich auch ihr eigenes Projekt.

Seit 2003 inszenieren sie theaterähnliche Projekte, die Anfangs noch im Stil der politischen Propaganda laut und plakativ waren, den Kommunismus hochhielten, den Kapitalismus verteufelten. Davon ist in der aufrüttelnden Installation in der Wiener Secession nichts mehr zu finden. Die Gruppe, die heuer auch im Sommer mit einem Projekt an den Wiener Festwochen auf dem Schwarzenbergplatz teilnahm, hat stattdessen das persönliche Erlebnis in eine gesellschaftliche Erfahrung übersetzt: „Zeitkapsel, Künstlerischer Report über Katastrophen und Utopia“.

Die zerstörte Skulptur ist der Ausgangspunkt. Jetzt stehen im Hauptraum der Secession Pappkulissen, auf die in den Medien veröffentlichte Bilder aufgeklebt sind: zerbombte Häuser, Feuer, IS-Kämpfe, ein kleiner afrikanischer Junge, der von Männern in Schutzanzügen abtransportiert wird: Ebola. Armut, Krieg, ein LKW-Konvoi als symbolisches Bild für den Ukraine-Russland-Konflikt. Dazwischen sind rote Stoffbahnen wie Blutspuren ausgelegt, oben an der Decke ist ein Text-Fries aufgetragen: die Geschichte der verbrannten Skulptur, aus der Ich-Perspektive erzählt. In vier Episoden aufgeteilt, erleben wir den langsamen Tod der Figur, die Attacke durch „liquid vampires“, das Austrocknen, das Zerfallen. Es endet: „I became something else.“

Katastrophen als Chance auf Neubeginn, als Schwester der Utopie – darum kreist diese Ausstellung. Wie können wir in dieser Welt handlungsfähig bleiben? Ihre eine Antwort besteht in der Gruppenbildung: Sich als Teil einer Gemeinschaft zu verstehen, bedeutet Verantwortung für das Ganze zu übernehmen – ursprünglich eine wesentliche Grundposition unserer Gesellschaften, die fatalerweise immer mehr verloren geht. Die andere Antwort sind die Bilder. Im Mittelpunkt der Inszenierung steht ein „Zombie-Engel“, daneben eine Zeitkapsel: ein Herz mit einem angewachsenen Ohr. Es sind die zentralen Organe der Gesellschaft, das Ohr: die Verantwortung, das Herz: Mitgefühl. Der Zombie-Engel sei noch eine ganz neue Form, sie wüssten noch nicht genau, was damit alles einhergeht. Der Engel resultiert aus dem zerstörten Soldaten, ist also eine Art Auferstehungsfigur, ein Bild für Neubeginn, der allerdings traurig deformiert und derangiert ausfällt. Versteht man diese Skulptur als Bild für Utopia, dann sieht es ziemlich düster aus mit unserer Welt, dann bleibt von dem alten Traum einer idealen Gesellschaft nicht mehr übrig als ein kopfloser Engel, dessen Körper hohl ist, dessen einer Flügel lahm herunterhängt.

alle Fotografien: Oliver Ottenschläger, Wiener Secession

Aber Chto Delat belässt es nicht bei dieser düsteren Stimmung. Dahinter wartet die Videoinstallation „The Excluded. In a Moment of Danger“ auf uns. Darin lassen sie Absolventen der „Schule für engagierte Kunst“ über die politische Situation in Russland. Diese ´Schule´ wurde als dritte Antwort auf die Frage ´Was tun?´ von Chto Delat letztes Jahr gegründet. In den beiden, durch schwarze Tücher abgetrennten Seitenflügeln des Raumes ergänzen Poster, Filme und kleine Objekte die Hoffnung auf Utopia. Hier kommt eine kleine Retrospektive ihrer elfjährigen künstlerischen Praxis zusammen, der wie ein großer Hoffnungsschimmer wirkt. Jedes ihrer Projekte beginnt mit einer Unzufriedenheit, einem Aufschrei gegen gesellschaftliche Zustände. Und jedes Projekt gibt mit der Bildung von kollektiven Körpern kleine Antworten auf die zentrale Frage unserer katastrophengeprägten Zeit: Was tun?

Wiener Secession, Chto Delat, bis 25.1.2015

veröffentlicht in: Die Presse, 21.11.2014