Die Freiheit der Kunst in Singapur?

22. Jan. 2016 in News

Lee Wen, Splash #8, 2003

Lee Wen, Splash #8, 2003

Verwundert war man von Anfang an, dass die US-amerikanische Botschaft in Singapur einen Kunstpreis für „die Freiheit der Kunst“ auslobt. Ist das nicht eine allzu grobe Einmischung in die lokale Politik des repressiven Stadtstaats, in dem Zensur zum künstlerischen Alltag gehört? Keineswegs vergessen ist die Geschichte von „Brother Cane“: Das ist der Titel der 1994 von Josef Ng aufgeführten Performance. Ng hatte sich damit gegen die Kriminalisierung von Homosexualität gewandt, was mit Stockschlägen (caning) bestraft wurde und wird. Ng Performance endete damit, dass er mit dem Rücken zum Publikum gewandt seine Schamhaare schnitt. 400px-TNPCoverPubicProtestJosefNg(https://sgwiki.com/wiki/The_Josef_Ng_affair). Daraufhin wurde Ng angezeigt, von einem Gericht verurteilt und die Regierung legte von 1994 bis 2004 einen Bann auf Performance-Kunst: Staatliche Förderungen waren gestoppt und für eine Aufführung musste vorab eine sehr hohe Geldsumme deponiert werden, die de facto einem Verbot gleichkam.
In den zehn Jahren beugten sich nur sehr wenige Künstler diesem Ban nicht. Einer der wenigen war Lee Wen. 1957 in Singapur geboren, kam er erst 1988 zur Kunst und begann 1993 seine „Yellow Man“-Aktionen. Komplett mit gelber Farbe übergossen, thematisierte Lee Fragen ethnischer Zugehörigkeit, ging aber auch durch die Straßen Singapurs und fragte, warum wir Kunst brauchen. Mit „Yellow Man No.11: Multi-culturalism“ kritisierte er 1997 explizit die auf verschiedene Rechte für verschiedene Ethnien ausgerichtete Politik Singapurs.

Lee Wen, The Yellow Man, 2001

Lee Wen, The Yellow Man, 2001

2005 erhielt er seine erste große Ausstellung in Singapur, jetzt gewann er den 2. Joseph Balestier Prize. Initiiert 2015 vom US-Botschafter Kirk Wagar, benannt nach dem ersten US-Konsul in Singapur 1836, ist der Preis ein Statement für die Freiheit der Kunst. Erster Preisträger war der Indonesier FX Harsono, nominiert waren daneben Lee Wen und auch Aye Ko aus Myanmar – die beide jetzt wieder im Rennen waren. Einzig der Filmemacher Nguyen Trinh Thi kam heuer als dritter Kandidat neu hinzu.
Diese Entscheidung löste einige Kritik in Singapur aus: Wie sinnvoll ist ein Preis, wenn zweimal hintereinander dieselben Künstler vorgeschlagen werden und es demnach offensichtlich nicht genügend Kandidaten für die „Freiheit der Kunst“ gibt? Noch heftiger aber wird die dem Preis zugrunde liegende Konstruktion diskutiert: Singapur zensiert Kunst, unterstützt aber die Kunstmesse Art Stage, die wiederum zusammen mit einer ausländischen Botschaft einen Preis an eben jene Künstler vergibt, die zensiert werden – ist das Zynismus? Worauf zielt der Preis, ist es eine politische Inszenierung, eine knallharte Botschaft an die Regierung in Singapur? Nein, ruderte der US-Botschafter bei der Verleihung am 19.1. 2016 heftig zurück: Der Preis wolle keineswegs auf mehr Freiheit in Singapur drängen, „es gibt keine politische Agenda dabei“, wird Wagar von Enid Tsui in der South China Morning Post (20.1.2016) zitiert. Es sei ein auf ganz Asien gerichteter Preis für den Kampf um mehr Freiheit, und es gebe wohl kein Land auf diesem Planeten, dass daran nicht beteiligt sei, „mein Land inkludiert“.

Preisträger Lee Wen

Preisträger Lee Wen

Soviel Selbsterkenntnis ist begrüßenswert, aber ganz kolonialistisch verbindet Wagar damit zugleich die Idee universeller Werte, um sofort zu betonen, der Preis habe nichts zu tun mit der US-amerikanischen Auslandspolitik: “I want to be crystal clear about this. I think that it’s easy to assume because the US embassy is involved, that we are trying to make a statement. We are not. If we were using this as a political platform it would reduce [the] credibility of what we’re trying to achieve here. (…) We don’t want to provoke, but if you really want to support good art, you have to support the conditions for the artists. It’s positive for everybody.“

Lee Wen, Strange Fruit2, 2003

Lee Wen, Strange Fruit2, 2003

Wird hier nicht doch die Kunst in einem politischen Kampf um kulturelle Werte instrumentalisiert? Wie steht der Preisträger dazu? Der sieht den Preis als Chance. Als erstes kündigte Lee an, das Preisgeld in Höhe von 15.000 Dollar mit den beiden anderen Kandidaten zu teilen und betonte, es sei der Job des Künstlers, für künstlerische Freiheit zu kämpfen. „Zensur gibt es nach wie vor.“ Er sprach auch direkt das Problem der Körperstrafen an: „Brother Cane is still here today.“ Das sei „eine Abschreckung, die nicht funktioniert, und eine sehr brutale Methode der Bestrafung.“ Prügelstrafe droht in Singapur bei mehr als vierzig Vergehen, von Vergewaltigung über Überfall bis Vandalismus. Aber vor allem nutzte Lee die Preisvergabe für eine klare Aussage: „The heavy-handed way the government handles this country shows how autocratic and brutal the system of democracy here is,“ zitiert Kirsten Han den Künstler in der unabhängigen news-Plattform Byline. Bei so viel Offenheit fragt man sich, wie lange es den Preis wohl noch geben wird?

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