Klimawandelkunst in Wien

20. Aug. 2019 in Ausstellungen

Claudia Märzendorfer, A Blazing World, 2019. Courtesy Kunst Haus. Bildrecht Wien

Claudia Märzendorfer, A Blazing World, 2019. Courtesy Kunst Haus. Bildrecht Wien

Katastrophen rundherum. Rekordhitze, Waldbrände, Gletscherschmelze – die Folgen des Klimawandels beherrschen die Medien. Und zunehmend auch die Kunst. Während Wissenschaftler uns nüchterne Zahlen und Fakten liefern, steuern Künstler die Bilder dazu. Es gibt schon einen eigenen Begriff dafür: Klimawandelkunst. In Helsinki wird bereits der Lehrgang „Ökologie und zeitgenössische Kunst“ angeboten. Und die Vereinten Nationen haben auf Instagram den hashtag „Art4Climate“ eingerichtet. Da landen zwar auch Blumenfotos, Produktplatzierungen und Hobbymalerei. Aber vor allem finden sich professionelle Dokumentarfotografien – ein Medium, das in der Klimawandelkunst deutlich dominiert. Auch die Kunstinstitutionen räumen dem Thema immer mehr Raum ein. In Wien zeigte der kanadischen Fotograf Edward Burtynsky vor zwei Jahren im Kunst Haus Wien seine großformatigen, bezaubernd schönen Bilder von Orten, deren Gleichgewicht durch menschliche Eingriffe zerstört wurde: ausgetrocknete Flussmündungen, durch Nickelabbau rot gefärbte Flüsse, ölgetränkter Sand. Burtynskys Ausstellung ist Teil des Ökologie-Schwerpunkts im Kunst Haus Wien (KHW).

Oliver Ressler, Everythings Coming Together, Courtesy Kunst Haus Wien. Bildrecht Wien

Oliver Ressler, Everythings Coming Together, Courtesy Kunst Haus Wien. Bildrecht Wien

Mit dieser programmatischen Ausrichtung knüpft Direktorin Bettina Leid seit ihrem Amtsantritt 2014 an die Utopien von Friedensreich Hundertwasser an, der die ehemalige Thonet-Fabrik Ende der 1980 umgestaltete und schon damals eine Dachbegrünung und andere ökologische Maßnahmen initiierte. „Künstler können auf Fehlentwicklungen aufmerksam machen und den Diskurs anstoßen“, betont Leidl. Hat sich die künstlerische Sprache zu dem Thema in den vergangenen Jahren verändert? „Vor fünf Jahren war es noch exotisch, jetzt hat es sich vervielfacht. Allein auf der Biennale Venedig dieses Jahr sieht man, wie vielseitig sich Künstler damit beschäftigen.“ Im Frühjahr zeigten in ihrem Haus Lena Dobrowolska und Teo Ormond-Skeaping in Videos und Fotografien die Folgen der globalen Klimaerhitzung. Nicht die Verletzlichkeit, sondern die Widerstands- und Anpassungsfähigkeit der Welt stand dabei im Mittelpunkt. In der aktuellen Ausstellung im KHW thematisiert die österreichische Bildhauerin Claudia Märzendorfer die Verschmutzung der Weltmeere: Auf einer schwarzen Fläche strahlen blütenweiße Gipsabgüsse von Plastikflaschen, die wie Eisschollen angeordnet sind. Weitere Objekte sind wie wertvolle Artefakte in einer Vitrine platziert, dazu Hendrik Goltzius´ Stich eines gestrandeten Wals von 1598. Es ist eine Erinnerung an jene im April in Sardinien gestrandete, schwangere Walkuh, die an den Plastikbergen im Bauch starb. War es im 16. Jahrhundert die schiere Dimension des Tieres, die erstaunte, so ist es heute das menschenverursachte Leid, das berührt.
Anders als die nüchterne Wissenschaft kann die Kunst mit so eindrücklichen Bildern die Menschen emotional bewegen – und im besten Fall darüber den Wunsch auslösen, etwas verändern zu wollen. Darum kooperieren auch immer häufiger Wissenschaftler mit Künstlern. Das Climate Change Center Austria (CCCA) schrieb 2015 den Wettbewerb KlimARS für Kunst, Musik und Darstellende Künste aus. Die Preisträger punkteten mit einem Abwärme-Gewächshaus in Kombination mit lokalen Kühlanlagen, einer Klanginstallation von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ und einer Vertonung von Klimadaten. Seit 2015 lädt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) KünstlerInnen als Stipendiaten ein, letztes Jahr zeigte Chris Jordan dort seinen Dokumentationsfilm über tausende Laysan-Albatrosse im Nordpazifik, die am Plastik in ihrem Körper verstarben.

Oliver Ressler, Everythings Coming Together, Courtesy Kunst Haus Wien

Oliver Ressler, Everythings Coming Together, Courtesy Kunst Haus Wien

Ein Problem der dokumentarischen Klimawandelkunst ist allerdings die Tatsache, dass die Fakten und Zusammenhänge weitaus komplexer sind als es ein Werk jemals zeigen kann – und die Wirklichkeit derart drastisch ist, dass dem kaum etwas hinzuzufügen ist. Darin sieht die US-Medienwissenschaftlerin Joann Nurmis auch eine Gefahr. Von einer „Bildsprache der apokalyptischen Erhabenheit“ spricht sie. Viele dieser Werke „haben einen elegischen Charakter“, würden Schwermut und Melancholie angesichts der Tragödien auslösen und zu einer tiefen Hoffnungslosigkeit führen. Damit lösen sie genau das Gegenteil dessen aus, was erreicht werden soll. Denn solche Klimawandelkunst motiviere zu nichts.  Als Ausweg aus dieser Sackgasse entscheiden sich einige Künstler für einen künstlerischen Klimawandel-Aktivismus wie Oliver Ressler, der im KHW seine Filme über die Kämpfe gegen den Einsatz und Abbau von fossilen Brennstoff zeigte. Oder sie kooperieren langjährig mit Wissenschaftlern zusammen wie Katrin Hornek. Im Rahmen der 3. Vienna Biennale zeigt sie gerade in der Kunsthalle Wien „Casting Haze“, eine aus Ton geformte Landschaft, zu der ein Promotions-Video für einen fiktiven Decarbonization-Wettbewerb läuft: Aufgabe ist es, Kohlendioxid in einen stabilen, speicherbaren Zustand zu bringen – ein reales Forschungsthema, für das Hornek CO2 in einer Skulptur mineralisieren möchte. Auf dem Vorhang rundum sieht man Nummuliten, also jene Organismen, die Kohlenstoff binden und in Mineralien einlagern.

Claudia Märzendorfer, A Blazing World, 2019. Courtesy Kunst Haus Wien

Claudia Märzendorfer, A Blazing World, 2019. Courtesy Kunst Haus Wien

Und manche Künstler entscheiden sich für eine ästhetische Überhöhung, fügen den betrüblichen Tatsachen eine verführerische Schönheit hinzu, etwa wenn Märzendorfer die abgegossenen Plastikobjekte wie edle Keramiken erscheinen lässt. In einem Essay für den Berliner Tagesspiegel schrieb Olafur Eliasson zusammen mit dem Geologen Minik Rosing, dass Handeln keine Fakten benötige, sondern emotionale Erlebnisse, „Wissen kann uns sagen, wie wir unseren Zielen näherkommen – die Ziele selbst und der Impuls zu handeln jedoch wurzeln in unseren Gefühlen.

in kürzerer Form veröffentlicht in: Prese, 10. August 2019