Druckgraphiken von Albrecht Dürer & Rembrandt im Dorotheum

19. Apr. 2015 in Kunstmarkt

Neben dem Besucher liegen zwei dicke Bildbände, vor ihm Rembrandts „Studienblatt mit Selbstportrait“, datiert auf 1632. Es ist eine Radierung auf Bütten. Anders als in Museen darf man in Auktionshäusern das Blatt aus dem Rahmen nehmen, um jedes Detail genau zu studieren. Jede Farbveränderung kann den Wert beeinflussen. Ein winziges Detail, ein heller Fleckt  irritiert den Kunde.

Es geht um die Frage des ´Zustandes´. Damit sind die Veränderungen und Überarbeitungen an den Druckplatten gemeint. Mit jedem Abzug lassen die Drucke in der Qualität nach, durch Nachbearbeitungen der Platten konnten weitere Abzüge folgen. Die verschiedenen ´Zustände´ sind durchnummeriert, das Selbstportrait ist der Zweite von Zweien. Im Dorotheum gelangte das kanpp 10 Zentimeter kleine Blatt zur Versteigerung: geschätzt auf 4-5000 Euro, zugeschlagen bei 6000,- Euro. War der Fleck jetzt ausschlaggebend?

 

384 Meisterzeichnungen, Druckgraphik bis 1900, Aquarelle und Miniaturen kamen am 2. April im Dorotheum zur Versteigerung. Der Markt für diese Kunst ist eine spannende Nische, denn hier ist ein genaues Auge gefragt und immer wieder werden spannende Entdeckungen gemacht. So stellte sich schon im Vorfeld der Auktion heraus, dass mit Pirro Ligorios „Herkules an der Orgel“ (um 1573) ein besonderes Blatt zur Versteigerung kam: Es ist ein Entwurf für die Decke der Camera delle Virtu im Palazzo Ducale in Mantua. Vorsichtig geschätzt auf 3.400-4.500 Euro, ging die Zeichnung auf 20.000,- Euro hoch. 10.000,- Euro erzielte eine Studie zweier Männer mit Turban, die der Schule Jan Lievens zugeschrieben ist. Und Thomas Enders Aquarell Blick auf die Weilburg und das Helenental war einem Käufer 15.000,- Euro inklusiv Aufschläge wert. Nicht verkauft wurde die kleine, Theodore Gericault zugeschriebene „Studie zweier Reiter“.

Jan Lievens Schule, Studie zweier Männern mit Turban, geschätzt 3-4000,- ; erzielter Preis 10.000,- Euro
Thomas Ender, Blick aus der Säulenhalle einer Villa auf die Weilburg und den Eingang ins Helenental mit den Ruinen Rauheneck und Rauhenstein, geschätzt 7-10.000,-, Preis 15.000,-
Gericault zugeschrieben

Reges Interesse fanden natürlich die Werke von Rembrandt und von Albrecht Dürer. Die Schätzpreise: 800,- Euro bis 5000,- Euro. Wieso sind die Drucke derartig berühmter Künstlern zu so moderaten Preisen im Handel? Beide gelten als Meister im Bereich der Druckgraphik, beide perfektionierten die Technik in ungeahnter Weise und verliehen den Blättern den Status eigenständiger Werke – vorher wurden Holzschnitte hauptsächlich als Buchillustrationen eingesetzt. Besonders Dürer (1471-1528) zeigt sich in diesen Bildern weitaus experimenteller als in der Malerei. Mit seinen 15 Holzschnitten der „Apokalypse“ revolutionierte er 1498 die bis dahin eher primitive Technik, indem er die Szenen höchst plastisch und dramatisch mit Konturlinien und Schraffuren ausarbeitete.

Aber es war nicht nur die künstlerische Herausforderung, die den deutschen Meister reizte. Wie Tizian, Michelangelo und Raffael, später auch Rembrandt, schätzte er die Druckgraphik, um seine Bekanntheit zu steigern und seine Einnahmen zu erhöhen. Er stellte Vertreter an, um seine Holz- und Kupferstiche weltweit zu verkaufen. Auf den nahe gelegenen Messen und Märkten übernahmen das meist seine Frau und seine Mutter. Die Werke entstanden in hohen Auflagen, die aufwendigen und viel teureren Kupferstiche bis zu 1000 Exemplare, die Holzschnitte dagegen erlaubten weit höhere Zahlen.

