Ein kurzes Gespräch mit Thomas Bayrle zu FLYING HOME

11. Nov. 2016 in Interview, Kunstmesse

Thomas Bayrle vor Flying Home, Turin 2016. Foto Conf Stampa, Artissima

Thomas Bayrle vor Flying Home, Turin 2016. Foto Conf Stampa, Artissima

Sie wurden von der Turiner Kunstmesse ARTISSIMA eingeladen, bei den Gepäckbändern am Flughafen auszustellen – waren sie davon überrascht?
Thomas Bayrle: Eigentlich habe ich mir das selbst ausgesucht. Ich wurde für den Flughafen eingeladen und habe gesehen, dass der Ort bei den Gepäckbändern eine ganz fantastische Sache ist. Das hat so eine gute Langeweile, wenn die Koffer da entlangschleichen. Da warten die Leute und sind leicht irritiert – da wollte ich hin. Das ist die beste Stelle im Flughafen, die ich erwischen konnte!

Thomas Bayrle, Flying Home, Turin Flughafen // SBV

Thomas Bayrle, Flying Home, Turin Flughafen // SBV

SBV: Passt der Ort inhaltlich zu Ihrer Arbeit?
Thomas Bayrle: Auf jeden Fall! Repetition is the mother of skills – das ist eine Grundauffassung nicht nur der Chinesen, auch von mir. Das kann das Üben sein, aber es ist ja auch alles im Körper. Alles, alles ist Wiederholung, bis zu den Milliarden von Herzschlägen.
thomas-bayrle_sarah-cosulichSBV: Wer hat die Produktion bezahlt, Ihre Galerien, die an der Artissima teilnehmen?
Thomas Bayrle: Nein, gar nicht. Alles ist von Turin finanziert und produziert worden, sehr großzügig, in jeder Hinsicht. Einige meiner Galerien sind ja auch hier auf der Messe, Gavin Brown und Francesca Pia, aber die sind nicht angesprochen worden.
SBV: Ist es nicht kurios, von einer Kunstmesse beauftragt zu werden? Das ist ja sonst eher eine auf Biennalen übliche Praxis.
artissima16-flyinghome-012lowThomas Bayrle: Das ist auch neu hier. Aber die Arbeit hat ja direkten Anschluss an mein Werk in Basel, wo ich das „Flugzeug“ (1984) gezeigt habe. Und ich habe immer nach einer Gelegenheit geschaut, wo man mal den Hintergrund der Arbeit sehen kann. Es ist eine analoge Arbeit, die aber schon eine digitale Denke hatte. Jeder denkt, ich hätte das riesige Flugzeug alleine gemacht, aber es haben ganz viele geholfen, meine Frau, auch meine Studenten, die alle an dem Gummi gezerrt haben, bis es genau in die große Form passte. Das passt jetzt sehr gut in unsere Zeit mit der ganzen iPhone-Trance. Man schläft so vor sich hin, Milliarden von Handys, die das Ganze lenken. Da ist es ganz gut, wenn es mal einen Arschtritt gibt, so was wie es früher gemacht worden ist.
SBV: Der „Arschtritt“ ist Ihre Arbeit auf dem Flughafen?
bayrle4Thomas Bayrle: Ja, aber auch die frühe Arbeit. Ich habe immer Wege gesucht, um auf die Technik zuzulaufen. Mir war immer klar, dass es eines Tages diese Maschinen geben wird. Man hat damals natürlich nicht von Digitalität gesprochen, aber das es irgendwann etwas gibt, das die ganzen Dinge in neue Bahnen lenken wird, damit auch die ganze Gesellschaft reguliert wird, war mir klar. Das ist keine Überraschung für mich, aber die Durchschlagekraft, das ist überraschend. Wie eine Massengrippe …
SBV: … dann kann es ja bald geheilt sein?
Thomas Bayrle: Naja, das ist eine Frage von Mentalität, da muss man noch ein wenig trainiert werden.
SBV: Ist es die Frage, wie gesund die Gesellschaft ist?
Thomas Bayrle: Wenn alle Fußballspielen, ist das schon etwas, dann wachen sie auf. Aber das geht natürlich viel weiter, das wollen wir jetzt nicht diskutieren. Das geht ins Utopische.
SBV: Vielen Dank für das Gespräch!
bayrleehepaar

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