Kunst & Erlebnis

22. Nov. 2003 in Ausstellungen

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Modellhafte Inszenierungen: Kunst als Erlebnis

NZZ

Jahrzehntelang stand der Gebrauchswert von Produkten im Mittelpunkt des Konsums. Heute aber ist an seine Stelle der «Erlebniswert» getreten. Das hat Konsequenzen – auch für die Kunst, die mitunter spektakuläre Erlebnisse provozieren will.

I.

Ersatzstimmbänder und Architekturmodelle, Fleisch und Sexartikel – in der Disco Food & Magic Meat-Abteilung, im Organ- bis zum Orient-Shop reihen sich die Waren auf Regalen und Wandhaken aneinander. Drei Wochen lang verkaufte die Schweizer Künstlerinnengruppe „Mickry3“ im April dieses Jahres ihre Produkte im Wiener Museum für Angewandte Kunst. Im 344 Seiten dicken „Bestellkatalog“ abgebildet, im Shop wie Massenartikel in Cellophan verpackt, sind die Objekte aber tatsächlich handgemacht. Die Wirklichkeit ist warenförmig nachgebildet, der allerdings eine andere Funktion zukommt – es sind Kunstobjekte.

Ein sechseckiger Brunnen steht vor der Schirn Kunsthalle in Frankfurt. Tritt man nahe genug heran, versiegen die kräftigen Wasserwänden und geben den Weg in die Mitte des Brunnen frei. Einmal eingetreten, verschließt das Wasser den Weg zurück, bis eine mutige Annäherung wieder zum Versiegen führt. Dieser Brunnen des dänischen Künstlers Jeppe Hein Brunnen stellt den Auftakt zur aktuellen Ausstellung, die unter dem programmatischen Titel „Auf eigene Gefahr“ noch bis Anfang September läuft. Thema ist das kalkulierte Risiko, das Kunstwerk als Sprung ins Ungewisse. Christoph Büchel montiert mehrere Räume zu einer verschachtelten und chaotischen Welt, in der die Außengrenzen verloren gehen und die österreichische Künstlergruppe Gelatin fordert die Besucher zu einer illegalen, waghalsigen Kletteraktion über einen steilen Abgrund auf. „Auf eigene Gefahr“ präsentiert Installationen, die nichts weniger zeigen als eine epochale Veränderung: Kunst als physisches Erlebnis.

II.

Kunstwerke als frecher Flirt mit der Konsumwelt, Kunstausstellungen als Erlebniswelt – ist Adornos Alptraum wirklich geworden? Ist die letzte Grenze zur ´Kulturindustrie´ gefallen und alles zum Schein geworden? Adorno und Horkheimers Kritik, geschrieben 1947 in der „Dialektik der Aufklärung“, zielte auf ein falsches Glücksversprechen. Durch serielles Produzieren künstlicher Tagträume entführe die Kulturindustrie in Scheinwelten, die Ersatzbefriedigungen bieten. Knapp 20 Jahre später formulierte Guy Debord in seiner „Die Gesellschaft des Spektakels“: „Das Spektakel ist nicht ein Ganzes von Bildern, sondern ein durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen“. Vereinfacht zusammengefaßt, wendet sich Debord gegen Vereinzelung und Entfremdung als Ausdruck von Macht und Herrschaft der kapitalistischen Gesellschaft. Ist Kunst mit Erlebnisangebot eine neue Form der Weltanschauung, die das Leben in Fremdbestimmung und Freizeit unterteilt? Oder ein trojanisches Pferd, dass wieder Unmittelbarkeit und Authentizität bietet, das vielleicht sogar subversiv agiert?

III.

´Erleben´ bedeutet zunächst einmal ´durch etwas betroffen oder beeindruckt zu werden´. Im Sprachgebrauch wird Erlebnis und Ereignis oft wechselweise benutzt. Vom Althochdeutschen ´irougen´, ´vor Augen stellen, zeigen´, abgeleitet, findet ein ´Ereignis´ dann statt, wenn sich etwas verändert. Anders als Ereignisse, die sich in Dingen oder Situationen manifestieren, kann das Erlebnis nur im Subjekt stattfinden. Es ist ein Jetztmoment, unmittelbar und durch seinen Inhalt bestimmt. Nun kann man sagen, dass doch jede Form von Kunst und Kultur, das ganze Leben als Erlebnis wahrgenommen werden. Genau diesen Umstand griff der Soziologe Gerhard Schulz auf und konstatiert eine „Erlebnisgesellschaft“ (1992). „Das Leben schlechthin ist zum Erlebnisprojekt geworden“ schreibt er in seiner Einleitung und weist den Erlebnissen eine große Bedeutung zu für den Aufbau der Sozialwelt. 

