Malerei 2000, Backstage, Zerbrochene Spiegel – Hamburg 1994

05. Jan. 1994 in Ausstellungen

I.
Bei Konzerten in der Essener Grugahalle war es früher immer das sportliche Ziel, kostenfrei an backstage-Ausweise ranzukommen. Die Welt hinter der Bühne schien geheimnisvoller und authentischer als das Bühnenereignis, das ja nur einen inszenierter Auftritt von Erprobtem bereit hielt. Backstage war das Versprechen eines Star-Erlebnisses, auch wenn wir meist nur die Helfer und Mitreisenden der Musiker trafen. „Backstage“ tauchte jetzt wieder auf, als Titel der Hamburger Kunstvereins-Ausstellung. Allerdings ist hier nicht von den verklärten Teeny-Vorstellungen die Rede, stattdessen von „Rollenwechsel“, von „Führungen“ zu Werkstätten, Lagern und Büros, von selbstzweiflerischen Künstlerfragen zum eigenen Selbstverständnis.
Vom Spielplan her gehört „Backstage“ nicht ins „Malerei 2000„-Blickfeld. „Malerei 2000″ spielte als Vorgruppe zur von Kasper König zunächst für Wien kuratierte Ausstellung „Zerbrochene Spiegel„, die anschließend in Hamburg zu sehen war. Dort geriet allerdings der Konzertablauf durcheinander.  ‚Gegenausstellung‘ wurde „Malerei 2000“ genannt – Malerei gegen Malerei? Oder  ‚institutionelle gegen nicht-institutionelle Ausstellung‘ ? Gegenausstellung. Vielleicht versteht Kunstvereins-Direktor Stefan Schmidt-Wulffen seine Show „Backstage“ ja auch als Gegenausstellung zum „Zerbrochenen Spiegel“? „Backstage“ im Kunstverein war als institutionalisierter Schritt hinter die Kulissen inszeniert, eine Art Schulterschluß zwischen Produzenten und Auftraggeber, eine verordnete Kritik. Wo ist überhaupt der ‚Hinterraum‘ einer Ausstellung? Lager und Büro des Leiters kann nicht genannt werden, denn das sind die Rückseiten der Institution. Hinter den Kulissen, das ist im Atelier, das ist der Ort, wo der Sammler so gerne dem Künstler beim Arbeiten über die Schulter schaut. Mit „Backstage“ wurde postuliert, daß der Produktionsort in die Präsentationsstätte verlegt wird, was eine Abgrenzung zu den Malerei-Ausstellungen ist. Denn dort wurden im Atelier vollendete Werke gezeigt, während im Kunstverein die Herstellung der Arbeiten erst mit und in der Ausstellung abgeschlossen war. Die Falle dabei ist allerdings, daß die Leblosigkeit der meisten Institutionsausstellungen nicht über Tricks belebt werden kann – auf der Bühne Kulissenatmosphäre zu zitieren reicht nicht aus, um das Inszenierte der Bühne vergessen zu lassen. Und den meisten Akteuren jener Kunstvereins-Ausstellung ist kaum zu glauben, daß ihr Thema die Produktionsbedingungen – was von der konzeptuellen Anlage der Ausstellung nahegelegt wird – sind.
Institutionsausstellungen bleiben Bühnenereignisse, egal, welche Kulissenideen und Beleuchtungseffekte bemüht werden. Wenn ich ‚hinter den Kulissen‘ kunstweltlich als Atelier bestimmt habe, dann sind die damit verbundenen Vorstellungen am ehesten auf die „Malerei 2000“-Ausstellung zu projizieren.
II.
Die Metapher des Nebenschauplatzes lenkt den Blick vom Ausgestellten ab – was im Beispiel von „Backstage“ äußerst hilfreich, geradezu zuvorkommend ist. Und lenkt hin zu den Produktionsbedingungen. Hinter der Bühne herrschen andere Abmachungen und Zeitpläne. Differenziert man die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen den drei Ausstellungen in Hamburg genauer, dann schaffen die Auswahlkriterien wieder eine umgekehrte Gemeinsamkeit, nämlich zwischen den beiden Institutionsausstellungen, die auf kunstpolitischen Verabredungen basieren. Die Organisatoren von „Malerei 2000″ dagegen sammelten die Bilder in den Ateliers ihrer Freunde und Bekannten ein. Indem soziale Kontakte über kunstpolitischen Entscheidungen rangieren, kommen die Bilder nicht wie im „Zerbrochenen Spiegel“ und in „Backstage“ zu einer Qualifikationsausstellung zusammen. Was sich deutlich in der Präsentationsweise manifestiert: Die zugehängten Wände in „Malerei 2000“ folgen anekdotischen über atmosphärische bis formalen Kriterien. Mit den Bildern wird vom Radius des Kontaktkreises erzählt. Marktpolitische Behauptungen werden den beiden anderen Ausstellungen überlassen, die damit über den heilig-leblosen Auftritt der Exponate hinwegtrösten können.
III.
Der Schritt hinter die Bühne war im Kunstverein nur ein sprachlicher Kniff. Weder die Arbeiten noch die Organisationsstruktur lösten die Programmpunkte „Rollenwechsel“ und Selbstreflexion ein. Die fanden sich in „Malerei 2000“, allerdings nicht im Rampenlicht, sondern auf der Organisationsebene. Damit ist weniger ‚Künstler als Kurator‘ gemeint als die Eigenarten des Programmablaufs in der Hamburger Station, die die Ausstellung prägten – von Auswahl, Präsentationsweise bis zur Katalogproduktion. Soziale Entscheidungen übertrumpfen bis revidieren Organisatorisches und Programmatisches. In diesem Zusammenhang fällt dann auch wieder die ominöse Erklärungshilfe zur Ausstellung ein, jener Begriff der ‚Gegenausstellung‘. Vielleicht ist diese Kategorie anfangs mal aus einem ‚gegen spektakuläre Inszenierungen‘ entstanden, hat sich aber in Hamburg verselbständigt. ‚Gegen‘ ist vielleicht so etwas wie die Grundhaltung, eine Gleichung wie ‚aus Unlust an = gegen‘. Damit scheint auf nicht Konkretes gezielt, sondern ein Raum für Aktivitäten freigehalten. ‚Gegen‘ nicht als Programm, nicht als Leitfaden, eher als backstage der Aufführungspraxis und Einladungspolitik kunstweltlicher Auftritte.
IV.
Meine frühen backstage-Erlebnisse zeigten mir immer, daß backstage-Ausweis allein nicht als Eintrittskarte ins Reich des Anderen ausreichten, weil sich erst, wenn man einen kannte oder kennenlernte, der Eindruck von Durcheinander hinter der Bühne in Anflüge von Dazugehörigkeit auflöste. Ohne Fragen und Ansprechen blieb man genauso draußen wie vor der Bühne. So ähnlich präsentierte sich auch „Malerei 2000“. Der Verzicht auf Programmatisches, auf auratisierende Effekte und auf deutliche Autorenschaften ließen distanzierte Beteiligung bzw. unbeteiligtes Besuchen ins Leere laufen. Ein auf den Stuhlreihen sich Ereignisse vorspielen lassender Zuschauer verpaßt den Auftritt.
veröffentlicht in: ANYP, Januar 1994