Egon Schiele – neue Fälschungen und alte Mißverständnisse

17. Mrz. 2017 in Ausstellungen

Egon Schiele, Aktselbstbildnis, 1916. Bleistift, Deckfarben. Albertina, Wien

Egon Schiele, Aktselbstbildnis, 1916. Bleistift, Deckfarben. Albertina, Wien

Alle zehn bis fünfzehn Jahre muss die Albertina den Kernbestand der Sammlung ausstellen, und dazu gehört vor allem das Werk von Egon Schiele. Jetzt ist es wieder soweit, zwölf Jahre sind seit der letzten Präsentation vergangen. In der Zwischenzeit seien wesentliche Erkenntnisse hinzu gekommen, betonte Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder auf der Pressekonferenz und deutet neue Erkenntnisse über Fälschungen an. Aber dazu später.

Egon Schiele, Grimassierendes Aktselbstbildnis, 1910. Bleistift, Kohle, Pinsel, Deckfarben mit proteinhaltigen Bindemitteln, Deckweiß auf Packpapier. Albertina, Wien

Egon Schiele, Grimassierendes Aktselbstbildnis, 1910. Bleistift, Kohle, Pinsel, Deckfarben mit proteinhaltigen Bindemitteln, Deckweiß auf Packpapier. Albertina, Wien

Mit 160 Gouachen und Zeichnungen wird der 1918 mit nur 28 Jahren verstorbene Maler heuer neu präsentiert. Denn die Albertina möchte ein großes Missverständnis ausräumen. Schiele gehört zu den bekanntesten Künstlern Österreichs und erzielt im Kunsthandel Höchstpreise. Direktor Schröder sieht diesen Erfolg in Schieles Nacktbildern begründet, die einen Reflex auslösen würden: Nackt sei identisch mit Erotik und Sex. Darum aber gehe es in dem Werk überhaupt nicht – im Gegenteil: In den Frauenakten, Selbstportraits und Mädchenzeichnungen komme die existentielle Einsamkeit des Menschen zur Darstellung, ein „sakralisiertes Elend des Menschseins“, die Geworfenheit der Individuen.

Egon Schiele, Junger Mädchenakt im ockerfarbigen Tuch, 1911. Bleistift, Aquarell auf Japanpapier, grundiertAlbertina, Wien

Egon Schiele, Junger Mädchenakt im ockerfarbigen Tuch, 1911. Bleistift, Aquarell auf Japanpapier, grundiertAlbertina, Wien

Das ist eine spannende These, die der vordergründigen Wahrnehmung lasziver Kinderakte krass widerspricht. Die Darstellungen sprechen dafür, denn Schiele verzichtet auf anmutig-verführerische Posen oder Attribute einer schmeichelhaften Stimmung. Stattdessen sehen wir ausgezehrte Körper in krampfartigen Haltungen, gerade bei den Mädchen geradezu aggressive Akte, grelle Farben, ein giftiges Grün oder ein gleisendes Orange. Die Nacktheit dient dabei keiner erotischen Aufladung, sondern thematisiert die Heimatlosigkeit des modernen Individuums: „das Ablegen falscher Scham wird als Tabubruch zum ästhetischen Prinzip“.
Statt Schiele eine fehlende Moral wegen der expliziten Darstellung junger Mädchen vorzuwerfen, wie es zu seinen Lebzeiten geschah, ist jetzt die Rede von Schieles hohem moralischen Anspruch: Schiele erweise sich nicht zuletzt anhand der an Franz von Assisis Armutsideal angelehnten Werke als „Verfechter hoher Ethik und leidenschaftlicher Spiritualität“.

Egon Schiele, Selbstbildnis mit Pfauenweste, 1911. Gouache, Tempera, Aquarell und blaue Kreide auf Papier, auf Karton aufgezogen. Ernst Ploil, Wien

Egon Schiele, Selbstbildnis mit Pfauenweste, 1911. Gouache, Tempera, Aquarell und blaue Kreide auf Papier, auf Karton aufgezogen. Ernst Ploil, Wien

In diesem Kontext wird auch die berühmte V-Geste aus Schieles Selbstbildnis mit Pfauenweste erklärt. Das Handzeichen ist ein Zitat aus einem byzantinischen Pantokrator-Mosaik der Chora-Kirche, das Christus als Weltenherrscher und –heiler zeigt – was für ein Gegensatz zu den damaligen Vorwürfen, die den jungen Maler 1912 zu drei Tagen Arrest für „ungenügender Verwahrung erotischer Akte“ ins Gefängnis brachten! 125 als „obszön“ befundene Zeichnugen wurden damals beschlagnahmt.
Während Schieles dreiwöchigen Untersuchungshaft entstand eine der berührendsten Zeichnungsserie dieser Ausstellung: sachliche Darstellungen der Zelle, der Sessel, sein Bett, das Gitter über der Tür. Wären da nicht so dramatische Titel wie „Nicht gestraft, sondern gereinigt fühl ich mich1“ (20.April 1912), man könnte meinen, Schiele hätte die Zeit im Knast als Studienaufenthalt genutzt. Aber so wie die Nackten nicht Erotik vermitteln sollen, so sind die Details des Gefängnisses keine Abbilder der Außen-, sondern seiner Innenwelt.

Anton Josef Trcka, Egon Schiele, 1914. Bromöldruck auf Untersatzkarton. Albertina, Wien

Anton Josef Trcka, Egon Schiele, 1914. Bromöldruck auf Untersatzkarton. Albertina, Wien

Aufhorchen ließ Schröder auch mit seiner beiläufigen Bemerkung, die neuerliche Beschäftigung mit Schieles Werk werde sicherlich zur Neubewertung einiger Zeichnungen führen. So müsse man davon ausgehen, dass nicht alle Werke des Jahres 1910 von Schiele stammen. Damals wollte er mit seinem Studienfreund Anton Peschka und dem Pantomimen Erwin Oscar eine Künstlerkolonie in Krumau gründen. Fälschungen werden auch aus der Spätphase vor allem unter den Akten vermutet. Es könne sein, dass einige Sammler zwar einen echten Alfred Hrdlicka, aber einen falschen Schiele besitzen. Der österreichische Bildhauer sei aber sicher nicht der einzige Künstler gewesen, der sich mit schnell angefertigten Schiele-Zeichnungen sein Studium verdiente.

Egon Schiele, Albertina, 21.2.-18. Juni 2017