Cosima von Bonin im MUMOK Wien

04. Okt. 2014 in Ausstellungen

THE BONIN / OSWALD EMPIRE’S NOTHING #02, 2010. Foto Markus Tretter

Reizende Kraken, Kühe, Tintenfische, Pilze, sogar plüschige Muscheln auf Skateboards – die aktuelle Ausstellung im MUMOK erinnert an ein Kinderzimmer. Aber der Eindruck trügt. Diese Stofftiere sind keineswegs harmlos.

Cosima von Bonin, Kunsthaus Bregenz 2010

Ein Hase mit langen Schlappohren liegt wie aufgebahrt auf einem Operationstisch, auf einer Wäscheleine sind Mengen von niedlichen Tieren brutal an ihren Ohren oder Armen aufgehängt. „Marathon“ nennt Cosima von Bonin diese Skulptur, die einen zentralen Aspekt ihres Werkes andeutet: Hier treffen Pop- und Hochkultur an einer scharfen Kante aufeinander. Mit all den uns bestens bekannten Objekten, seien es die Tiere, Comicfiguren, aber auch Regenschirme, Tischbeine oder Herrentaschentücher, weist die Künstlerin uns den Weg „in ein komplexes Labyrinth der Referenzen“, wie es MUMOK-Direktorin Karola Kraus sagt.

courtesy Galerie Neu, Berlin

Immer liegt in den Arrangements – ein Tier reitet auf einer Rakete, ein Krebs krallt sich am Tisch fest, ein Tintenfisch zwängt sich an ein Schreibpult – auch ein Machtspiel: Wer hat die Macht? Aber Bonin schafft es, diese Fragen nach Macht und Regeln so emotional zu inszenieren, dass wir mit jedem Schritt in der Ausstellung immer mehr unsere Gewissheit sicherer Kategorien und klarer Erklärungen verlieren. Wir wandeln immer tiefer in eine untergründige, glatte Traumwelt, suchen Geschichten und stolpern dabei oft über unsere eigenen Erinnerungen. „Persönliche Empfindungen geistern durch die Seitentür“ nennt es Kraus und spielt damit zugleich auf den Titel der Ausstellung an. „Hippies use side doors. Das Jahr 2014 hat ein Rad ab“ wählte die deutsche Künstlerin für ihre bisher größte, retrospektiv angelegte Schau mit über 100 Werken aus mehr als dreißig Jahren.

Ausstellungsansicht MUMOK 2014, Foto Laurent Ziegler

Der Satz stammt von einem kalifornischen Ladenschild, das zur Abschreckung einer selbstbefreiten Generation diente. „Ich musste ja einen Titel finden“, erklärt sie dazu – Interpretationen verweigert die Künstlerin konsequent. Eher benennt sie ihre Arbeitsmethode: Während Kraus von „sehr referentiell“ spricht, rpäzisiert Bonin: „einfach Diebstahl“. Kraus: „Wie eine Krake schnappt sie alles auf und verarbeitet es in ihrem Werk.“

 

Sinkende Ballons in Hamburg

Bonin studierte in Hamburg, wo auch ihre erste Einzelausstellung mit 32 an der Decke schwebenden, bunten Luftballons stattfand. Jeder Ballon war bedruckt mit Namen und Daten von Künstlern, im Laufe der Ausstellung sanken die Objekte auf den Boden – ein Bild für Künstlerkarrieren? Die Daten bezeichneten die Geburt und die erste Ausstellung. 1986 zog sie nach Köln. Die Stadt am Rhein war damals das europäische Zentrum der zeitgenössischen Kunst, hier herrschte Martin Kippenberger über sein Reich aus trinkbegeisterten Freunden – ein Einfluss, den Bonin lange lebte. In ihrer großartigen Ausstellung im MUMOK ist aber eine ganz andere Bonin zu erleben, in der sie zwar auch dem verstorbenen Kollegen huldigt. Aber die Zusammenarbeit mit einer „Handvoll guter FreundInnen, alle MeisterInnen ihres Fachs“ (Kraus) gehört seit Anfang an zu ihrer Arbeit. Im MUMOK hat sie daher eine „Hall of Fame“ eingerichtet, Werke von Isa Genzken, Mike Kelly und natürlich Kippenberger dazugestellt. Und am 4. Oktober findet in der Halle E ein Konzert von Tocotronic statt – für die Hamburger Band gestaltete sie bereits mehrere Cover. Zwischen ihren Arbeiten hängen mehrere Soundglocken, für die Moritz von Oswald eigens Beats produzierte. Und zur Presskonferenz kam Bonin mit einem wild kostümierten Freund.

Foto Oliver Husain

Aber diese Kollaborationen sind zugleich auch ein Weg, der diese zutiefst emotionale Kunst, der die Künstlerin schützt. „Gefühle delegieren“ heißt eine Farbfotografie von 2014: Eine beige Stoffkrabbe ist aus ihrer Muschel gekrabbelt – die Tiere als Stellvertreter für ihre individuelle Gefühlswelt? Was zunächst so minimal bis niedlich erscheint, transportiert überwältigend viele Emotionen – und Verletzungen. Welchen Weg jeder für sich selbst findet, um aus diesem Labyrinth affirmierter Kindlichkeit, monströser Infantilität und knallbunten Verweigerungen herauszufinden ist die ganz individuelle Herausforderung, der sich jeder Ausstellungsbesucher stellen muss. Außen am MUMOK steht ein Pinocchio mit langer Lügen-Nase auf einem Balkon, „Der Italiener“ hat sich gerade übergeben, ein böser Fleck klebt auf der Fassade – auch das ein Weg aus dem Labyrinth?

Cosima von Bonin, MUMOK, Museumsquartier, 4.10.2014-18.1.2015

veröffentlicht in: Die Presse, 3.10.2014