Interview mit Florian Matzner, Kurator Emscherkunst

07. Jun. 2016 in Interview

Florian Matzner. Foto Thorsten Arendt, Emscherkunst

Florian Matzner. Foto Thorsten Arendt, Emscherkunst

Was ist die größte Herausforderung bei der Triennale Emscherkunst?
Florian Matzner: Es ist eine riesige Herausforderung für die Künstlerinnen und Künstler, sich gerade mit diesem nördlichen Ruhrgebiet auseinanderzusetzen. Das Ruhrgebiet ist in den letzten 30 Jahren ökonomisch, damit natürlich auch sozial und gesellschaftlich, in große Probleme geraten – also der Niedergang des Bergbaus, die Krise der Stahlindustrie. Das sind Probleme, mit denen die KünstlerInnen arbeiten. Denn Emscherkunst ist keine Ausstellung um ihrer selbst willen, sondern wir haben einen konkreten, gesellschaftspolitischen Anspruch – und das gilt auch für mich als Kurator. Emscherkunst ist vor allem für die Bevölkerung vor Ort, und nicht für irgendwelche internationalen Kunsttouristen. Der Erfolg von Emscherkunst hängt nicht von prominenten Namen ab, sondern davon, ob es bei der Bevölkerung hier ankommt.
SBV: Aber es sind ja durchaus prominente Namen in der Künstlerliste …

Silke Wagner, Glückauf. Bergarbeiterproteste im Ruhrgebiet, 2013. Foto Roman Mensing, Emscherkunst

Silke Wagner, Glückauf. Bergarbeiterproteste im Ruhrgebiet, 2013. Foto Roman Mensing, Emscherkunst

FM … natürlich! Wir haben ja auch super Projekte dabei! Es gibt hier alles, auch sehr kritische Beiträge. Wir stehen hier am Phoenix See, ein künstlicher See, der ab 2006 auf dem Gelände der ehemaligen Hermannhütte in Dortmund Hörde angelegt wurde. An der Erfolgsgeschichte dieses Areals mit den Luxusvillen und Bürogebäuden wird der überwiegende Teil der weniger wohlhabenden Bevölkerung nicht so partizipieren können wie man es sich hätte wünschen können. Es gibt keine durchmischte Bebauung. Erik van Lieshout merkt das natürlich. Er hat hier drei Monate gelebt und greift viele der vorhandenen Probleme auf.

ERik van Lieshout, Die Insel, 2016. Foto Emscherkunst

ERik van Lieshout, Die Insel, 2016. Foto Emscherkunst

SBV: Sein Film gibt vor, er habe die Zeit auf der Insel im Phoenix See gelebt – wurde das überhaupt erlaubt?
FM: Nein, und er hat auch sofort einen Katalog von Dingen bekommen, die verboten sind. Den hat er sich gut gemerkt und all das natürlich gemacht. Im See ist Schwimmen verboten …

Erik van Lieshout, Die Insel. Foto Emscherkunst

Erik van Lieshout, Die Insel. Foto Emscherkunst

SBV: … damit die Menschen keine Bakterien ins Wasser bringen, wurde mir erklärt. Das Wasser ist aber sauber, es leben sogar 100 Hechte darin, die für Ordnung sorgen sollen, also gedankenlos ausgesetzte Fische fressen …
FM: … ja, aber Erik ist trotzdem geschwommen.
SBV: Man sieht in dem Film, dass er auf der Insel auch Zäune eingerissen hat – erzeugte das keine Schwierigkeiten?
FM: Irgendwann musste ich tatsächlich darauf hinweisen, dass es ein Kunstprojekt ist und die Kunst frei ist in Deutschland. Immer noch, auch nach Börnemann. Wenn ein Künstler schwimmen geht, ist das eine Performance. Aber der Film ist ja auch eine Liebeserklärung an das Individuum, an eine anarchistische Lebenseinstellung. Das ist an dem See hier auch wichtig zu zeigen.

Emscherkunst 2016

Emscherkunst 2016

SBV: Ist das Interesse der Anwohner denn vorhanden?
FM Die Emscherkunst findet ja jetzt das dritte Mal statt und wir konnten 2010 und 2013 sehen, wie groß das Interesse ist. Die Menschen im Ruhrgebiet sind sehr offen und leben viel draußen, haben fast was Südländisches. Oft sind ja auch die Wohnbedingungen nicht so optimal und Urlaube im Ausland nicht möglich. Wir sehen es auch bei den Kunstgesprächen, die wir wöchentlich veranstalten, dass die Menschen hier absolut offen sind für die Kunst. Die lassen die Sportschau sausen, um mit den Künstlern zu sprechen.
SBV: Gibt es Probleme mit Vandalismus?
FM: Erstaunlich wenig. Wir haben ja die Artscouts, die die Kunst vermitteln, meist Studenten, dazu eine sehr gute Pressearbeit – dadurch hat Emscherkunst eine sehr hohe Bekanntheit und Prominenz.
SBV: Das klingt alles grossartig – ist Emscherkunst in dieser Form überregional bekannt und vielleicht sogar vorbildhaft?

Florian Matzner und Lucy Orta vor der Skulptur „Totem mit Elster“, Teil der „Spirits of the Emscher Valley“ von Lucy + Jorge Orta, 2016

Florian Matzner und Lucy Orta vor der Skulptur „Totem mit Elster“, Teil der „Spirits of the Emscher Valley“ von Lucy + Jorge Orta, 2016

FM: Wir haben Anfragen aus Rotterdam, aus London – aus großen Metropolregionen. Aber Emscherkunst ist nicht so leicht übertragbar auf andere Orte. Es hat sich aus der Atmosphäre der Region entwickelt, und auch aus den spezifischen Problemen. Die Emscherkunst ist wie die Emscher-Renaturierung, die ja der ursprüngliche Anlass war, eine Metapher oder sogar ein Symbol für den Strukturwandel im Ruhrgebiet. Hier werden Perspektiven für die Zukunft entwickelt, und daran sind können Künstler beteiligt werden, Stadtplaner, Architekten – es muss nicht alles der Immobilienspekulation und dem Turbokapitalismus überlassen werden.
SBV: Emscherkunst ist bis 2020 geplant – ist dies die vorletzte Ausgabe?
FM: Ja, theoretisch folgt noch eine Edition. Aber ich kann mir vorstellen, dass es ein längerfristiges Kunstformat geben wird, die wie eine Zukunftswerkstatt die Weiterentwicklung des Ruhrgebietes begleitet.
SBV: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Florian Matzner mit Massimo Bartolini und Lucy Ort vor Mark Dions "Gesellschaft der Amateur-Ornithologen" am Hochwasserrückhaltebecken in Dortmund (Foto Thorsten Arendt)

Florian Matzner mit Massimo Bartolini und Lucy Ort vor Mark Dions „Gesellschaft der Amateur-Ornithologen“ am Hochwasserrückhaltebecken in Dortmund (Foto Thorsten Arendt)

 

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