4. Liverpool Biennale 2006

24. Nov. 2006 in Biennalen

Rigo 23

4. Liverpool Biennale 2006

Erst 1999 gegründet, ist die Liverpool Biennale eine vergleichsweise junge Ausstellung, die gekennzeichnet ist von dem explizit ortsspezefischen und sozial relevanten Charakter der Beiträge. Als „Konsultanten“ sind dieses Jahr Manray Hsu (Taiwan/Berlin) und Gerardo Mosquera (Kuba) für Konzept und Künstlerauswahl zuständig. Hsus „Archipuncture“ – Akkupunktur für die Stadt, um die Energie wieder zirkulieren zu lassen – und Gerardo Mosqueras Konzentration auf die kolonialistische Vergangenheit bildet den Rahmen für die 38 KünstlerInnen der diesjährigen vierten „Liverpool Biennale International 06“.

Einst eine reiche Handels- und Hafenmetropole, ist Liverpool heute eine ´schrumpfende Stadt´ mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, Kriminalität und Drogenproblemen. Neben den pompösen viktorianischen Prachtbauten verkommen die leerstehenden Häuser, dazwischen erzählen hochpreisige Neubauten von der Hoffnung auf bessere Zeiten. 2008 wird Liverpool Kulturhauptstadt. Was können KünstlerInnen in einer solchen aufgeladenen Situation aufgreifen, was beitragen? Gleich gegenüber vom Lime Street Bahnhof stehen zwei gewaltige Steinlöwen vor der klassizistischen St. Georg´s Hall. Rigo 23 ließ einen Stahlkäfig um die beiden Wächter bauen – ein tief beeindruckendes Bild für die gegenwärtige Situation der Stadt.

Rigo 23, Liverpool 2006

„A Better Tomorrow“ nennt Jun Yang seinen Film, in dem er die Verbindung zwischen Architektur und sozialer Struktur Liverpools mit der Erzählung von der Rückkehr seiner Eltern nach China kombiniert. Auch Tsui Kuang-yu führt uns durch die Stadt, weist in seinem Video auf absurde Momente hin, die er humorvoll umdeutet, etwa eine nutzlose Waschbetonfläche als „Massage Street“ oder eine Fußgängerbrücke als Rennstrecke für Fahrräder. Hans Schabus erinnert in seinem – am Ticketschalter der Fähre zu erwerbenden – Buch an die zahllosen Steine, die nach US-Amerika verschafft wurden als Ballast für zu wenig beladene Schiffe; Sissel Tolaas präsentiert ihren geruchsorientierten Streifzug durch Liverpool in „FACT“ (Foundation for Art & Creative Technology), während Carlos GaraicoasWandobjekte in der „Open Eye Gallery“ ausgestellt sind, Fotografien historischer Gebäude der Stadt rekonstruiert mit Nägeln und Bindfäden.

Sissel Tolaas, Liverpool 2006

Recherche ist die vorrangige Methode der Beiträge, nur wenige verlassen diesen sicheren Pfad. Chen Chien-jen, dessen Video „Lingchi: Echoes of a historical photograph“ auf der diesjährigen Gwangju Biennale zu den bemerkenswertesten Beiträge gehörte, erinnert in seinem Liverpooler Beitrag „The Route“ an einen Hafenarbeiter-Streik, der in Liverpool begann und sich als globales Ereignis um die Welt herum ausbreitete, bis jetzt nach zehn Jahren auch in Taiwan ein Streik ausbrach. Es ist eine Fiktion. Statt zu dokumentieren will Chen initiieren, in den Gesprächen mit Hafenarbeitern ein Bewusstsein, mit dem Film eine solche Protesthaltung erzeugen.

Eine Umdeutung nimmt auch Humberto Vélez in seiner Performance „The Welcoming“ vor, wenn er seine fröhliche, bunte Menschengruppe unter anfeuerndem Trommelrhythmus und Lachen vom Schiff an Land gehen lässt – zugleich Erinnerung an den früheren Sklavenhandel in Liverpool und Wunsch für heutige Migration, für Diskussionen. Einen unerwarteten Umgang mit Ortsbezug wählt Teresa Margolles mit „On Sorrow“: Sie lässt eine Tordurchfahrt mit zerbrochenem Verbundglas pflastern, zugleich wunderschön-wertvoll wie Diamanten aussehend und an die kriminellen Gefahren der Nacht erinnernd. Es ist eine enorm intensive, poetische und auch ortsspezifische Arbeit, denn hier mitten im Nachtclub-Viertel Liverpools liegen diese Glassplitter überall auf den Strassen, Reste von Autodiebstählen und -unfällen. Margolles allerdings ließ ihre Glassplitter aus Mexiko importieren, Originalmaterial von „violent drug-related crime“ – ist dieser Umstand wirklich notwendig? Hier wird Ortsbezug umgedeutet, Lateinamerika trifft Liverpool, Gewalt als globales Phänomen.

Jorge Pardo, Liverpool 2004

In vielen Beiträgen der Biennale geht das Konzept perfekt auf, da vielfältige Bezüge in, um und über die Stadt gelegt werden, Erinnerungen, Wünsche und Wirklichkeiten einbeziehend und manche als Werke stark genug sind, um auch autonom zu bestehen. Die tragen dann ein Bild von Liverpool in die Welt hinaus, während man in Liverpool durch den Parcour von 27 Orten die Stadt erlebt. Aber es gibt auch einige vage Werke, etwa Toba Khedooris abstraktes Bild oder ein Fragezeichen als Lichtinstallation im Hafen von Hans Peter Kuhn. Solches Auskraken an den Rändern von Konzept und Qualität liegt in der administrativen Struktur der Biennale begründet, denn anders als sonst bestimmen nicht nur die Kuratoren bzw. „Konsultanten“ die Künstlerliste, sondern ebenso die Leitung der Biennale und der assoziierten Institutionen. Das ist zwar lobenswert demokratisch, geht aber leider auf Kosten der Qualität dieses ganz speziellen Biennale-Modells. 

Priscilla Monge, Liverpool 2006

publiziert in: Kunstbulletin 11/2006

http://www.artnet.de/magazine/4-liverpool-biennale/

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