Kunst in den 1990er Jahren

16. Okt. 2015 in Ausstellungen

Austellungsansicht MUMOK

Austellungsansicht MUMOK

Innerhalb eines Tages stürzte der Dow Jones 1987 über 20 Prozent ab. Die Kurse erholten sich bald wieder, dann verlor der Deutsche Aktienindex 1991 abrupt nahezu 10 Prozent an einem Tag. Diese Ereignisse hinterließen zwar in der Wirtschaft kaum Spuren. Im westlichen Kunstmarkt dagegen waren die Folgen prägnant.

MUMOK 2015

Die Umsätze der Galerien brachen massiv ein, die Kauf- und Investitionslust stagnierte – und damit begann in der Kunst Ende der 1980er Jahre ein kurzes Jahrzehnt ungeahnter Offenheit. Befreit vom Verkaufsdruck, starteten vor allem in Deutschland, Österreich und den USA von Künstlern selbstorganisierte Initiativen. 1989 organisierte Martha Rosler in der DIA Art Foundation in New York die bahnbrechende Ausstellung „If you lived here…“, in der über 50 Künstler, Aktivisten bis Obdachlose Lebenssituationen von Utopie bis Armut thematisierten. Ob in Frankfurt, Hamburg oder Düsseldorf, in jeder größeren Stadt wurden bald neue Formen von Kunst als kommunikativer Praxis ausprobiert, die von Clubs bis zum gemeinsam gebauten Projekt „Makroville“ (Düsseldorf) reichte, eine Stadt in Modellgröße auf einem 10 x 10 Meter großen Tisch. Oder wie Felix Gonzales-Torres, der mit einem Auftritt eines Go-Go-Tänzers seine Ausstellung für fünf Minuten jeden Tag in einen Club verwandelte.

MUMOK 2015

Während es die einen eher spielerisch anlegten, konzentrierten sich andere auf politische oder soziale Themen. Gemeinsam war allen die zentrale Formel: Wir begnügen uns nicht mit der Präsentation von Kunst, auch Produktion und Distribution gehören dazu – und alles soll sichtbar sein. Statt Werke aus dem Atelier anzuliefern, produzierten Künstler erstmals direkt für oder in der Schau. Damals kamen auch die heute üblichen Informationstische in die Ausstellung, auf denen eigene Zeitschriften und Info-Material auslagen. Die Grenze zwischen Bild, Objekt und Recherche begann zu zerfließen, Wandzeitungen, Handbibliotheken, ausufernde Diagramme lösten den Werkbegriff auf, man sprach nur noch von ´künstlerischer Praxis´.

Stephan Prina

Stephan Prina

Mit der Jahrtausendwende war diese Phase beendet. Aus einem nicht einmal zwanzigjährigen Abstand heraus hat sich jetzt hat das Wiener MUMOK die Aufgabe vorgenommen, die „künstlerischen Praktiken um 1990“ aufzuarbeiten. Kurator ist Matthias Michalka, der diese Zeit miterlebte und mit eigenen Projekten mittrug. Kann ein Protagonist jener Zeit diese auf viele Initiativen und Städte verstreute Phase überhaupt aufarbeiten, ohne im Radius der eigenen Biographie stecken zu bleiben? „to expose, to show, to demonstrate, to inform, to offer“ beginnt mit Martha Roslers oben angesprochenen DIA-Schau, kombiniert mit Dokumentationen des US-amerikanischen Künstlerkollektivs Group Material. Ansatzweise ahnt man, wie bahnbrechend die Gruppe 1987 politische Themen wie die Verfassung der USA, Demokratie, aber auch Kriege und AIDS aufgriff. In den nächsten Räumen folgen die Serie von 14 monochrom grünen Bildern, mit denen der damalige Star Stephan Prina 1988/89 nur die Formate von wichtigen Werken der Kunstgeschichte von Kasimir Malewitsch über Piero Manzoni bis Barnett Newman aufgriff – das erschien damals enorm radikal: Wir lassen die Bilder weg und sprechen nur über die Formen. Auch Christopher Williams´ und Louise Lawlers institutionskritische Werke sind im MUMOK großzügig aufgebaut.

Ab da aber wird es eng. Zwar sehen wir rekonstruierte Ausstellungen der Kölner Galerie Christian Nagel. Aber nichts aus Hamburg, nichts aus Düsseldorf, geschweige denn der Versuch, auch nach neuen Beispielen in London, Paris oder sonstwo zu suchen. Stattdessen addieren sich all die mit Zetteln und Zeitschriften gefüllten Vitrinen, die Büchern in Regalen und die vielen Videomonitoren zu einer unstrukturierten Flut von Informationen, die alle einem kleinen Insiderkreis zuzuordnen sind. Wer dieses Jahrzehnt nicht miterlebte, findet keinen Eingang in die Flut der Projekte. Wer diese Zeit kennt, erkennt vieles wieder – und vermisst noch mehr. Warum beschränkt sich Michalka auf die drei Städte New York, Köln und Wien? Schön, in Wien die damals enorm wichtigen Projekte von „museum in progress“ einzugliedern, die Plakatwände, Tageszeitungen und den Eisernen Vorhang in der Oper als Ausstellungsorte entdeckten und etablierten. Aber warum nicht wenigsten im Katalog auch einige der anderen, ebenso unkonventionellen Projekte und Ausstellungen, auch über die drei Städte hinaus, aufgreifen? Warum selbst in den Fußnoten der Texte bei immer denselben Quellen und Namen verharren? Warum orientiert sich die Auswahl so sehr am Kreis einer einzigen Kölner Galerie? Mir geht es nicht um den Wunsch nach Vorständigkeit, sondern um eine Kritik an dem Museum/Kurator, das (Kunst-)Geschichte (um-)schreibt – in eine Geschichte, die mehr auf Aufschluß als auf Aufarbeitung basiert.

Am Ende dieses viel zu eng gesteckten Parcours hofft man nur noch, dass weitere Aufarbeitungen dieser wichtigen Epoche folgen werden, die dieser außergewöhnlichen Zeit gerechter werden.

MUMOK, to expose …, bis 24.1.2016

veröffentlicht in: Die Presse, 15.10.2015

 

alle Fotografien: c MUMOK