Kunst in Doha

20. Dez. 2011 in Reisen

Richard Serra, Doha 2011

Kunst in Doha: Richard Serra

Megaprojekte in atemberaubenden Tempo waren gestern. Jetzt herrscht Baustop in den Vereinigten Emiraten. Dubai wird keine Oper mehr erhalten und Abu Dhabis fünf Museumsbauten sind verschoben – manche wohl für immer. Während Jean Nouvels Projekt in Abu Dhabi ungewiss ist, wird sein auf 430.000 qm geplantes National Museum in Form einer Wüstenrose in Doha bereits zügig gebaut. Standen früher Sharjah mit der Biennale, Dubai mit Kunstmesse und Galerien, Abu Dhabi mit seinem „Saadiyat Island“-Kulturbezirk untereinander in Konkurrenz, so kommt jetzt das kleine Königreich Qatar als ernsthafter Gegner ins Spiel. Es geht um nicht weniger als den Führungsanspruch am Golf, ausgetragen auf dem Feld der Kultur.

Dafür setzt der Herrscher von Qatar auf die in den Emiraten bereits bewährte Taktik: Prestigeprojekte von Stararchitekten und Starkünstler. Jüngste Fertigstellung: die erste Skulptur im öffentlichen Raum am Golf von Richard Serra.

„Als ich das erste Mal herkam, war dort nur ein großer Schutthaufen.“ Richard Serra zeigt auf irgendeinen Ort zwischen der Promenade und dem Museum of Islamic Art (MIA). Damals sollte er eine Skulptur für den MIA Park vorschlagen. Aber statt nur einfach seine Stahlplatten aufzustellen, entwickelte er erst einmal ein neues Areal. Eine künstliche Halbinsel schlug er vor, die die Büro-Türme drüben am anderen Ufer mit dem Museum verbindet. Dafür musste der Architekt des Museums I. M. Pei sein Einverständnis geben – und der war begeistert. Jetzt führt eine 2 km lange Promenade an einer künstlichen Dünenlandschaft entlang bis auf einen Platz, der wie ein Hafenpier gestaltet ist. Hier, am Ziel des langen Weges, ragt Serras 24 Meter hohe Stahlskulptur namens „7“ in die Höhe.

Das ist ein einzigartiger Vorgang: den Ort für das Kunstwerk zu bauen – aber in dem kleinen Wüsten-Königreich Qatar ist nichts unmöglich. Die kleine Halbinsel, an der Grenze zu Saudi-Arabien gelegen und nur 180 km lang, 80 km breit, verdankt seinen Reichtum dem Erdgas. Bei einem Wirtschaftswachstum von 16 % jagt hier ein Projekt das nächste. Innerhalb von nicht einmal zehn Jahren ist die Hauptstadt Doha in eine Dubai-ähnliche Stadt verwandelt worden – allerdings ohne Nachtleben. Denn Qatar setzt nicht auf Tourismus, sondern auf Sport, Kongresse, Ausbildung und Kultur. Eine Universität nach der anderen entsteht in der „Education City“, Tennis- und Golfmeisterschaften werden hier ausgetragen, 2022 soll die Fußball-WM hier stattfinden. Im Sommer steigt die Temperatur auf 50 Grad, Fußball wird hier nicht live, sondern am Fernseher verfolgt. Christian Wacker, Direktor des Qatar Olympic & Sports Museum, sieht das aber trotzdem optimistisch. Man könne ja die WM in den Winter verlegen, oder die Stadien werden eben mit Solartechnik gekühlt. Und Bier müsse es eh per Vertrag geben, wehrt er die Bedenken ob des strengen Alkoholverbots in dem moslemischen Staat ab.

Bis dahin wird noch massiv gebaut. Ein Viertel des geplanten Kulturgebiets „Katara“ mit einem kitschigen Amphietheater, Geschäften und teuren Restaurants am Strand steht bereits. Und auch die Museen sind schon eingeweiht, 2008 das MIA, letztes Jahr das Arab Museum of Modern Art, kurz Mathaf (arabisch für Museum). Gut 250 Objekte wurden für das MIA seit 1998 gekauft, anfangs noch aus privater Leidenschaft, mittlerweile für die Sammlung. Im Mathaf dagegen finden Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst statt. Das Konzept dahinter ist simpel: Gezeigt wird, was berühmt ist – und das ausführlich. Über 50 Werke sind gerade von dem in New York lebenden, chinesischen Künstlers Cai Guo-Qiang zu sehen. Warum ein Chinese in Qatar? Das scheint sich der Künstler auch gefragt zu haben. Bei seiner Suche nach irgendeiner Verbindung fand er eine moslemische Gemeinde in seiner Heimatstadt Quanzhou – denen er die Installation „Homecoming“, 66 riesige Steinen mit Grabinschriften, gewidmet hat. Nächstes Jahr soll diese Installation dann in dem MIA Park aufgestellt werden.

Auch der US-amerikanische Starkünstler Serra hat sich diese Frage gestellt. Er fand eine Antwort in der formalen Ähnlichkeit seiner vertikalen Skulptur mit der Form der Minarette. Üblicherweise ein rundes Bauwerk, entdeckte er einen Turm mit kantigem, oktogonalem Grundriss in Afghanistan. Die Kollegen der arabischen Presse waren zwar von diesem formalistischen Islam-Bezug, auch von dem rohen Stahl und der reduzierten Form der sieben Stahlplatten mehr als befremdet, weil die Skulptur in keiner Weise die islamische Kultur widerspiegele. Trotzdem passt die Skulptur perfekt in das große Konzept des kleinen Königreichs. „Qatar – Where Things Come Together“ war überall in der Stadt als Leitmotto zu lesen. Tatsächlich finden hier scharfe Gegensätze zusammen: Qatar vermietet seit 1998 Land für das Hauptquartier der US-Truppen im Nahen Osten, mischt sich als Vermittler in die Revolutionen der Nachbarstaaten ein, finanziert die libyschen Rebellen mit und steht angeblich auch in Kontakt mit Israel. Und während sich ringsum westkritische Tendenzen verstärken, Abu Dhabi die Zahl der Museen auf der Saadiyat Island drastisch kürzt, wird hier intensiv in Westkunst investiert: Vor dem National Convention Centre steht eine große Spinne von Louise Bourgeois, nächstes Jahr wird Bourgeois, dann Takashi Murakami im Mathaf ausstellen und die Qatar Foundation wird die Damien Hirsts Tate-Ausstellung in London sponsern.

Richard Serra
7 (2011)
Composed of 7 steel plates that are 80 feet high, 8 feet wide and 4 inches thick, the sculpture is 10 feet wide at the bottom and 9 feet wide at the top.
On view in the new MIA Park, Doha, Qatar Courtesy of Qatar Museums Authority

Cai Guo-Qiang, Mathaf, Doha, bis 26. Mai 2012

Richard Serra, 7, MIA Park, Doha

veröffenticht in: Die Presse, 20.12.2011

 

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