Donna Ong, From the tropics with love – Krinzinger Projekte, Wien

28. Jun. 2015 in Ausstellungen

Waren Sie schon einmal in Singapur? Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt fährt man 20-30 Minuten entlang wunderschöner, üppiger, grüner Bäume. Man fühlt sich gleich woanders, in einer exotischen Gegend – in den Tropen.

Genau diesen Eindruck wollte die Regierung erreichen. Genau darum wurden diese Bäume genau dort nach einem genauen Plan gepflanzt. Was aber sind die Tropen? Welches Bild haben wir von dieser Gegend?

Der Begriff ´Tropen´ ist abgeleitet aus dem altgriechischen und bedeutet „Sonnenwendengebiet“. Es ist jene Zone auf dem Erdball, die zwischen den Wendekreisen liegt. Der Gürtel läuft von Südamerika über Afrika, Singapur bis Nordaustralien. Es ist klimatisch die heißeste Zone und reicht vom Regenwald bis zur Wüste. Hier gibt es keine thermischen Jahreszeiten, die Temperaturen schwanken nur gering.

Aber die Tropen sind weit mehr als eine klimatische Kategorie, es ist ein Klischee. Früher sprach man von Dschungel – ein Begriff, der heute der Kolonialzeit zugeordnet wird. In der – westlichen – Literatur stehen der Dschungel oder die Tropen für eine wilde, ungezähmte Natur, für eine romantische Idee des Unbekannten und Exotischen. Die Frauen in den Tropen werden oft nackt dargestellt, die Menschen sind Wilde mit spannenden Ritualen. Die Tropen sind jene Gegend, in der gefährliche Abenteuer bestanden werden können – Kämpfe mit Tigern etwa. Reisen in die Tropen sind das Gegenteil der bildungsorientierten Grand Tour – bis heute.

Dieser exotischen Welt stehen die realen Tropen gegenüber: ein gefährlicher, weil undurchdringlicher Ort, in den man als Bewohner dieser Gegend kaum hineingeht. Romantische Wasserfälle besucht dort keiner – das sind höchstens Inszenierungen in westlichen Tropenhäusern, vergleichbar mit der Straßen-Bepflanzung in Singapur.

Seit letztem Jahr beschäftigt sich Donna Ong mit diesem Thema. Sie sucht Darstellungen in Büchern, Reiseliteratur, Enzyklopädien, besucht auch tropische Gewächshäuser. In Berlin fand sie einen Mann, der Drucke der Tropen sammelt – Ong konnte seine Sammlung fotografieren, die großen Bilder in der Ausstellung stammen daher. Sie studierte, wie die Tropen bildlich dargestellt werden und machte eine unerwartete Entdeckung: Die Bilder der Tropen folgen ausnahmslos unserer westlichen Darstellungsweise von Wäldern: Es gibt einen Vorder-, einen Mittel- und einen Hintergrund.

Das ist eine Aufteilung, die den realen Tropen in keinster Weise entspricht. Denn die Tropen sind ein Wald mit dichter, mit blickdichter Vegetation. Da wachsen auf einem Baum noch drei, vier weitere Pflanzen, jeder Freiraum wuchert zu. Wer solch einen Wald betreten will, benötigt eine Manchete – man muss sich seinen eigenen Weg schaffen. Wie anders ist es in den inszenierten Tropen, in den Bildern, in den Tropenhäusern: dort sind nicht nur die Wege, sondern auch die Aussichtspunkte vorbestimmt.

Gibt es auch tropische Darstellungen? Das war Donna Ongs weiteres, überraschendes Resultat: Es gibt keine Darstellung, die jene anfertigten, die dort leben. Es gibt keine tropischen Tropen-Bilder. Die Bilder der Tropen sind allesamt westliche Erfindungen! Und darin dominiert selbst heute noch das Exotische – genau darum kreist das Werk, das Donna Ong hier in den Krinzinger Projekten zeigt. Sie befragt darüber ihre kulturelle Identität. Sie stammt aus den Tropen und fragt: Was ist das, die Tropen? Darum hat sie diese künstlichen Pflanzen gesammelt, die der tropischen Vegetation entsprechen, und setzt exotische Tiere und Nackte dazwischen – konfrontiert uns mit dem Klischee, dem westlich geprägten Bild. Darum wandern wir zwischen den von der Decke herunter hängenden Bildern durch, eine Art ´extra-romantische´ Erfahrung.

Jeder Besucher wird diese Reise in die Bilder der Tropen anders wahrnehmen. Mich hat hier am meisten beschäftigt, wie sehr wir mit unserer westlichen Kultur das Bild der fernsten Winkel der Welt mitprägen – und wie mächtig Bilder sein können. Wie sehr bildliche Darstellungen Weltbilder formen. Denn es gibt noch eine ganz andere Wahrnehmung der Tropen, von der Donna Ong mir erzählte: In Malaysien werden Menschen entführt, in Camps im Dschungel festgehalten, oder gleich in Massengräbern dort beerdigt. Kein Mensch geht freiwillig in die Wälder. In Singapur gab es verbotene Freudenhäuser im Dschungel. Die Tropen, der Dschungel – das ist auch eine angstbesetzte Zone, ein Ort des Verbergens. Aber diese Realität existiert nicht in den romantisierenden Bildern. Was also sind die Tropen?

Eröffnungsrede Krinzinger Projekte, Wien, Juni 2015