Cinthia Marcelle, Diana Al-Hadid in der Wiener Secession

20. Sep. 2014 in Ausstellungen

Cinthia Marcelle, Dust Never Sleeps, Wiener Secession 2014, Foto Oliver Ottenschlaeger

Eine Woche lang war der Raum abgeklebt. Jeden Tag wurde mit einer Pistole ein Ruß-ähnlicher Puder  hineingeblasen. Langsam legte sich die Materie auf Decke, Wänden und Boden. Jetzt stehen wir im Graphischen Kabinett der Wiener Secession und können es kaum glauben. Ist diese tiefe Schwärze, dieses merkwürdige helle Erstahlen der Ecken und die gespenstische Leere tatsächlich nur das Ergebnis der staubartigen Partikel?

Cinthia Marcelle, Wiener Secession 2014. Foto Oliver Ottenschlaeger

Vorne ist ein Streifen des Holzbodens freigelassen, groß genug, dass gerade einmal fünf Besucher darauf stehen können, schmal genug, dass wir Cinthia Marcelles Installation „Dust Never Sleeps“ fast für eine Illusion halten.

Die junge, 1974 in Brasilien geborene Künstlerin ist bekannt für ihre Performances und Filme, in denen sie mit der Grenze zum Unsichtbaren arbeitet. In „Just in Case“ (2008) sehen wir monochrome Papierarbeiten, denen eine Mauerstruktur hinterlegt ist, aufgetragen mit Klebeband. In ihrer Installation „The Maker“ (2007) liegt ein riesiger Haufen zerknülltes Papier in der Ecke, darunter hören wir jemanden, der scheinbar pausenlos weitere Papierbälle produziert. Was sich da schon abzeichnet, ist in Wien jetzt wesentlich deutlicher: Marcelles Interesse am Ephemeren. Sie möchte „eine Stimmung schaffen, die uns ein Gefühl für Zeit vermittelt“, erklärt Marcelle im Gespräch. Der Raum in der Wiener Secession sieht verlassen aus, vielleicht fand ein Brand statt, viel Zeit scheint vergangen zu sein. Allerdings herrscht hier keineswegs Chaos sondern im Gegenteil eine perfekte Klarheit. Die Ecken und Kanten des Raumes leuchten – hier lagerte sich der Staub weniger ab, das Weiß der Wand kommt durch. Das sieht theatralisch aus, aber Marcelle erzählt mit ihren Arbeiten keine Geschichten. Sie schafft labile Momente – bzw. „organisiert das Chaos“, wie sie sagt. Das kann man auf das Material beziehen oder auch auf unsere Welt, und es ist nie von Dauer. Darin liegt eine latente Gefährdung wie sie es auch mit „Temporario (Edelweiß-Zünder)“ (2014) andeutet: 4000 Streichholzschachteln, akkurat aufeinandergeschichtet in der Vitrine vor dem Kabinett – eine potentielle „Bombe“. Die Nähe von Verfall und Ordnung, von Schönheit und Bedrohung schafft eine eindrückliche Stimmung – eine derartig spannungsgeladene und zugleich wunderschöne Ausstellung hat es in diesem kleinen Raum der Secession schon lange nicht mehr gegeben!

Diana al Hadid, The Fates, Wiener Secession 2014. Foto Oliver Ottenschlaeger

Umso krasser ist der Kontrast zum Hauptraum. Auch hier kann man von einer Ästhetik des Verfalls sprechen, allerdings die harmlos-dekorative Variante. „The Fates“ nennt die 1981 in Syrien geborene, in den USA lebende Diana Al-Hadid ihre Ausstellung, in deren Mitte prominent „Phantom Limb“ (Phantomschmerz) steht: Draht, Gips, kleine Aluminiumspuren, Holz sind ineinander vermischt und scheinen wie eine organische Masse über ein Podest zu wuchern. Oben sitzt aus unerklärlichen Gründen eine Figur ohne Arme und Beine darauf, ein Bein liegt verloren daneben. Als Inspirationsquelle dienen ihr „Plastiken der klassischen Antike“ und „die europäische Malerei“.

Diana al Hadid, The Fates, Wiener Secession 2014. Foto Oliver Ottenschlaeger

Wie genau dieses zeitlich und stilistisch sehr weit gefasste Feld in Al-Hadids Formenwelt Eingang findet, ist zwar nicht erkennbar. Aber da sich hier Formen und Materialien, ja, selbst die meterhohen Wände bzw. Bilder in Auflösung befinden, trifft das wohl auch auf die Vorbilder zu. „Mich interessiert, unter wie viel ´Druck´ man ein Bild setzen kann, bevor es anfängt, seinen Ursprung zu vergessen“, wird Al-Hadid im Pressetext zitiert. Warum sie das interessiert, lässt sich in dieser Ausstellung nicht erahnen, da ihre Werke viel zu nah an einer konventionellen Ästhetik sind: Figuration wird in Abstraktion aufgelöst. Dabei ist es ein enorm spannendes und auch aktuelles Thema: Wieviel Druck verträgt eine Gesellschaft? Verfalls- und Auflösungsprozesse sind in der aktuellen Kunst, vor allem in Skulpturen gerade häufig zu beobachten. Al-Hadid allerdings scheint das Thema zu gefährlich, sie bricht die Bedrohlichkeit formal mit Blattgoldschnipseln, thematisch mit dem Verweis auf griechische Schicksalsgöttinnen im Titel. Damit lenkt sie jegliche Idee einer gesellschaftsrelevanten Übertragung ins Historisierend-Dekorative um – was für ein Kontrast zu dem nachhaltig beunruhigend wirkenden Raumbild im Graphischen Kabinett!

Cinthia Marcelle

 

Cinthia Marcelle (r), Diana Al-Hadid (l). Foto SBV

Cinthia Marcelle, Dust Never Sleeps; Diana Al-Hadid, The Fates, Wiener Secession, 10.9.-2.11.2014

veröffentlicht in: Die Presse, 14.9.2014