Interview Brice Marden, 1989

27. Nov. 1989 in Interview

Foto: Francesca Uckermann, Artis 1989

„Ich würde meine Malerei als konservativ bezeichnen…“ – Ein Interview mit Brice Marden von Sabine B. Vogel, Köln 1989

SBV: Von den frühen Farbfeldmalereien und den darauffolgenden Abstraktionen haben Sie sich seit Beginn der 80er Jahre abgewandt. Die neueren Arbeiten zeigen gitterähnliche Strukturen und unruhige Linienführungen. Läßt sich bei Ihren Arbeiten von einem durchgängigen Interesse an formaler Abstraktion sprechen?

BM: Abstraktion ja, aber meine Bilder sind nicht formal – sie basieren auf Natur. Auch wenn die früheren Arbeiten eher formal und klassisch schienen, liegen auch enen Beobachtungen in der Natur zugrunde.

SBV: Heißt das Beeinflussung durch die optischen Erscheinungen der Natur oder als Atmosphäre und Empfindung?

BM: Das ist verschieden. Manchmal habe ich sehr speziell über bestimmte Dinge gearbeitet, die ich gesehen habe. Manchmal eher über eine allgemeine Empfindung. Zum Beispiel ein Baum, die vielen Details… das Reich der Natur ist wirklich überwältigend. Für mich ist Natur Realität, und meine Bilder basieren auf Realität. In meine neueren Arbeiten habe ich jetzt mehr Details eingebracht – in den monochromen Bildern waren die Details trotz aller Kompliziertheit eher wie ein Musikakkord. Ich wollte mehr Noten in ein Bild kriegen und unterschiedliche Enerigen zeigen. Bilder malen, die eher wie ein Stück sind, eine Gruppe von Bildern. Der Akkord wird wechseln.

SBV: Was ist mit dem Begriff ´Energien´ gemeint? Ist das einer jener Begriffe, die das „Unsagbare in der Kunst“ ansprechen?

BM: Ich habe gerade über De Kooning gelesen, daß er einmal sagte: „An einem bestimmten Punkt war es eine Aufgabe, das Sprechen aus den Bildern herauszunehmen, aber über Bilder zu sprechen ist damit nicht unmöglich geworden. Es gibt immer dies Unsagbare, worüber man nicht sprechen kann, es nicht artikulieren odertitulieren kann, aber es existiert trotzdem.“ Das ist es, was ich in meine Bilder bringen möchte – eben zum Beispiel Energien.

Bilder können von Dingen in sehr eigener, einzigartiger Art handeln, über Dinge, auf die man dann guckt, die man nur sehen oder fühlen kann. Und dazu gehört auch die Energie.

SBV: Das ist eine Position, die sehr konträr steht zu der Haltung vieler New Yorker Künstler wie z.B. Allan McCollum steht, dessen Arbeiten oft Kommentar zu Gedanken außerhalb ihrer selbst enthalten.

BM: Mich interessieren diese Ansätze nicht so sehr, ich glaube eher an eine Art von ernster, vergeistiger Kunst, eben die unaussprechbaren und unbenennbaren Gefühle. Meine Arbeiten sind antiformalistisch, antiliterarisch – ich will nicht sagen anti, denn meine Bilder sind wirklich positiv. Nicht daß sie an irgendeine banale Ideologie gebunden sind, sondern von einem positiven Glauben bestimmt.

McCollum zum Beispiel finde ich sehr deprimierend. Das Werk strahlt so depressive Gefühle aus, ist über depressive Ideen, über die Gleichheit, die verschieden ist. Leblos. Mien Anliegen in der Malerei ist es, Leben und Energie zu schaffen. McCollums „Individual Works“ zum Beispiel, der große Tisch mit den über 10.000 Einzelteilen, die sich alle so ähnlich sehen, aber jedes doch kleine Unterschiede aufweist – das ist deprimierend. Was immer auch geschieht geschieht nicht, weil der künstler meint, daß es zu geschehen hat, sondern wird entschieden durch mathematische Möglichkeiten. Jedes Teil ist verschieden, und alles ist trotzdem exakt dasselbe – sehr traurig.. es läßt einen an Menschen denken…

SBV: Allan McCollums Arbeiten sind über die Produktion von Bewußtsein, von Zusammenhängen und Systemen, die …

BM: Das ist es ja, es ist ein Beispiel für Dinge, die existieren – und nicht etwas erschaffen. Viele seiner Arbeiten sind deprimierend, alles in derselben Farbe, dasselbe Material, dieselbe Oberfläche – eine häßliche Farbe, häßliche Oberfläche. Keines der Teile ist schön, es isteine sehr unspirituelle Arbeit – ein sehr passender Kommentar zu der zeitgenössischen Gesellschaft!

