6.Gwangju Biennale 2006

16. Okt. 2006 in Biennalen

 

Biennale-Halle Gwangju 2006

Asiatisches Fieber

6.Gwangju Biennale in Südkorea

In Asien ist Biennale-Saison. Kurz nacheinander eröffneten gerade die neugegründete Singapur-, die 6. Shanghai- und die 6. Gwangju Biennale, der eine Woche später die 5.Busan Biennale – ebenfalls in Südkorea – folgt, Anfang November die 6.Tiapeh in Taiwan und im Dezember die 5. Asia Pacific Triennale in Australien. Das zwei- bzw. dreijährlich stattfindende Ausstellungsformat, vor 111 Jahren in Venedig erfunden, ist zum Weltmodell, zeitgenössische Kunst zur globalen Ware geworden. Und das ist gut so.

Denn Biennalen in Asien sind eminent wichtige Ereignisse. Hier finden Veränderungen – und seien es nur erste Anzeichen davon – statt. In Singapur und auch in China demonstrieren die Stadtregierungen darüber eine Offenheit, die weit über die politische Linie, geprägt von mächtiger und allgegenwärtiger staatlicher Kontrolle, hinausgeht: Biennalen als Versprechen auf Freiheit. In Südkorea diente die Biennale anfangs zur Reinwaschung des beschädigten Rufes der Stadt Kwangju, die vor allem aufgrund des Massakers von 1980 bekannt ist. Damals kämpften StudentInnen gegen das Militärregime für mehr bürgerliche Rechte. Als „Stadt des Lichtes“ sollte die Kunst dazu dienen, „die dunkle Realität der koreanischen Isolierung zu erhellen“, so der damalige Bürgermeister Song Eon-jong. Jetzt, elf Jahre nach der Gründung der Biennale, ist dieser Wunsch eingelöst, die Gwangju Biennale hat in der Stadt ein permanentes Domizil, die Biennale Halle, und unter den internationalen Ausstellungen ihren festen Platz.

 Gwangju liegt 330 km südlich von Seoul, hat knapp anderthalb Millionen Einwohner und ist als Industriestadt von bescheidener Schönheit. Für diese 6. Biennale stand der künstlerischen Direktorin Dr. Kim  Hong-Hee und ihrem Kuratoren-Team ein Budget von 10 Mio. Euro zur Verfügung. „Fever Variations“ lautet das diesjährige Thema, zugleich poetisch und voller Zuversicht, denn gemeint ist ein Fieber, das die Welt langsam erfassen wird: die Re-Interpretation der internationalen, zeitgenössischen Kunst aus asiatischer Sicht.

Lee Sookyung

 

Manit Sriwanichpoom, Gwangju 2006

Was aber ist das Asiatische? Das auslotend, führt uns die Ausstellung in einer großartigen Dramaturgie vom „First Chapter_Trace Root“ über eine kleine Fluxus-Schau bis zum „Last Chapter_Trace Route“. 127 KünstlerInnen aus 32 Ländern wurden ausgewählt, zunächst „asiatische Geschichten zu entfalten“, von asiatischen Wurzeln in Kultur, Kunst – etwa in der Fluxus-Bewegung – und Leben zu erzählen, vom Ost-auf-West-Einfluß bis zu ´globalen Gleichzeitigkeiten´ im „letzten Kapitel“. Den Auftakt stellen zwei Buddha-Figuren von David Hammons, zwischen sich eine Schnur mit baumelnder Sicherheitsnadel gespannt, „Praying for Safety“. Mit diesem Augenzwinkern beginnt die zeitgenössische Auseinandersetzung mit Traditionen, Liu Zhengs inszenierte Fotografien um die Legende der vier Schönheiten, Dinh Q. Le bedrückend-schöne weiße Bilder, die inspiriert sind von der „hysterischen Blindheit“ emigrierter Frauen aus Kambodscha, Michael Joos computergesteuertes Abscannen eines Buddha-Kopfes. Die vielen Monitorbilder erinnern an die Erde, die Nähe zwischen Mikro- und Makroansichten deutet auf die spirituelle Idee des Einssein von allem.

Song Dong, Gwangju 2006

Joo ist einer der diesjährigen Preisträger. Der Zweite, Song Dong, zeigt eine ausufernde Installation: alte Schuhe, Tüten, Gewand und Plastikflaschen, Gerümpel gesammelt von seiner Mutter unter dem Motto „Waste Not!“, entsorgt in einer Kunstinstallation von bedrückendem Ausmaß. Den dritten Preis erhält ein Künstlerduo aus Lithauen, deren Dokumentation ihrer Aktivitäten in einem besetzten Kino in Lithauen zum „Last Chapter: Trace Route“ gehört. Bevor man zu diesem Bereich kommt, faszinieren noch die Bilder voller Stille von Lee Ufan, die gespenstisch-schönen Verspannungen von Stühlen und Konzertflügel von Chiharu Shiota, Chen Chieh-jens dramatisches Video einer jesus-ähnlichen Hinrichtung in Taiwan und Qiu Zhijies Achtkanal-Video, in dem Szenen aus acht asiatischen Ländern von unterschiedlichen Traditionen und Zeitsystemen erzählen, von den Wechselwirkungen zwischen global und lokal – ein Thema, dass dann im ´letzten Kapitel´ weiter ausgeführt wird.

Chen Chieh-jen

 

Chiharu Shiota

„Remapping global cities“ lautet hier das Motto mit Werken von Monika Bonvicini, Elmgreen & Dragset, Bruno Serralongues Recherche zu koreanischen Industriearbeitern in Frankreich, Akram Zaataris Fotografien aus dem täglichen Wahnsinn im Libanon, die Recherche des Künstlerduos „mixrice“ und auch von dem brasilianisch-schweizerischen Duo Dias & Riedweg über Migration. Im fünften und letzten Raum dann kommt konsequenterweise „US-Imperialismus und Krieg“ in Beiträgen mehrerer Künstlergruppen zur Sprache, denn die Verschiebung des Blicks vom Westen zum Osten als Zentrum bedeutet auch Kritik am Hegemon USA. Biennalen in Asien, das zeigt die 6.Gwangju Biennale deutlich, sind nicht mehr die italienische Länderleistungsschau, sondern ein Format für Veränderungen.

Flying City

 

Michael Beutler, Gwangju 2006

 

Biennalen-Halle-Cafe mit Bomben-Tischen

6.Gwangju Biennale, 8.9.-11.11.2006, Biennale Halle, Jungeoi Park, Gwangju City, Südkorea

publiziert in: NZZ, 16.10.2006, http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/articleEIGPM-1.68258