Krise der Kunst

12. Sep. 2007 in Biennalen

Mona Hatoum, Hot Spot, 8. Sharjah Biennale 2006

Mona Hatoum, Hot Spot, 8. Sharjah Biennale 2006

Kein Name, kein Stil, keine Kennzeichen – unser Jahrzehnt ist blass. Bisher ging es im Zehnerrhythmus durch die Moderne, Tendenzen wechselten rasch und zuverlässig, neue Dogmen versprachen permanente Veränderungen. Seit sieben Jahren sehen wir jetzt in der Kunst dem Ende der Innovationen zu, geballt zu erleben im letzten Jahr: harmlos, fad, belanglos ist das Resümee der meisten Großausstellungen. Der Einfallslosigkeit viel zu vieler Künstler steht die Hilflosigkeit der Kuratoren gegenüber, die nicht einmal zu einem Überblick über den aktuellen Stand der Kunst fähig sind. Stattdessen graben sie möglichst viele vergessene Künstlerinnen aus oder spinnen sich vorausplanend in globale Netzwerke ein – die künstlerischen Positionen werden dabei austauschbar. Im Italienischen Pavillon auf der Biennale Venedig häufte der Kurator große Namen an in der fehlgeschlagenen Hoffnung, mit irgendetwas schon einen Treffer zu landen, und in Münster trafen zu den Skulptur Projekten 7 ganz ungeniert kritische und kitschige Werke aufeinander.
Aber die Krise wird nicht nur in den Enttäuschungen unübersehbar. Auch die erfreulichen Werke sprechen von einer ähnlichen Erfahrung. So basieren die beiden faszinierenden Beiträge in Münster – Thomas Schüttes großartiges „Modell für ein Museum“ und Bruce Naumans in den Boden versenkte, Kopf stehende Pyramide – auf älteren Werken bzw. Entwürfen. Und in Venedig überzeugten fast ausschließlich die exotischen Neuzugänge und Außenseiter wie die Länderbeiträge von Aserbaidschan und Libanon. Haben wir es vielleicht mit einer Ermüdung in der westlichen Kunst zu tun? Sind die neuen Tendenzen also in anderen Kulturen und nicht-westlichen Zentren zu finden?
Kuratorenkunst
Eine der beeindruckendsten Ausstellungen des letzten Jahres fand in Portugal, im Muse Seralves in der Hafenstadt Porto statt. In seinen Skulpturen untersucht Harald Klingelhöller die Beziehungen von Kunst und Sprache. Einmal hängen Worte an ausgeklügelten Konstruktionen in der Luft, dann schmelzen die Buchstaben zu unleserlichen Spiralen ineinander, scheinen in Schubladen zu harren, zu verschwinden, zu rotieren. Klingelhöllers Skulpturen basieren zwar auf Worten und Sätzen, spielen aber mit dem Informationsgehalt von Sprache und durchbrechen ihre Dominanz.
Mit solchen präzise kuratierten Einzelausstellungen können Biennalen und Großereignisse zwar kaum konkurrieren. Aber es erlaubt einen tieferen Blick in die Art und Weise, wie die Sprache in die Kunst kommt. Denn anders als Klingelhöllers Ausloten der möglichen und unmöglichen Beziehungen zwischen den linearen und dem simultanen Äußerungsmöglichkeiten wird die Sprache in den Kuratorenprojekten nahezu unreflektirt in den Dienst der eigenen Sache genommen.
Aber auch auf der letztjährigen 2.Moskau Biennale, der 8.Sharjah Biennale und der 10.Istanbul Biennale zeichnete sich kein Paradigmenwechsel ab. Es dominierten banale Bestandsaufnahmen vom Istzustand unserer Welt, mittelmäßige Videodokumentationen aus der Nachbarschaft und aufgebauschte Recherchen, deren Wahrheitsgehalt in einer Ausstellung niemals zu überprüfen ist. Es sind einerseits die Ausstellungsthemen, die solche Hausaufgabenkunst nahelegen, in Moskau „Footnotes on Geopolitics, Markets and Amnesia“, in Sharjah „Kunst, Ökologie und die Politik der Veränderungen“ und in Istanbul „The age of global war“ – die Welt als Problemfall, die Kunst als Pfadfinder in einer allgegenwärtigen Krisenhaftigkeit? Ist es da nicht naheliegend, dass die Kunst bei solcher Überforderung auch gleich in die Krise rutscht? Wieso überhaupt wird von der Kunst erwartet, auf tagespolitische und multidisziplinären Themen reagieren zu können und wollen? Wird hier ein Heilsversprechen der Aufklärung eingefordert oder ist es die geballte Ratlosigkeit einer Kunst, der die Inhalte abhanden gekommen sind und die deswegen gleich die gesamte Wirklichkeit in die Waagschale wirft?
Andererseits spiegelt die Krise der Kunst den Status Quo der Gesellschaft wieder, in der der Glaube an Verbesserungen in der Zukunft und damit das Vertrauen in den Fortschritt abhanden gekommen ist. Wodurch die Notwendigkeit und auch Möglichkeit von Innovationen erschwert, wenn nicht unmöglich geworden ist. Unsere Zukunft scheint eine Bewahrung des Jetztzustandes zu verlangen, ein Erinnern an Verlorenes als Ermahnung für Kommendes. Solche Tendenzen spiegeln sich auch in machen der überzeugendsten Werken der Sharjah Biennale: Michael Rakowitz präsentiert einen Tisch voller kleiner Objekte aus Pappe, Nachbauten von und Annäherungen an insgesamt über 7000 im Irakkrieg verloren gegangener Kunstschätzen aus dem Irakischen Nationalmuseum. Und Maha Mustafa übersetzt die Stimmung der Zeit in ihrer großen, gefrorenen Fläche, „Landscape Minus 37“, wo jede unserer Berührungen Spuren hinterlässt.

Cornelia Parker, 8. Sharjah Biennale

Cornelia Parker, 8. Sharjah Biennale

Natürlich ist das künstlerische Welt-Problembewußtsein an sich weder abzulehnen noch ein Grund für mangelnde Qualität. Aber es birgt fatale Gefahren, etwa Missverständnisse zwischen Sprache und Ästhetik wie Cornelia Parkers Mobile aus verbrannten Ästen in Sharjah. Die Verbindung zum Thema ´Ökologie´ lässt sich durchaus finden, allerdings ist dieses Arrangement von Verbranntem wunderschön – ist das die Erkenntnis, die wir mitnehmen sollen?
Vor mehr als fünfzig Jahren wandte sich Picasso vehement gegen die Funktion von Kunst als harmlose Dekoration: “Nein, die Malerei ist nicht erfunden, um Wohnungen auszuschmücken! Sie ist eine Waffe zum Angriff und zur Verteidigung gegen den Feind,“ schrieb er 1954. Mit ´Feind´ spricht Picasso einen konkreten politischen Gegner an. Heute sind die Feindbilder wohl abhanden gekommen, stattdessen steht ein Welterklärungswille im Raum. An Kriegen und Katastrophen zerbrochen ist der aufklärerische Glaube an die Vernunft, problematisch ist die Forderung, in nicht-westlichen Kulturen die alten Traditionen zu überwinden, triumphierend breitet sich die Kommodifizierung von Gedanken und Wissen aus. Und das holt ganz besonders die Kunst ein, wenn Kunstausstellungen eine Öffentlichkeit herstellen, die vor allem eins ist: ein Tor zum Markt.

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