Meinen Arbeiten ist die Position, Kommentare zur gesellschaftlichen Situation zu geben, sehr fern. Ich glaube, daß der Künstler nur ein Vehikel ist, eine Art natürliches Vehikel. Meine Arbeit ist nicht theoretisch, nicht über Kunst, überhaupt nicht ´über´.

SBV: Den kritschen Auseinandersetzungen ´über´ liegt oft ein Glaube an die Möglichkeit zur Änderung – durch Kunst – zugrunde. Welche Funktion sehen Siue in der Kunst, und teilen Sie den Glauben an Veränderungen?

BM: Ich würde meine Malerei als konservativ bezeichnen, denn ich versuche einen bestimmten Glauben in der Kunst aufrechtzuerhalten – bzw. den alten Glauben an die Kunst zu ändern. Kunst bewahrt in der Hauptsache bestimmte Vorstellungen, einen bestimmten Glauben. So kann z.B. jeder, der ein Bild betrachtet, seine eigenen persönlichen Erlebnisse erfahren. Ich will nicht die Gesellschaft verändern, wichtig ist mir jedes Individuum. Allerdings würde ich gerne jede Veränderung, die die Menschen von ihrem Glauben an ihren eigenen Selbstwert wegbringt, verhindern. Künstler tun dies durch den Versuch, ihren eigenen Selbstwert zu bewahren und dieses mitzuteilen.

Ich glaube zwar nicht an eine Änderung der Gesellschaft durch Kunst, aber diese Idee muß deswegen trotzdem nicht untergehen und vergessen werden. Die gesellschaftliche Relevanz von Kunst kann darin liegen, bestimmte Aspekte und Werte auf einer hohen Ebene aufrechtzuerhalten. Es scheint wie ein verlorener Kampf, aber das stimmt nicht.

Brice Marden, Untitled 3, 1986-87 (c: Mary Boone, NY)

SBV: Und wo sehen Sie die Funktion und die Position von Malerei heute?

BM: Ich glaube, daß die Malerei ein sehr grundsätzlicher und definierter Weg der visuellen Präsentation ist. Malerei ist offen für ungeheuer viele Variationen von Kontrolle, jeglicher Art von Variationen, die möglich sind: von den Möglichkeiten der menschlichen Produktion bis hin zu Variationen im Produkt.

Grundsätzlich sind alle traditionellen Bildbotschaften in der Malerei sehr nah am Menschen. Die alten Techniken sind empfänglich für die jeweilige Botschaft, viel mehr als maschinell entstandene Produkte, die automatisch eine Distanz herstellen – zu dir selbst und zum Betrachter. Du mußt dir über die Werkzeuge bewußt sein, mit denen du arbeitest, damit nicht zuviel Distanz zwischen das Werk und die Menschen tritt. Das Material ist so manipulierbar, und je näher man zu dem Werkzeug steht, je mehr man mit den Händen arbeitet, desto mehr ist Kontrolle möglich – nicht nur über das Produkt, sondern auch über die Wirkung, die Botschaft. In meinen Zeichnungen ist das Energiepotential zum Beispiel viel größer als in den bildern, denn für die Bilder benutze ich eine Verlängerung des Pinsels, und Zeichnungen sind viel näher…

SBV: Die Bilder erinnern an chinesische Kalligraphie…

BM: Ja. Die chinesische Kalligraphie ist purer Ausdruck – jedes Zeichen hat eine Bedeutung, die gelesen werden kann. In der westlichen Tradition gibt es nichts Vergleichbares. Diese Fusion zwischen Ausdruck und bildlicher Qualität fand ich sehr überraschend. Es sind wunderschöne Bilder. Die verschiedenen Kombinationen und Kompositionen erhalten durch kleinste Unterschiede neue Bedeutungen – grundsätzlich habe ich diese Buchstaben als Formen benutzt. Die Idee dieser Bilder ist ähnlich den chinesischen Poemen: sehr kurz, fünf Wörter nur, ein kleines Reich. Die Wörter können zusammen gelesen werden oder nur die beiden oberen Wörter, immer kommen verschiedene Bedeutungen heraus. Der Einfluß dieser Gedichte und der Zeichen besteht eben in dieser ungeheuren Komplexität eines Ganzen, in allerkürzester Form. Zwar kann ich Chinesisch nicht lesen, aber es sieht einfach phantastisch aus und heißt etwas.