´Erlebnisorientierung´ lautet das Stichwort. Während jahrzehntelang der Gebrauchswert von Produkten im Mittelpunkt des Konsums stand, nimmt diesen Platz mehr und mehr ein ´Erlebniswert´ ein. Das läßt sich unmittelbar in der Werbung ablesen. Statt Haltbarkeit, technische Perfektion oder Zweckmäßigkeit zu betonen, locken uns die Angebote mit schönem Ambiete, aufregenden Situationen und außergewöhnlichem Lebensstil: Geländewagen für die Großstadt. Geländegängigkeit wird zum reinen ästhetischen Tribut, daß ein Versprechen enthält: das Erlebnis einer – wenn auch nur potentiellen – Abenteuerfahrt. „Erlebnisorientierung ist die unmittelbarste Form der Suche nach Glück. Als Handlungstypus entgegengesetzt ist das Handlungsmuster der aufgeschobenen Befriedigung, kennzeichnend etwa für das Sparen, für ein arbeitsreiches Leben“ schreibt Gerhard Schulz. „Erlebnisse sind psychophysische Konstruktionen, die sich nicht durch Gegenstände substituieren oder an Dienstleistungsunternehmen delegieren lassen.“

Erlebnisse sind ´innere Ereignisse´, die in Eigenverantwortung liegen – und damit beginnen die Probleme. Denn die Erlebnisabsicht, der Erlebniswunsch, läßt sich kaum konkretisieren, wodurch das Enttäuschungsrisiko (zu langweilig) steigt.

Die Erlebnisorientierung reicht vom ´Konsumrausch´ und Vermarktung von Produkten bis zum individuellen Lebensentwurf. Extremsport ist nur eine der Auswirkungen, die sich aber bis hin in die Landschaftsgestaltung und Architektur ziehen. Der durchgängige Imperativ lautet: „Erlebe Dein Leben!“ Doch Erlebnisse lassen sich nicht bereits durch Situationswahl programmieren und vor allem nicht anhand von Dingen kaufen. So ist das Projekt eines erlebnisreichen Lebens etwas sehr kompliziertes und beinhaltet die Notwendigkeit zu wissen, was einem gefällt.

IV.

An diesem Punkt der Bestimmung von ´schön´ setzen traditionell die bildenden Künste ein – auch wenn ´schön/häßlich´ in ´interessant/langweilig´ übersetzt wurde. Was also bietet die Kunst als ´schön/interessant´ an?

Der britische Künstler Chris Ofili inszeniert auf der diesjährigen 50.Biennale Venedig ein Afro-Paradies: An der Decke des britischen Pavillons ist ein gewaltiges Kaleidoskop aus 176 farbigen Glasscheiben installiert. Die Räume sind in die Farben rot schwarz grün getaucht und an den Wänden hängen fünf Bilder, die wie aus Perlen gestickt scheinen. Draussen flattert der ´Union Jack´ in rot-schwarz-grün. Die Farben der panafrikanischen Flagge legen sich symbolisch über das kleine Stück britischen Landbesitzes in Venedigs Guardini. Ofilis „within reach“ läßt Wünsche nach Freiheit und Einigkeit auf Liebe und Romantik treffen.

