Kunst im Campo Bahia

04. Jul. 2014 in News, Reisen

WM-Bar von Claus Föttinger u. Andreas Gursky, Campo Bahia, Brasilien 2014

Fußball – für viele Künstler ist das ein wichtiges Thema, Ausstellungen zum runden Leder zeigen es immer wieder. Aber interessieren sich auch Fußballer für Kunst? In einem außergewöhnlichen Projekt in Brasilien wird das jetzt ausprobiert.

Claus Föttinger, Barlampe

Die deutsche Nationalelf ist in einem eigens für ihren Aufenthalt gebauten Ressort in der Region Santo André, knapp 600 km von Salvador entfernt, untergebracht. Die FIFA war zwar nicht begeistert ob dieser Eigeninitiative, aber trotzdem wurde in nicht einmal sechs Monaten das Campo Bahia errichtet. Finanziert von den Investoren Christiane und Christian Hirmer, soll das 15.000 qm große Ressort mit 14 Häusern später als Hotelanlage genutzt werden. Wohl im Hinblick darauf, aber auch zur Aufmunterung der Fußballer initiierte der berühmte Düsseldorfer Kunstberater Helge Achenbach dort eine Sport-Kunst-Begegnung: Sieben brasilianische und sieben deutsche Künstler, darunter einige noch Studenten in der Klasse Gursky, schaffen vor Ort Werke für die Häuser und den Außenraum.

Alexander Ernst Voigt

In Joachim Löws Villa hängen Diango Hernández´ auf Textil gemalte Cocktail-Rezepte, im Zimmer für die Presse die Karikaturen des Brasilianers Loredano, in anderen Häusern die Collagen von Isabella Fürnkäs und Martin Denkers Foto-Portraits der hier lebenden Pataxo-Indianer – die die deutschen Gäste freudig begrüßten und sich gleich wünschten, dass die früheren Kolonialherren Spanien und Portugal besiegt werden mögen.

Martin Denker, Pataxo

 

Juan Gopar, Campo Bahia

Noch ist das Projekt nahezu geheim, denn kein Journalist wird in den Wohnbereich der Mannschaft eingelassen. Lediglich am Pool treffen die Gäste aufeinander. Dort steht auch das Herzstück des Kunstprojekts: die interaktive WM-Bar von Claus Föttinger und Andreas Gursky. Auf sechs Monitoren sind historische Fotografien der Weltmeisterschaft und aktuelle Facebook-Fotos der deutschen Mannschaft vermischt. Täglich kommen neue Bilder hinzu und bilden die Geschichte der WM ab. Darüber beleuchten Föttingers Barlampen den Tresen – die dem deutschen Trainer so gut gefielen, dass er gleich zwei für sich kaufen möchte. Bis zum Erreichen des Viertelfinales ist die deutsche Mannschaft noch komplett abgeschottet, „die Bar stellt für die Spieler die Verbindung mit der Außenwelt dar,“ erklärt Föttinger. Eigentlich gehört noch ein riesiges Bodenbild von Andreas Gursky dazu, die Fotografie „Amsterdam, Arena“ (2003) auf Vinyl, die den Rollrasen des holländischen Stadions zeigt. Aber das Werk hängt zusammen mit den ebenfalls geplanten Leuchttischen von Föttinger noch immer im Zolllager fest. 70% Einfuhrzoll verlangt Brasilien, weshalb auch die meisten Werke vor Ort entstanden.

Nach dem Viertelfinale plant Föttinger einen Vortrag über Kunst für die Fußballer. Daran wird der Initiator Helge Achenbach, der von sich behauptet, die Kunstberatung erfunden zu haben, sicher nicht teilnehmen können – er wurde vor drei Wochen gleich nach seiner Rückkehr aus Bahia in Untersuchungshaft genommen. Es besteht Verdacht auf Rechnungsfälschung und Betrug an Kunden, die Witwe von Aldi-Erben Berthold Albrecht spricht von 18 Millionen Euro Schadenssumme, Dollarsummen seien in Euro umgeändert worden. Dem Projekt, die deutschen Fußballer für Kunst zu begeistern, wird das hoffentlich nicht schaden.

veröffentlicht in: Die Presse, 3.7.2014

Nachtrag: 22 Mio. Euro waren als Sonderetat für die deutsche Mannschaft aufgestellt worden. Die größten Kosten fielen für die Miete im Campo Bahia, die Flüge zu den Spielorten und die Hotelzimmer dort an. Für den Titelgewinn des Weltmeisters erhielt die deutsche Mannschaft 25,7 Mo Euro (der 2. Platz brachte 18,3 Mio Euro). Der margere Gewinn muss allerdings mit der Liga geteilt werden. 300.000 Euro erhielt jeder der 23 Spieler, also auch jene auf der Reservebank. Plus 2 Mio für Trainer und Assistenten.

Die Fifa dagegen verbuchte Gesamteinnahmen von 3,3 Milliarden Euro und zahlte davon 425 Mio. Euro an WM-Prämien aus. Das Gastgeberland Brasilien, das 8,1 Milliarden Euro in die Infrastruktur hatte investieren müssen, erhielt schlappe 74 Mio. von der Fifa. „Die Vereine bekommen für Spielerabstellungen seit 2012 insgesamt 125 Millionen Euro. 148 Millionen Euro werden an die 209 Mitgliedsverbände ausgeschüttet.“ (Lars Wallrodt, Die Welt, 27.7.2014)

Der Gewinn für die Fifa: 1,6 Milliarden. Steuerfrei. Für eine non-profit-Organisation.

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