 

In seiner Werkstatt hatte Dürer professionelle Formschneider beschäftigt, welche Zeichnungen er selbst vornahm, ist kaum festzustellen. Die mythologischen und sakralen Themen der gut 100 Kupferstiche und 300 Holzschnitte begeisterten nicht nur seine Zeitgenossen. Um 1600 kam es zu einer Dürer-Renaissance und berühmte Sammler wie Kaiser Maximilian I von Bayern trugen dazu bei, dass mit den Originalplatten immer wieder neue Blätter produziert wurden. Jene zu Lebenszeit entstandenen Werke erzielen heute Höchstpreise, vor einem Jahr etwa Dürers Holzdruck eines Rhinozeros´ von 1515, dass bei Christie´s in New York für stolze 866.500 Dollar versteigert wurde. Die Blätter in der Dorotheum-Auktion dagegen sind großteils posthum gedruckt worden und daher so günstig. Erkennbar sind die Unterschiede allerdings nur für Spezialisten, die jedes Detail begutachten. Manchmal ist die Entscheidung jedoch schwierig zu treffen, Los Nr. 18 etwa zeigt Maria als Königin der Engel (3750,- Euro). Der Holzschnitt ist vom ersten Zustand, könnte also noch aus Dürers Werkstatt stammen, erklärt Expertin Astrid-Christina Schierz.

Von ´Zuständen´ spricht man auch bei Rembrandt (1606-1669). Anders als Dürer hob der Niederländer die Grenze zwischen Auflagenstandard und Einzelexperiment auf, überarbeitete immer wieder die Druckplatten und suchte ständig neue Bildzustände. Wie in seinem malerischen Werk betonte er auch hier die starken Hell-Dunkel-Kontraste und verwendete dafür eine spezielle Technik: Er wischte die Farbe nicht so weit weg, dass nur noch die tieferliegenden Rillen gefüllt, die Fläche dagegen frei war. Statt gestochen klarer Linien ließ er bewusst flächige Partien stehen und erzeugte so malerische Effekte. Durch die unterschiedliche Einfärbung wurde jeder von der Platte gedruckte Abzug zu einem Unikat. Seine Bildthemen sind biblische Szenen wie die Steinigung des Heiligen Stephanus (2800,-), das Brustbild seiner Mutter von 1628 (3800,-), Studien wie die badenden Männer (3800,-) oder die Bettler im Gespräch (2300,-). Die Drucktechnik des niederländischen Meisters kann man übrigens noch heute sehen. 1639 kaufte Rembrandt ein großes Haus, dass nach seinem Bankrott 1656 versteigert wurde. Fast 150 Jahre später kaufte die Stadt Amsterdam das geschichtsträchtige Haus, um es originalgetreu wieder herzurichten. Heute kann man Rembrandts Wohnräume, Küche und Atelier besuchen. In einem kleinen Raum im ersten Stockwerk steht die Druckwerkstatt. Täglich wird hier Rembrandts Radiertechnik vorgeführt.

Wie bei Dürer so waren auch Rembrandts Druckplatten noch lange nach seinem Tod im Einsatz. Daher gilt auch hier: Das Entstehungsdatum ist ausschlaggebend für den Preis. „Petrus und Johannes an der Pforte des Tempels“ stammt aus dem 19. Jahrhundert – was für Spezialisten erkennbar ist an den erfolgten Bearbeitungen, im Katalog vermerkt als V (von VI), also die fünfte von sechs Versionen. Trotzdem ist das Los auf 3-4000 Euro geschätzt, zugeschlagen bei 3250,- Euro. Denn das Motiv ist beliebt – wer sich an den Kompositionen Rembrandts erfreut, für den ist die Frage des Zustands und des Drucks zweitrangig.