Olafur Eliasson verwandelt den dänischen Pavillon in ein kaleidoskopisches Spiel zwischen Innen und Außen, zwischen Mikro- und Makrokosmos. Im Außenteil wandelt man auf Rampen, Treppen und Plattformen um den Pavillon herum. Innen gelangt man in ein semi-transparentes Kaleidoskop aus buntem Glas, in einen grell-gelben Raum oder kann sich durch kristallin geschachtelte Guckrohe gegenseitig anschauen. Ein Loch in der Decke holt als Camera Obscura die Baumwipfel auf einen Tisch, eine trapezförmige Öffnung in der Wand rahmt den Blick auf die Büsche vor dem Pavillon. Formen und Strukturen der Natur wachsen zu Räumen an, in denen sich die Proportionen zwischen Beobachtung und Beobachtetem verkehren, in denen die Konditionen von Wahrnehmung thematisiert sind

Teils voller Begeisterung, teils hart kritisiert, scheiden sich an diesen beiden Pavillons die Urteile der Fachwelt. Jörg Heiser bringt die Kritik an Chris Ofilis Beitrag in der Süddeutschen Zeitung auf den Punkt: „Doch der wirkliche Eingriff bleibt aus: Die Farbräume lassen den britischen Tempel völlig intakt, die Nation erscheint im Kostüm.“ (14.6.2003) Ofilis Beitrag ist eine wunderschöne Traumwelt mit politischem Inhalt, aber es ist keine „Intervention“. Dieser militärischen Begriff benennt eine politisch engagierte Kunst, die sich in gesellschaftliche Prozesse einmischt: kritisch, subversiv oder als Schnittstelle. Im Gegensatz zu den sozialen Utopien der 70er Jahre wird die Interventions-Kunst nicht als Auslöser oder Anreger sozialer Prozesse verstanden. Das hieße auf der Kommunikationsebene ein Herstellen der Verständigung. Stattdessen steht die Arbeit an anschlussfähigen Bedingungen für Kommunikation im Mittelpunkt – und das erfordert direkte Eingriffe in bestehende Erfahrungs- und Arbeitsräume. ´Anschlussfähig´ ist hier nicht im sozialtheoretischen Sinne nach Habermas zu verstehen, also nicht als Integrationsbildung, sondern als Partizipationsangebot.

Ofilis und auch Eliassons Beitrag bieten durchaus Partizipation an, als potentielle Erlebnisse. Aber dieses Angebot ist nicht missionarisch inszeniert, sondern ästhetisch und eben potentiell. Hier soll und kann nicht überzeugt werden. Eliassons Pavillon vereint außerordentliche Atmosphäre und Faszination mit offensichtlicher Konstruiertheit – hier sind unmittelbare Erfahrung und Authentizität in Frage gestellt. Ähnliches gilt auch für die Ausstellung „Auf eigene Gefahr“, die Erlebnishaftigkeit und kritische Haltung verbinden. So zeigt Camilla Dahl in Frankfurt eine „Champagner Bar“, an der das teure Getränk in entlarvender Haltung aus Saugern genuckelt werden muß. Im Supermarkt von „Mikry3“ dagegen wird auf der ´Suche nach Glück´ kurzerhand Konsum und Kunst ineins gesetzt.

V.

Aber gilt nicht trotzdem noch Adorno/Horkheimers Kritik am falschen Glücksversprechen? Zunächst einmal hat sich die grundlegende Situation jener Kritik maßgeblich verändert. Heutige KünstlerInnen und KulturkritikerInnen werden unter den Bedingungen von Massenkultur und Medien sozialisiert. Kultur entsteht in einer sowohl biographischen als auch ökonomischen Distanzlosigkeit zur ´Kulturindustrie´. Zudem arbeitet die gegenseitige Bezugnahme und Beeinflussung von Populärkultur und bildender Kunst erfolgreich an der Entpolarisierung zwischen Hoch- und Trivialkultur. Erlebniskunst kann in dieser Hinsicht als ein weiterer Schritt gelten, die Grenze zu entschärfen. Ob Debords Kritik zutrifft, ist weit schwieriger festzustellen, da Ausgangslage und Definition von „Spektakel“ weiterhin gültig ist. Verändert hat sich allerdings der Anspruch. Denn die Erlebnis-Kunst, die durchaus politische Themen aufgreift und kritische Inhalte enthält, hat sich von Ideologien verabschiedet. Weder soll die Gesellschaft verändert werden noch in außerkünstlerische Wirklichkeiten eingegriffen werden. Wirklichkeit wird stattdessen modellhaft inszeniert. Wer will, kann sich an diesen Modellen beteiligen und sie als Erlebnisse verinnerlichen. Denn eines ist entscheidend: Erlebnisse sind – anders als Ideologien – nicht bezweifelbar.

Veröffentlicht in: NZZ, 22.11.2003

http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/article92VJL-1.333837

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