SBV: Glauben Sie, daß eine Kommunikation zwischen Bild und Betracher möglich ist?

BM: Ja! Ich weiß allerdings nicht, wie speziell dies möglich ist. Ich würde es gerne spezieller machen. Wenn ich ein Bild betrachte und wirklich auf das Bild reagiere, auf einem hohen, verständnisvollen Niveau, sagt das Bild etwas wirklich Eigenständiges. Das ist einer der menschlichen Aspekte, es gibt diese Kommunikation. Beethovens Musik sagt auch etwas, ich kenne zwar die exakten Worte nicht, aber es ist etwas anderes als Mozart sagt. Ich bin empfänglich dafür, und das ist auch mit Bildern möglich.

Ich glaube, das Frustrierende daran, Künstler zu sein, liegt in dem Mangel an Kontrollmöglichkeit über diese Kommunikation. Wegen dieses Mangels gibt es so viele Mißverständnisse in der Kunst.

SBV: Sie sprachen vom „Glauben“ – was ist damit gemeint?

BM: Das Interessante ist ja, daß in der Kunst keine Regeln herrschen – wie Kunst auszusehen hat und so weiter. Die muß jeder selber setzen, das sind eben auch die eigenen Ebenen des Glaubens. Im Moment gibt es so viele Künstler, so viele Kunstwerke. Vieles davon ist einfach nur Ramsch, viele achten nur auf das Produkt, so viel ist einfach nur gemacht, ohne Gefühle, ohne Ideen oder Zusammenhang – keinerlei Glauben darein, was es ist und welche Botschaften es tragen kann. Das ist das, was ich mit positivem Glauben meine. Und diese Objekte sind wirklich erschreckend! Aber das zeigt sehr deutlich die Situation der Kunst, die ganze Langeweile und Beliebigkeit. Zum Beispiel sind die meisten Objekte ´über´ etwas – darüber, worüber sie sind. Das spricht sehr deutlich über die Marksituation: der Wunsch nach Kontrolle der Energien.

SBV: Wenn Sie von Kontrolle reden, meinen Sie damit auch eine Kontrolle über die verkauften Bilder, wo sie ausgestellt werden, in welche Hände sie geraten?

BM: Nein, das interessiert mich nicht so sehr. Es ist schwierig genug, die Bilder zu machen – sie aber dann noch weiter zu beobachten, die Wege zu kontrollieren? Sich den Rest des Lebens über alle fertiggestellten Bilder zu sorgen, kann absolut von der Arbeit abhalten. Außerdem glaube ich, daß die Kunst trotz der Machtspiele und Manipulationen der großen Ausstellungen ihren Wert behält – es sei denn, Kunst wird korrumpierbar.

SBV: Besteht denn die Gefahr der Korrumpierbarkeit nicht schon, seit die Kunst von Politik und Industrie vereinnahmt und eingesetzt wird? Aus Motiven, die mit den Kunstwerken und den damit verbundenen Ansprüchen meist nicht zu vereinbaren sind?

BM: Zunächst machen ja die Künstler weiter Werke, die ihre eigene Lebensfähigkeit besitzen – unabhängig von der gesellschaftlichen Vereinnahmung. Es mag die augenblickliche Situation sein, die Marktsituation. Zum Beispiel die Auktionen. Da wurde neulich ein Pollock angeboten. Einerseits sieht man da deutlich die Beherrschung durch Markt und Geld, aber das Bild – zwischen lauter schlechten Arbeiten – war so wunderschön, und es war ganz klar, daß es etwas komplett anderes ist.

Die interessantesten Ausstellungen im Moment sind sowieso die Auktionen. Und für mich war es ein so angenehmes Erlebnis, dieses Pollock-Bild zu sehen. Es sind zwar schlechte Rahmenbedingungen, aber allein die Tatsache, es zu sehen, reicht aus, um die Energien, die in diesem Bild enthalten sind, frei werden zu lassen. Zwar richtet sich die Aufmerksamkeit des Publikums meist auf die falschen Dinge – wie teuer was ist, aber ich glaube trotzdem, daß sich die Kunst letzlich gegen die Marktsituation durchsetzen wird – und nicht korrumpiert wird. Die Aufmerksamkeit des Auktionspublikums richtet sich ja nicht auf die Frage nach der Macht…

veröffentlicht in: Artis November 1989, 41. Jahrgang